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Aya Cissoko (l.) im Ring, 2006.
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Aya Cissoko (l.) im Ring, 2006.

Aya Cissoko

Hart erkämpfte Würde

  • Marie-Sophie Adeoso
    VonMarie-Sophie Adeoso
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Aya Cissoko erzählt von ihrer Mutter und dem Leben einer Familie aus Mali in Frankreich.

Nein, diese Mutter ist kein klassisches Vorbild. Sie flucht wie ein Rohrspatz und beschimpft ihre Kinder in unflätigen Tönen, als „rotes Arschloch“ oder „Dreckskind“. Sie hat tradierte Geschlechterrollenvorstellungen im Kopf und bricht sie doch selbst, wenn sie ihren Sohn zum Wohnungsputz anhält oder ihre Tochter in den Boxverein ziehen lässt; wenn sie selbst sich den Bevormundungen der sie umgebenden Männer widersetzt. Sie verdrischt ihre Kinder, schlägt insbesondere die aufmüpfige Tochter Aya, wenn ihr die Argumente ausgehen, „am liebsten auf den Kopf“ – obwohl sie doch zugleich ihre Kinder als ihren einzigen Reichtum betrachtet, als „ihre einzige Hoffnung auf ein besseres Leben“.

Dieser Mutterfigur in ihrer gesamten Ambivalenz setzt die 1978 als Kind malischer Zuwanderer in Frankreich geborene Autorin Aya Cissoko mit ihrem Roman „Ma“ ein autobiografisch gefärbtes Denkmal. Gemeinsam mit der Jugendbuchautorin Marie Desplechin hatte die einstige Amateur-Boxweltmeisterin 2011 bereits ihre Autobiografie „Danbé“ verfasst. Nun findet sie eigene Worte für die Geschichte ihrer Mutter, die natürlich zugleich auch ihre eigene Geschichte ist.

Es ist diese vom Leben in all seinen Härten gezeichnete Geschichte, die „Ma“ lesenswert macht und über die mangelnde sprachliche und literarische Finesse hinwegsehen lässt. „Ma hat ihren aufrechten Gang teuer bezahlt“, sagt die Ich-Erzählerin schon im ersten Kapitel, das mit dem Begräbnis der Mutter beginnt. Sie wird fortan in der Rückschau die Geschichte einer als Analphabetin aus Mali eingewanderten Frau erzählen, die bei einem mutmaßlich aus rassistischen Motiven verübten Brandanschlag auf das Wohnhaus der Familie ihren Mann und eine Tochter verliert, später noch ein an Hirnhautentzündung gestorbenes Kind betrauern muss und ihre verbliebenen beiden Kinder, Ich-Erzählerin Aya und ihren Bruder Koroke, fortan alleine durchbringt. 

Misstrauisch beäugt von den ebenfalls aus ihrer Heimatregion migrierten Männern, die der Witwe vorschreiben wollen, wie sie ihr Leben zu leben habe. Die ihr prophezeien, es als Alleinerziehende in Frankreich niemals schaffen zu können, ohne in die Prostitution abzurutschen – tatsächlich aber diejenigen sein werden, die aus dem Tod des Vaters Profit zu schlagen versuchen und sich von der hart arbeitenden Mutter mitfinanzieren lassen. Die sich als Pensionsgäste oder Wahrsager samt Kundschaft und Hühnern in der beengten Wohnung der Familie häuslich einrichten; die selbst die Beerdigung der Mutter für sich vereinnahmen und Tochter Aya an den Rand drängen – „Ein Begräbnis ist keine Weibersache.“

Aya Cissoko erzählt von den vielen Zumutungen und Schicksalsschlägen ihrer Kindheit und Jugend in kurzen, anekdotisch verfassten Kapiteln. In zahlreichen Zitaten, teils aus dem offenbar gebrochenen Französisch der Mutter, teils aus ihrer Herkunftssprache Bambara, lässt sie die Mutter fortleben. Cissokos ansonsten knapper Erzählton wirkt dabei oftmals schroff und spröde, emotional distanziert.

Beinahe beiläufig erzählt reihen sich schreckliche Tragödien wie der tödliche Brandanschlag, aber auch als junge Frau errungene Erfolge Ayas, wie ihr Weltmeistertitel, zu scheinbar kaum gesondert hervorzuhebenden Erfahrungen unter vielen ein.

Gleichwohl gelingt es Cissoko, den am Ende einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung gewachsenen Respekt für die Lebensleistung ihrer Mutter klar herauszuarbeiten und aufzuzeigen, wie sie in all ihrer widersprüchlichen Erziehung auch ihrer Tochter ein Gefühl für den Wert der eigenen Würde mit auf den Weg gegeben hat. Eine Würde, die sowohl die Mutter, als auch ihre im Spannungsverhältnis französischer und malischer Werte aufwachsende Tochter sich auf ihre je individuelle Weise hart erkämpfen müssen.

Cissoko öffnet mit ihrem Buch zudem den Blick in eine Lebensrealität, die sich kaum anders als mit dem oft problematisch verwendeten Begriff einer Parallelgesellschaft bezeichnen lässt: Sie schildert, wie malische Einwanderinnen und Einwanderer, in die Sozialwohnungsblocks der französischen Vorstädte verbannt, ein prekäres Leben am Rande der Gesellschaft fristen, die sie ausgrenzt, von der sie sich aber auch selbst klar abgrenzen. Mehr als einmal fallen irritierend pauschale Formulierungen in der Art „wie das bei den Schwarzen üblich ist“, die der Komplexität von Identitäten in modernen Einwanderungsgesellschaften kaum gerecht werden. Aber viel aussagen über die Gefühle jener, die am Rande stehen.

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