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"Wer den Sprung in die Leseflüssigkeit nicht schafft, wird als Erwachsener den Anforderungen in kaum einem Beruf genügen", sagt Kirsten Boie.

Kirsten Boie

"Harry Potter" sorgt für eine stabile Lesekompetenz

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Bildung ist Ländersache in Deutschland, doch die Schriftstellerin Kirsten Boie hält das Lesenlernen für eine nationale Aufgabe.

Frau Boie, wir sind nicht weit vom Bundesbildungsministerium entfernt. Hatten Sie schon Kontakt zu Ministerin Anja Karliczek?
Nicht direkt, aber ihr ist die Hamburger Erklärung zugestellt worden. Und es wird wahrscheinlich im Dezember ein Treffen geben, zusammen mit Helmut Holter, dem Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz.
 
Was versprechen Sie sich davon, den Politikern die Petition zu übergeben?
Ich denke, das ist ein wichtiger zweiter Schritt. Er signalisiert, dass die Bedeutung des Themas da angekommen ist, wo sie hin sollte. Der erste Schritt waren und sind die Unterschriften auf Change.org Dann muss es weitergehen. 
 
Sie beziehen Sie auf die Iglu-Studie, die ergab, dass knapp ein Fünftel der Zehnjährigen in Deutschland nicht so lesen kann, dass der Text dabei auch verstanden wird.
Ja, das ist unser Ausgangspunkt. Im internationalen Vergleich ist Deutschland in dieser Untersuchung von Platz 5, wo wir 2001 waren, auf die 21. Position abgerutscht. 
 
Bereits wenn man die Website des Bundesbildungsministeriums aufruft, schlägt einem der Satz entgegen: „Bildung ist in Deutschland Ländersache“. Warum wollen Sie mit der Petition überhaupt zu Frau Karliczek?
Der Bildungsföderalismus ist, glaube ich, durchaus auch Teil des Problems. Weil jedes Bundesland für sich selbst Lösungen sucht. 

 Wollen Sie denn den Föderalismus an der Stelle aufheben?
Keinesfalls! Aber wenn das Thema bei der Bundespolitik ankommt, können Erfahrungen besser ausgetauscht werden. Man sieht es ja, wenn man sich vergleichbare Bundesländer anschaut. Ich will Sie hier in Berlin jetzt nicht unglücklich machen, aber Sie sollten einmal auf die Ergebnisse der Stadtstaaten sehen: Bundesweit sind es 18,9 Prozent der Zehnjährigen, die nicht sinnentnehmend lesen können, in Bremen sind es 20 Prozent und in Berlin sogar 25 Prozent der Kinder. Aber in Hamburg nur 14 Prozent. Wie schafft es Hamburg, fast 5 Prozent unter dem bundesdurchschnittlichen Wert zu sein?
 
Das können Sie sicher beantworten.

Hamburg hat ab 2004 eine Sprachprüfung für alle Viereinhalbjährigen eingeführt. Alle, die nicht einen bestimmten Sprachstand hatten, bekamen eine verpflichtende Förderung. Es gibt noch andere Projekte. So hat jede erste und zweite Klasse eine Bilderbuchkiste zur eigenen Benutzung, die gehört den Öffentlichen Bücherhallen. 
 
Heißt die Petition also aus einem gewissen Stolz heraus „Hamburger Erklärung“?
Nein, sie heißt so, weil ich schwergewichtige Erstunterzeichner brauchte, die dazu führen, dass es ein bisschen Medienpräsenz kriegt. Das war für mich in Hamburg am einfachsten, weil ich dort lebe und mit vielen Menschen in Kontakt bin. 
 
Und das sind dann Klaus von Dohnanyi, Ulla Hahn, Kent Nagano, Ulrich Wickert...
Zum Beispiel, ja. Außerdem beruht unser heutiges Schulsystem auf einem Beschluss der Kultusministerkonferenz von 1964, der hieß „Hamburger Abkommen“. Da war ja die Erklärung ein schöner Anschluss. 
 
Was sind Ihre Kernpunkte?
Die Erklärung bezieht sich nur auf die Grundschule, weil nur in dem Bereich der Staat verantwortlich ist. Sie verlangt eine Verkleinerung der Klassen und die Einstellung von sehr viel mehr Grundschullehrern. Denn wenn ich mehr habe, können die sich dem einzelnen Kind besser zuwenden. Außerdem braucht man eine spezielle Qualifizierung der Klassenlehrer, was das Lesenlernen betrifft – damit die früh erkennen und eingreifen können, wenn es hakt. Man sollte Bibliotheken in Schulen einrichten. Das sind alles nur Forderungen, um die Erklärung auf den Weg bringen zu können.

Damit sie möglichst konkret ist?
Natürlich. Ich möchte eigentlich, dass man die Erkenntnisse all der hochkompetenten Leute, die dazu geforscht haben, zusammenführt. Dass man auf Grundlage von deren Wissen etwas unternimmt. Lesenkönnen ist das Nadelöhr in die Gesellschaft und das Nadelöhr ins Lesenkönnen ist die Leseflüssigkeit. 
 
Dass man nicht buchstabiert, sondern das ganze Wort aufnimmt?
Der geübte Leser erfasst ja mehrere Zeilen im Voraus. Wissen Sie, in Deutschland werden in den Schulen im Schnitt nur halb so viele Stunden aufs Lesen verwendet wie in den anderen Ländern. Das wäre ja eine kostengünstige Sache, dass man die Zeit für das Lesetraining erhöht. Aber da sagen mir die Bildungspolitiker, dass man sie ständig bedränge, was noch alles unterrichtet werden müsse, zum Beispiel soll über die Nützlichkeit veganen Lebens gelehrt werden. Ich denke, das Lesenlernen ist erstmal wichtiger. 
 
Hierzulande ist es möglich, dass Ferkel weiter ohne Betäubung kastriert werden, weil die Lobby der Schweinezüchter ein Gesetz aushebeln kann. Und die Autoindustrie kommt unbeschadet durch ihren Abgasskandal.
Genau!
 
Warum? 
Die haben eine ökonomisch starke Lobby. Bildungspolitik nicht.
 
Was kann man tun? Müssen die Verlage sich mehr engagieren?
Was sind denn die Verlage im Vergleich zur Autoindustrie? Da müssen wir mal realistisch bleiben. Aber der Börsenverein des Deutschen Buchhandels unterstützt nicht nur die Hamburger Erklärung, genau wie der PEN. Er trägt sie sogar mit. Das ist der Wirtschaftsfaktor in diesem Bereich. 
 
Beim Gespräch auf der Buchmesse mit Ihnen verwies der Chef des Börsenvereins auf die Banken, für deren Rettung der Staat genug Geld hatte. 
Ja, 60 Milliarden Euro haben dafür zur Verfügung gestanden. 
 
Die Kinder sind die Zukunft der Gesellschaft. Warum ist es so schwer, da Alarm zu schlagen?
Es ist so ein leises Thema. Es ist nie akut. Andere Themen kommen plötzlich angeprescht: Es gibt den einen Vorfall, den Atomunfall, den großen Betrug … – und die Medien springen auf, die Politiker müssen reagieren. Finden Sie mal das eine dramatische Ereignis, dessen Ursache sich auf mangelnde Lesekompetenz zurückführen ließe. Die Probleme wachsen langsam. Wer den Sprung in die Leseflüssigkeit nicht schafft, wird als Erwachsener den Anforderungen in kaum einem Beruf genügen.

 
Warum ist die Situation eigentlich noch schlechter geworden?
Na ja, 2001 waren wir auch schon bei 13 Prozent. Ein Problem ist natürlich die Heterogenität, was einmal eine Umschreibung für die wachsende Zahl von Migranten ist, aber ebenso für die Bildungsheterogenität der Familien. Wir haben immer mehr Kinder an den Schulen, deren Sprachfähigkeit nicht ausreicht: Wenn mir viele Wörter nicht geläufig sind, fehlt mir die Grundlage für das Textverständnis. Das nimmt leider eher zu.
 
Wegen der Flüchtlinge?
Nein, wegen der technischen Entwicklung. Ich habe früher selbst in einer Brennpunktschule unterrichtet. Die Kinder sprachen breitestes Hamburgisch, auch wenn sie zu Hause vielleicht mal Videos auf Türkisch guckten. Heute können die Menschen durch Internet und Kabelfernsehen leichter in ihrer Herkunftssprache bleiben. Und es ist nicht nur der Migrationshintergrund.
 
Sondern vor allem der Bildungsgrad des Elternhauses, das ist wirklich bitter. Wie kann man dem begegnen?
Wir haben in Hamburg gesehen, dass Kinder, die vor der Schule im Kindergarten waren, wesentlich weniger Probleme hatten. 
 
Also sind Sie für eine verpflichtende Kindergartenzeit?
Oder Vorschule – Österreich hat zwei Jahre Vorschulpflicht. So etwas würde ich mir wünschen, klar. Weil aber das Lesen an sich der Schlüssel ist für alles weitere, konzentriere ich mich jetzt darauf. Und natürlich begrüße ich alle Initiativen, die mit Leseförderung zu tun haben.
 
Weil Sie wissen, das ist Ihr Publikum?
Ach was, nein. Es gibt sehr viele Gründe für Kinder, Bücher zu lesen. Ein Kind, das einen Band „Harry Potter“ gelesen hat, verfügt über eine stabile Lesekompetenz für sein ganzes Leben. Mir geht es nicht einmal nur um die Bücher. Ich will, dass Jugendliche verstehen, was in der Zeitung steht und nicht nur Youtube-Videos schauen.
 
Was macht das mit Ihnen als Autorin? Beeinflusst Sie dieses Wissen über lesende und nichtlesende Kinder?
Das ist wie mit meinen sämtlichen Lebens- und Lektüreerfahrungen. Das liegt alles irgendwo in meinen Synapsen. Ich weiß, dass ich mit bestimmten Texten bestimmte Kinder nicht erreichen werde. Aber nur noch Bücher mit einfachen Sätzen zu schreiben, das wäre mir zu langweilig. Und meinen anderen Lesern vermutlich auch.
 
Haben Sie eigentlich schreiben können seit dem Sommer? 
Nein. Es kommt im Februar ein neues Buch, das hatte ich schon vorher fertig. Dann war ich nur noch mit der Petition beschäftigt. Aber ich habe so viel gelernt dabei, einerseits durch die Studien und andererseits von Lehrern, die aus ihrer Arbeit erzählten. Und wenn es jetzt Ergebnisse gibt, dann war es das wert. 

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