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Berliner Kurfürstendamm, 1976 – in der Nähe ist der Erzähler von „Schöner denn je“, dem neuen Roman von Hans-Ulrich Treichel, untergekommen.
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Berliner Kurfürstendamm, 1976 – in der Nähe ist der Erzähler von „Schöner denn je“, dem neuen Roman von Hans-Ulrich Treichel, untergekommen.

Berlin-Roman

Hans-Ulrich Treichel: „Schöner denn je“ – Aus dem Leben eines Romanisten

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Damals in Westberlin: Hans-Ulrich Treichel lässt in „Schöner denn je“ einen Genazino-Helden was erleben.

In Hans-Ulrich Treichels neuem Roman „Schöner denn je“ erlebt ein sogenannter uninteressanter Mensch etwas halbwegs Interessantes. Er kann jedoch nicht viel daraus machen. Darum kann auch das Buch nicht viel daraus machen. Aber das gelingt ausgezeichnet.

Die Sicht auf den Lauf der Dinge in „Schöner denn je“ (ein schöner Titel, der dann auch schön hergeleitet wird) erinnert an den Blickwinkel eines Wilhelm-Genazino-Helden: präzise, verzweifelt und mit sehr viel mehr Selbstironie als Entschlossenheit. Unter diesem Aspekt hat dieser schmale Roman einiges mit einem Genazino-Roman gemeinsam. Auch Treichel ist ein Meister darin, das Leben und Dasein eines Tropfes zu skizzieren, ohne sich ins einfach Komödiantische zu verstricken. Auch der erzählende Held in „Schöner denn je“ ist ein Beobachter des Lebens in Sichtweite und seiner selbst. Da sich in Genazino-Romanen im Allgemeinen noch weniger ereignet als hier, hinkt der Vergleich. In „Schöner denn je“ ereignet sich durchaus etwas!

Andreas Reiss, Romanist, arbeitet in Westberlin in der Lehreraus- und -weiterbildung. „Wie schrieb sich das überhaupt? Manchmal war ich mir selbst nicht sicher.“ Seine Ehe mit Susanne ist von der unfreiwilligen Kinderlosigkeit „überfordert“ worden, dazu kommt eine „inzestuöse Hemmung“ seinerseits, da er Susanne ja inzwischen sehr gut kennt: glänzende Beobachtungen des Erzählers, der ein sogenannter uninteressanter Mann ist, aber nicht dumm oder unaufmerksam, schon gar nicht ist er ohne Worte. Sein Problem ist eher die geschärfte Wahrnehmung des geschulten Geisteswissenschaftlers. Andreas Reiss ist der Typ Mensch, der auch die kleinsten verächtlichen Signale von subalternen Hotelangestellten nicht übersehen kann. Ein anstrengendes Leben, obwohl er das gewiss nicht anstrebt. „Doch ich war nicht außer mir, tanzte auch nicht um den Esstisch herum, sondern blieb ruhig. Mehr als ruhig. Die Mediziner wissen, dass Freude genauso viel Stress erzeugen kann wie Angst. Aber ich hatte keinen Stress, oder nur insofern, als ich eine starke Müdigkeit verspürte, mich fast ein wenig betäubt fühlte und Mühe hatte, mir die Situation zu vergegenwärtigen.“ Denn nun hat sich etwas ereignet!

Andreas Reiss ist ein Geisteswissenschaftler mit unbefristeter und einigermaßen fachnaher Festanstellung – ein Privileg, wie er durch seine geisteswissenschaftliche Umgebung nur zu gut weiß. Andererseits ist Lehreraus- und -weiterbildung auch nichts, mit dem man in einer Kneipe groß angeben würde. Übergangsweise lebt er in der perfekt gelegenen Wohnung seines alten Mitschülers Erik. Erik ist unterwegs. Die perfekt gelegene Wohnung ist auch perfekt eingerichtet, wobei einiges auch eigenartig wirkt.

Aber um Erik geht es nicht. Erik, das wäre ein Roman von anderem Kaliber geworden, und wüsste Andreas Reiss, dass er eine Romanfigur ist, wäre ihm das nur allzu schmerzlich bewusst. Denn mit Erik trägt er einen jener „Wettbewerbe des Lebens“ aus, die jeder kennt, aber nicht jeder so zelebriert. Der Erzähler ist dabei stets unterlegen, und wenn er es nicht ist, fühlt er sich so. Erik, das ist meistens der Fall, bekommt davon anscheinend nichts mit. Er führt einfach sein offenbar spannendes, intensives, aber auch merkwürdiges Leben. „Er war der Star und ich der Fan.“

Das Buch

Hans-Ulrich Treichel: Schöner denn je. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 175 Seiten, 22 Euro.

So könnte man lange weitererzählen. Aber, wie gesagt, nun ereignet sich etwas!

In Eriks Wohnung ruft Hélène an, die Lieblingsschauspielerin des Erzählers. „Lieblingsschauspielerin“ ist eine Andreas-Reiss-Untertreibung. Ihr Name, Hélène Grossman, geborene Scherpf, ist bereits gefallen, häufiger, aber das ist eine andere Sphäre. Nun ist die andere Sphäre plötzlich am Apparat (man telefoniert hier durchaus noch mit Apparaten, zart tupft Treichel sie hin, die alten Zeiten). Die Filmdiva ist kurz in der Stadt, braucht einen Fahrer. Es gibt Wunder, bei denen es dann kein Wunder ist, dass nicht so richtig etwas daraus wird. Dennoch hat man es erlebt.

Andreas Reiss – man erfährt es im ersten Satz, ahnt aber natürlich noch nicht, worum es geht – hat bisher noch nie darüber gesprochen. Das weckt hohe Erwartungen. Die Nonchalance, mit der Treichel (Andreas Reiss hingegen weiß ja nicht, dass wir mitlesen) sie nicht erfüllt, hat Größe.

Vielleicht trifft es sich gut, wenn ein Sprach- und Literaturwissenschaftler der Erzähler einer solchen Geschichte ist. Sein Bemühen um Genauigkeit führt zum Beispiel zum Exkurs über das „gute Fremdsein“, das der temporär Wohnungslose in Eriks Reich einüben will. „Aber wie arbeitete man daran, sich auf gute Weise nicht zu Hause zu fühlen? Meines Erachtens hing es davon ab, dass man mitmenschliche Bindungen einging, Bindungen jeder Art. Vom nachbarschaftlichen Gruß im Treppenhaus bis zur sexuellen Verschmelzung mit der Geliebten. Alles hatte seinen Sinn. Alles war Arbeit am guten Fremdsein.“

Auch fachlich zeigt der Erzähler mehr Profil, als man zunächst erwartet hätte. Er sei der Überzeugung, erklärt er als Experte für Fremdsprachen, „dass alles Sprechen ein immerwährendes Sprechenlernen ist, genauso wie jedes Schreiben ein immerwährendes Schreibenlernen, egal, ob es sich um die Muttersprache handelte oder nicht“. Er setzt hinzu (als sei die Sprachforschung ein Minenfeld): „Aber das war meine Privatmeinung.“ Der Erzähler ist auch zu kleinen Boshaftigkeiten fähig. Unfair allerdings, dass Susanne ihm übel nimmt, dass er ihr eine Kunstpostkarte mit einer hochschwangeren (Susanne: aus dem Kleid platzenden) Madonna geschickt hat. Er habe nicht darüber nachgedacht. Versichert er uns.

Seine Liebe zu Frankreich gleicht möglicherweise das Brave in ihm aus (Romanisten, ein eigener Menschenschlag) und dass er als Sommerlektüre den „Glücklichen Tod“ wählt, erzählt er glaubhaft ohne Hintersinn. Als Romanistikstudent hat er geraucht, als Aus- und -Weiterbilder damit aufgehört. Ist er angepasst? Nicht mehr als wir alle. Mehr als Erik selbstverständlich. Erik ist vermutlich absolut nicht angepasst.

Mit Ruhe und Intensität, mit der Intensität lakonischer Ruhe überlässt Treichel dem Erzähler das Wort. Die Ereignisse überschlagen sich nicht gerade, aber die Gefühle wallen. „Doch ich war nicht ihr Liebhaber. Das sollte ich nicht einmal denken. Ich sollte noch nicht einmal denken, dass ich nicht ihr Liebhaber war.“ So führt Treichel uns wie von ungefähr in einen Zustand, in dem kaum noch einer der Ansicht sein dürfte, Erik wäre interessanter gewesen. Als hätte es der Erzähler, der es faustdick hinter den Ohren hat, genau so beabsichtigt.

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