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Hans Neuenfels: „Fast nackt. Letzte Texte“ – Die heiße Nadel im Wachs

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Hans Neuenfels, 1962 in Wien. Foto: privat
Hans Neuenfels, 1962 in Wien. Foto: privat © privat

„Fast nackt“, die letzten Texte des Regisseurs Hans Neuenfels, sind in vielfältiger Weise bewegend.

Er hat gearbeitet, geschrieben, inszeniert, bis zuletzt. Ungeachtet seiner schweren Krankheit, die ihn dreimal in der Woche zur Dialyse zwang. Er blieb ein Kämpfer bis in den Tod. Bei unserem Gespräch im Mai 2021, zu seinem 80. Geburtstag, ging Hans Neuenfels ins Gericht mit dem Zustand des deutschen Theaters. Es übe keinen Druck mehr aus „im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungen“, es fehle an einer Auseinandersetzung über Stoffe und Inhalte.

Am 6. Februar 2022 ist der Regisseur, der Theatergeschichte schrieb, in Berlin gestorben. Jetzt erscheinen im kleinen Eisele Verlag letzte Texte von ihm unter dem Titel „Fast nackt“. In vielfältiger Weise bewegend.

Sie setzen sich mit dem herannahenden Tod auseinander. Beschwören noch einmal Höhepunkte seiner Arbeit wie die Inszenierung der „Medea“ 1976 für das Schauspiel Frankfurt. Sind ein intensives Zeugnis seiner Liebe zu der Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, die sein Lebensmensch war. Sie zeigen in Prosatexten den Erzähler Neuenfels, der unglaublich verdichten, beschleunigen kann. Und in Gedichten den Poeten, dessen Sprachbilder nachwirken.

Wie umgehen mit der Gewissheit des baldigen Lebensendes? Ausgerechnet Hans Neuenfels, dem doch, wie er schreibt, „die Wirklichkeit, das Unverrückbare“, immer ein Gräuel war? Deswegen sei er Regisseur geworden. Als seine Mutter 85 Jahre alt wird, skizziert er ihr seine Arbeit am Theater mit den Worten: „Ich habe einmal eine heiße Nadel in das Wachs gestochen, mit dem das Schlüsselloch der Tür, die in den großen Saal der Verwandlungen führt, versiegelt ist.“ Seine Mutter antwortet nur kurz: „Du trinkst zu viel, mein Junge.“

Hans Neuenfels macht sich fast nackt in seinen Texten. Spricht über Hans Christian Andersen, dessen Worte aus der „Schneekönigin“ ihn ein Leben lang begleiten: „Die Rosen, sie blühn und verwehen, wir werden das Christkindlein sehen!“

Das Buch

Hans Neuenfels: Fast nackt. Letzte Texte. Eisele Verlag, München 2022. 272 Seiten, 24 Euro.

Manchmal, wenn auf der Bühne beim Inszenieren alles schiefzugehen droht, schreit er diese Sätze ironisch heraus. Er konnte schreien auf der Bühne, er trank viel, er konnte hart sein zu den anderen und zu sich selbst. Keine Reue wegen des Alkohols: „Das Trinken brachte ihm wunderbare Einfälle, ließ die Umwelt heiter oder bedeutungslos erscheinen….. jede Angst schwand, die Zukunft blühte prachtvoll und wild auf.“

Der große Saal der Verwandlungen: In den 70er und 80er Jahren vor allem revolutioniert Neuenfels das deutsche Theater, kritisiert in seinen Inszenierungen die herrschenden kapitalistischen Verhältnisse, schockt das bürgerliche Publikum. Seine „Medea“ spart Päderasten und Penis ebenso wenig aus wie Kastration und Kraftausdrücke. Und immer wieder ist Elisabeth Trissenaar seine Titelheldin. Im Buch erinnert sie daran, dass Neuenfels die CDU damals „Kuhäugige Herta“ genannt habe. Er selbst dazu: „Herta fand ich besonders blank, frisch und unbedarft rüstig und Kühe sind Wiederkäuer, Phrasendrescher.“

Andererseits schätzt das Ehepaar die Bundeskanzlerin Angela Merkel, trifft sich mit ihr und ihrem Ehemann zum Abendessen im „Borchardt“ in Berlin. Und Merkel sieht fünfmal Neuenfels’ Inszenierung des „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen, mit dem Chor im Rattenkostüm.

Seine Beziehung zu Elisabeth Trissenaar beschreibt der Regisseur als etwas „Unerhörtes, Geheimnisvolles, Einmaliges“. Und hält doch zugleich in seinen Notizen zu Mozart fest: „Die Liebe gibt es nicht. Die Liebe ist nicht wirklich in der Welt.“

Die kleinen Erzählungen zeigen immer wieder genau beobachtete Menschen in existenziellen Situationen. Eine Frau kocht sich mit einem Sauerbraten aus ihrer Lebensenge frei. Der Tod kommt beim Essen eines gebratenen Täubchens. Der gebürtige Krefelder beschwört den Aufbruch eines Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet („Duisburg in New York“).

Etwa 50 Fotografien ergänzen die Texte, aus dem Privatleben wie aus dem Theater. Leider wird man in den wenigen Worten zu den Proben recht alleine gelassen. Hier wären weitere einordnende Erläuterungen hilfreich und interessant gewesen.

Elisabeth Trissenaar und Hans Neuenfels, 1984 in Altaussee. Foto: privat
Elisabeth Trissenaar und Hans Neuenfels, 1984 in Altaussee. Foto: privat © privat

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