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Hans Magnus Enzensberger – „Meine Weisheit ist eine Binse“

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Von: Christian Thomas

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Hans Magnus Enzensberger, 2013.
Hans Magnus Enzensberger, 2013. © dpa

Zum Tod von Hans Magnus Enzensberger, der 93-jährig in München gestorben ist.

Nur keine Panik! So meinte er bei verschiedenen Gelegenheiten. Dem Motto kam er selbst gewissenhaft nach. Es war die Maxime, die er zum Grundsatz, mehr noch, zum Grundgesetz seiner Autorschaft machte. Denn die Würde abgeklärter Geistesgegenwart ist unantastbar. Auch deswegen rief er seinen Leserinnen und Lesern vor zehn Jahren in seinem Buch „Enzensbergers Panoptikum“ zu: „Nur keine Panik!“ Natürlich und wie immer verhielt er sich dabei sehr ironisch. Denn wer wisse schon, ob auf die Vergänglichkeit wirklich Verlass sei? Mit diesem Gedanken ging Hans Magnus Enzensberger offenkundig auch auf seinen eigenen Tod zu, am Donnerstag, im Alter von 93 Jahren in München.

Noch 2018 veröffentlichte ein Greis, aber quicklebendiger Geist „99 literarische Vignetten“ unter dem Titel „Überlebenskünstler“, eine Porträtsammlung von Virtuosen der Selbstbehauptung und Selbstdarstellung – in der einer fehlte, er selbst, auch wenn es in dem Buch nur so wimmelte von verdeckten Selbstporträts. Das Buch war die listige Hommage an den Tumult, und „Überlebenskünstler“ bot auch darin so etwas wie eine Quintessenz, weil es in den Lebensläufen auch der Aufrechten und Gewissenhaften eine nicht bloß quirlige, sondern eine rastlose-aufgewühlte Lebensgeschichte ausmachte – in Anlehnung an seine Aufsatzsammlung „Zickzack“, aus den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts.

Geboren 1929 in Kaufbeuren im bayerischen Allgäu, verbrachte das Kind die Jahre von 1931 bis 1942 in Nürnberg. Ebendort Evakuierung infolge des Luftkriegs. 1945 Volkssturm. Danach Dolmetscher und Barmann bei der Royal Air Force. 1949 Abitur. Bis 1954 Studium. 1955 Rundfunkredakteur. Ab 1957 freier Schriftsteller. Da hatte ihn Alfred Andersch, Kollege beim Süddeutschen Rundfunk, bereits als „zornigen jungen Mann“ gegen den gesellschaftlichen Status quo in Stellung bringen wollen. Die Erwartungen, die seitdem immer wieder an Enzensberger herangetragen wurden, wies er bereits 1966 barsch zurück. „Ich bin kein Idealist. Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Revolutionäres Geschwätz ist mir verhasst.“

Vielfach die Versuche, Enzensberger als den großen Unberechenbaren in der deutschen Literatur der letzten sieben Jahrzehnte zu beschreiben. Eine Konstante, auf die Verlass war, blieb seine Beschäftigung mit den Aufklärern Montaigne, Lichtenberg, erst recht Diderot, wovon sein 1994 erschienenes Buch „Diderots Schatten“ zeugt. In ihm sah er seinen Bruder im Geiste, einen der ersten modernen Intellektuellen. Nur zu gut sei bekannt, dass Weltverbesserungsabsichten, „dieses edle Bestreben im Laufe der letzten zweihundert Jahre geführt hat: zu umwälzenden Veränderungen, die kein Mensch den unbewaffneten Eierköpfen zugetraut hätte, aber auch zu moralischer Selbstüberforderung und Pharisäertum, Heuchelei und Dogmatismus, Selbstgefälligkeit und Besserwisserei.“

Hans Magnus Enzensberger nahm das „edle Bestreben“ auf seine Weise ernst. Der „Tumult“, wie er 2014 seine Erinnerungen überschrieb, mochte noch so groß sein, das Gewühle noch so aufreibend – „aber die Konsequenz war nie meine Stärke“. Damit griff er eine Maxime auf, die er 1981 in einem fulminanten Essay durchdacht hatte. Nicht nur in diesem Essay war er ein fulminanter Essayist. Er arrangierte sich nicht etwa mit den Verhältnissen in der Bundesrepublik, aber handelte mit diesen Verhältnissen doch so etwas wie einen Kompromiss aus. Im Alleingang, wie sonst? Einen historischen, was sonst?

Denn nach gut und gern 15 Jahren radikaler Opposition in den bundesdeutschen Verhältnissen und der westlichen Welt, stichelte er 1982 gegen die ehemaligen Mitstreiter und Mitstreiterinnen: „Wie vor ihnen die Kulturkonservativen, so litten auch die Wohlstandskritiker der APO an einer Schwierigkeit, die vielleicht mit dem menschlichen Körperbau zusammenhängt: es fiel ihnen schwer, den Blick auf die eigene Nase zu richten.“

Zweifellos hatte er selbst den besonderen Riecher. Oder war er bloß der große Revisionist, als der er gelegentlich beschrieben, auch abgetan wurde, von gusseisernen Ideologen mit Abscheu. Wer war er? Als Schriftsteller ein Hochseilartist. Als Oppositioneller ein heimatloser Linker. Und als solcher ein Wankelmutwilliger? „Eskapismus, ruft ihr mir zu,/ vorwurfsvoll./ Was denn sonst, antworte ich,/ bei diesem Sauwetter!,/ spanne den Regenschirm auf/ und erheb mich in die Lüfte.“ Mit dieser spöttischen Selbstbeschreibung, 1980 im Gedicht „Der Fliegende Robert“, hat er nicht nur Literaturgeschichte geschrieben.

Die Verhältnisse mochten noch so misslich, die Anfechtungen noch so brüskierend sein: Zum Betriebsverfassungsgesetz seiner intellektuellen Zeitgenossenschaft gehörte gelenkige Lässigkeit. Sie nahm er wahr als Essayist oder Lyriker, als Kinderbuchautor, als Herausgeber, als Romanautor, nicht zuletzt als Dramatiker. Bissig wusste er die Verhältnisse in den letzten 50 Jahren zu nehmen, und eminent spielerisch beanstandete er noch zuletzt das Wirtschaftssystem in „Das liebe Geld!“, seinem „kleinen Wirtschaftsroman“ von 2015. Lamentieren kam erneut nicht in Frage, denn „Jammern verdirbt den Stil“. Es gab Stilentscheidungen, für die er allerdings auch belächelt wurde, für den Rollkragenpulli, die schicke kleinschreibung in seinen Gedichten.

Sein hochfahrender Ton war geschult an Artisten und Antipoden wie Benn und Brecht. Aber es kam, eher vergessen, noch etwas hinzu. Schon in seiner Dissertation beschäftigte sich der Student in Erlangen mit der Exzentrik. Das Thema war Brentano, ausgerechnet Clemens von Brentano. Aus der Zeit existiert ein Foto des 23-jährigen Enzensberger. Keine intellektuelle Halbstarkenpose, vielmehr eine Frisur wie ein Klosterschüler. Es fehlte nur die Tonsur. Brentano war berüchtigt für spleenige Auftritte. Aber der Promotionszögling Enzensberger hatte an dem exaltiertesten Romantiker kein andächtiges Interesse, er verwechselte nicht das empirische Ich mit dem dichterischen Ich.

Das Brentano-Ich war ihm der Prototyp der „Entstellung“. Der Romantiker war der Virtuose der Entstellung der alltäglichen Redewendungen, der Sprachspieler, der die Phrasen entlarvte, das Genie, das die Floskeln und banalen Formulierungen ironisch aufmischte. Und was Brentano in dieser Hinsicht vorgemacht hatte mit der Entstellung feststehender Wendungen, wandte Enzensberger an auf den Formulierungshaushalt in Adenauerdeutschland. Darin lebend, wusste er, wo er herkam, als Nachgeborener, Lyriker, Inländer: „Ohne die Abwesenden wäre nichts da./ Ohne die Flüchtigen wäre nichts fest./ Ohne die Vergessenen nichts gewiss.// Die Verschwundenen sind gerecht./ So verschallen wir auch.“ Das sind die letzten Zeilen seines Gedichts „Die Verschwundenen“, das er der Jüdin und Überlebenden Nelly Sachs widmete – und immer wieder aufnahm in neu zusammengestellte Sammlungen.

Enorm war sein Horizont. Als Herausgeber führte er die Früchte der Weltliteratur in den deutschsprachigen Literaturraum ein, und das nicht nur in seiner monumental angelegten, unter seiner Ägide auf 250 Bände angewachsenen „Anderen Bibliothek“.

Enorm war sein Weitblick. Seine prognostischen Fähigkeiten sahen auf Europa schon 1992 Zehntausende Flüchtlinge zukommen. Ebenso formulierte er, und hier wurde er unironisch, über die „Bewohnbarkeit der Bundesrepublik“: „Das gewaltlose Zusammenleben mit ihnen ist eine Zumutung, die sich in der Zivilisation ausnahmslos jedermann gefallen lassen muss.“

Überhaupt die Zumutungen. Lange vor den Grünen betrat er ökologisches Neuland. 1989, im Jahr der Wende, beschäftigte ihn nicht zum ersten Mal, nicht zum letzten Mal die Zukunft Europas. Im Rückblick gesehen, behandelte er die „europäische Idee“ der unmittelbaren Nachkriegszeit äußert abfällig. Enzensbergers Aufsatz „Brüssel oder Europa – eins von beiden“ war eine vehemente Polemik gegen die mangelnde demokratische Legitimation der EU, vor allem ihrer Bürokratie. War seine Polemik der uneingestandene Hinweis auf eine Panik des HME? Wie sollte das sein bei einem Autor, der, spätestens mit seiner Zeitschriftengründung der „Transatlantik“, 1980, den Zynismus als eine Form Abstand wahrender Kritik vorgeführt hatte.

Zynismus war für ihn eine Haltung, die die Form wahrt. Verschrien war er in den Milieus, die den totalen Umsturz weiterhin zu vollziehen trachteten, als Renegat. Er verstand sich als Revisionist, indem er den Charakter der Revision zu Ende dachte, durchdachte er diese doch als kritische Wiedervorlage alter Gewissheiten.

Revision also, auch die seiner „Kursbuch“-Periode? Gelegentlich ging es dann zackzack. So sehr die von ihm 1970 gegründete Zeitschrift ihr Publikum in den geistigen Infight mit dem Kapitalismus schickte, er glaubte weder an die vermeintlich revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse noch an die angebliche Avantgarde irgendeiner KP. Merkwürdig bleibt, dass ein selbstständiger Kopf wie er, der für geschichtsphilosophische Spekulationen nicht so viel übrighatte, mit dem langsamen Marsch der kubanischen Revolution kokettierte.

Aber was war der Fortschritt? Ein Fetisch, der kapitalistische ebenso wie der sozialistische. Es so zu vergleichen, machte er sich verdächtig. Schon 1963, Brechts berühmtes Gedicht „An die Nachgeborenen“ paraphrasierend, polemisierte er nicht, sondern meinte pragmatisch: „Noch ein paar Fortschritte,/ und wir werden weitersehen.//“ Mit dem folgenden Vers kippte er den allgemeingesellschaftlichen Pragmatismus ins Höchstprivate: „Wer soll da unsrer gedenken/ mit Nachsicht?// Das wird sich finden,/ wenn es erst soweit ist.//“

Wenn ihm etwas widerstrebte, dann einer von diesen „schwer gekränkten Kulturkritikern“ zu sein. Cool hielt er zu einem Milieu Abstand, das im bebenden Ton der Betroffenheit um Aufmerksamkeit buhlte. Wohl deshalb sah man ihn nie auf den heiß umkämpften Parteitagen von Grünen oder der SPD. Aber man hörte raunen von Auftritten in exquisiten Führungszirkeln von Wirtschaft und Politik, sagenhaft honoriert. Blöd erschien ihm das Fernsehen. Immer wieder kam er zurück auf seinen Ausgangsgedanken von einer Manipulationsmaschinerie – was das Fernsehen nicht ist. Schon vor Jahrzehnten guckte er nicht ressentimentgeladen auf eine Mattscheibe, sondern analysierte es dialektisch als Bestandteil der „Bewusstseinsindustrie“. In seiner Hybris schien immer wieder das Brentano-Vermächtnis durch. Die solitäre Brentano-Lebensweise war so faszinierend wie die Brecht’sche Vergesellschaftungsdoktrin, die er zeitweilig verwirklicht sehen wollte, angefangen in den Medien. Für sie bastelte er nicht nur einmal einen Baukasten der Medien, ein Bollwerk der Aufklärung innerhalb der Bewusstseinsindustrie.

Auf sein Projekt der Aufklärung kam er immer wieder zurück, weil er sie als unvollständiges Projekt begriff. Ihr sah er sich verpflichtet, nicht als schwitzender Zuarbeiter, sondern als beschwingter Bajazzo. Deswegen beschwor er die Inkonsequenz, und dazu passte, dass er, bei allem vehementen Antikapitalismus oder auch anarchischem Getändel, sich als heimatloser Linker verstand. Allerdings als einer, der laut schrieb. Damit ist gemeint, dass er, mit Nietzsche, nicht für das Auge, sondern für das Ohr verfasste. Angesichts seiner enormen rhetorischen und rhythmischen Begabungen haben seine Gedichte und Essays den Groove, einen unverwechselbaren Sound. Laut schreiben – laut lesen. Titel wie „Gemeinplätze die neueste Literatur betreffen“ (1968) oder „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ (1993) oder „Vermutungen über die Turbulenz“ (1989) wurden nicht nur kritisch gelesen, sondern konsumiert wie Ohrwürmer der Gesellschaftskritik. Schon die Zeilen (Verse!) aus „Verteidigung der Wölfe“, 1956 publiziert, wurden zu einem geflügelten Wort nicht nur zu Oberstufenzeiten: „lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne:/ sie sind genauer“.

Wenn es für Enzensberger so etwas wie eine ideologische Magna Carta gab, dann Irritation. Dazu diente ihm „der Außenseiter par excellence“, der Essay, ein Medium, dazu geschaffen, „den Gesetzen des Marktes (zu) spotten“, dazu gemacht, die Gedanken beim Schreiben zu verfertigen. Im Grunde ein durch und durch ungermanisches Geistesprodukt, dessen Stammväter, Montaigne und Diderot, es „vermieden haben einen festen Standpunkt einzunehmen“.

Woran war man bei ihm dran? Mit Widersprüchen! Die Aggressionen und Agitproptexte, die er im berühmt-berüchtigten Kursbuch 15 abdruckte, erklärten die „bürgerliche Literatur“ für tot. Nicht dass er dies wahrhaftig geteilt hätte: „Jetzt also hören wir es wieder läuten, das Sterbeglöckchen für die Literatur.“ Energisch ging er auf Distanz zu den sich überschlagenden Aktivisten eines Autodafés, erklärte es zu einer Metapher. Liquidierung der Literatur? Für ihn revolutionäres Gefuchtel.

Durchaus konsequent, dass er 1972 den „Kurzen Sommer der Anarchie“ veröffentlichte, die Lebensgeschichte des spanischen Anarchisten Durruti, eine Roman-Collage, ein Kunstwerk, in dem die „organisierte Disziplinlosigkeit“ der Anarchisten sich ästhetisch niederschlug. In der offenen Struktur des Erzählens ließ sich nicht nur das literarische Anliegen Enzensbergers ausmachen, in ihr fand seine intellektuelle Existenz einen angemessenen Ausdruck. Doch bei aller Experimentierfreude, keine acht Jahre später war ihm um die Zukunft der Literatur überhaupt nicht bange: „Die Literatur wird weiterwuchern, solange sie über eine gewisse Zähigkeit, eine gewisse List, die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, einen gewissen Eigensinn und ein gutes Gedächtnis verfügt.“

Was das Gedächtnis angeht, darf man daran erinnern, dass der erste Vers in seiner ersten Buchveröffentlichung, 1957, lautete: „Meine Weisheit ist eine Binse“ – also was, Strohhalm? Oder Bagatelle oder Gemeinplatz? Oder doch eher eine allgemein bekannte Tatsache? Bereits mit seiner allerersten Zeile, eine alltägliche Redewendung im Stile Brentanos ironisch aufmischend, verweigerte er sich snobistisch der eindeutigen Zuschreibung.

Berechenbar allein seine Unberechenbarkeit. So wich er in den letzten Jahren erneut aus. Zu „Enzensbergers Panoptikum“ gehörten Ausflüge in die Thermodynamik und Mathematik, in Physik und in die Kosmologie. Er, der „fliegende Robert“ der Gesellschaftskritik, suchte weitere Welten auf, ohne spirituell abzuheben. Er dachte dabei nicht an Religion, vielmehr an Ruhe, an Gelassenheit. Nur keine Panik!

Was diese Errungenschaft der Aufklärung angeht, so sah er durch sie seine intellektuelle Existenz listig legitimiert – seinen Eigensinn. So schrieb Hans Magnus Enzensberger 2003, er wurde in dem Jahr 74, das Gedicht „Unterlassungssünden“. Unvergessen die Verse: „Ja, ich habe unentschuldigt gefehlt. / Als die Not am größten war,/ bin ich nicht herbeigeeilt./ (…) Vorläufig habe ich sogar/ davon abgesehen, zu sterben./ Wenn ihr könnt, verzeiht mir.// Oder ihr lasst es bleiben.“

1966 in Frankfurt beim Kongress „Notstand der Demokratie“.
1966 in Frankfurt beim Kongress „Notstand der Demokratie“. © dpa

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