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„Hans Litten - Anwalt gegen Hitler“: Hitler im Zeugenstand

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Von: Matthias Arning

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Hans Litten im Dezember 1925.
Hans Litten im Dezember 1925. © Privatbesitz

Eine starke Biografie erinnert an den Anwalt Hans Litten, der mit allen legalen Mitteln gegen den aufkommenden Nationalsozialismus und seine brutale Gewalt kämpfte.

Er war ein kritischer Jurist, mutig und unbeugsam: Hans Litten. Hitler-Getreue rächten sich ganz furchtbar an ihm, schließlich hatte sich Litten 1931 vor Gericht mit Adolf Hitler angelegt. In die Erinnerung geholt wurde Litten durch die dritte Staffel der Fernsehserie „Babylon Berlin“: Als Film-Figur, gespielt von Trystan Pütter, in der Rolle des Anwalts, „der die Mittellosen vor Gericht vertritt“.

Über Hans Litten könnte man auch sagen, dass Anwälte in ihm ein Vorbild finden können, „ein Vorbild an Mut und Tapferkeit“, wie Heribert Prantl notiert. Litten verteidigte im Namen der „Roten Hilfe“ Gegner der Nazis und zitierte unerschrocken Hitler selbst vor ein Gericht in Berlin-Moabit – im Edenpalast-Prozess am 8. Mai 1931.

Die DDR wollte Hans Litten für sich vereinnahmen. So nimmt Carlheinz von Brück Mitte der 70er Jahre das Verfahren von 1931 als einen Ausgangspunkt, um „zwei wesensverschiedene Männer“ miteinander zu konfrontieren: Der „leidenschaftlich streitende Anwalt“ Litten und die spätere „Personifikation des Unrechts“, Hitler. Danach wisse man, dass „das Erbe des Antifaschisten Litten heute in der DDR in guten Händen ist“.

Über Hans Litten hat das Trio Knut Bergbauer, Sabine Fröhlich und Stefanie Schüler-Springorum, die die Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung ist, bereits 2008 eine Biografie verfasst. Das Buch liegt jetzt in einer Neufassung vor, trägt aber nicht mehr den früheren holperig wirkenden Titel „Denkmalsfigur – Biographische Annäherung an Hans Litten“. Es heißt jetzt „Hans Litten – Anwalt gegen Hitler. Eine Biographie“.

In strikter Opposition

Das Buch:

Bergbauer/ Fröhlich/Schüler-Springorum:Hans Litten – Anwalt gegen Hitler. Eine Biographie. Wallstein 2022, 384 S., 26 Euro.

Der Autor und die Autorinnen schreiben Litten, geboren 1903 in Halle, darin „einen bunten Mix aus antibürgerlichen, anti-urbanen und reformpädagogischen“ Impulsen zu. Damit stand er in strikter Opposition zu seinem erzkonservativen Vater, ebenfalls Jurist und exponiert als Ordinarius in Königsberg. Für dessen Abwendung vom jüdischen Glauben brachte der Sohn allein Verachtung auf. Für Hans Litten führte „der einzig konsequente Weg dagegen in die Politik, in die jüdische Jugendbewegung ,Schwarzer Haufen‘“, einer sozialrevolutionären Bewegung.

Der SA-Terror vor Gericht

Bekannt wurde Litten in Berlin durch die Prozesse, die er seit 1930 im Zusammenhang mit dem Straßenkampf zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten bestritt: Die Edenpalast-, Felsenecke-, Röntgenstraße-Prozesse. Allesamt Verfahren, die für Bergbauer, Fröhlich und Schüler-Springorum „bis heute seinen Ruhm als standhafter Kämpfer gegen die aufkommende faschistische Gefahr begründen“.

Im Edenpalast-Verfahren nahm sich Litten vor, die Strategie der Partei Hitlers zu entblößen und den Gegensatz von „Legalität“ und „Illegalität“ deutlich zu machen. Litten wollte keine Zweifel daran lassen, dass der Chef der Partei, den die Neuauflage der Biografie im Bild vor Gericht zeigt, den Terror der SA billigte. Vor Gericht sollte sich Hitlers Beschwören des Prinzips Legalität auf dem Weg zur Macht als Taktik entlarven. Allein aus diesem Grund ließ der junge Anwalt Hitler als Hintermann des Überfalls der SA in den Zeugenstand rufen, dort sollte sich zeigen, dass „Rollkommandos“ nichts anderes meinten als den Terror der SA. Hitler raunzte Litten mit hochrotem Kopf an: „Wie kommen Sie dazu, Herr Rechtsanwalt, das ist eine Aufforderung zur Illegalität? Das ist eine durch nichts zu beweisende Erklärung!“

Im November 1930 hatten SA-Leute das Tanzlokal Eden in der Kaiser-Friedrich-Straße überfallen, einen Ort, an dem sich proletarische Vereine gerne versammelten. Bei den Reichstagswahlen am 14. September 1930 hatte die NSDAP enorm zugelegt und war mit 107 statt bislang zwölf Abgeordneten zweitstärkste Fraktion geworden. Erich Mühsam hielt Hitlers Auftritt vor Gericht in einem Gedicht fest: „Schwört gleich einer Nachtigalle: / Ich befrei das Land legal! / Das da bei der Feldherrnhalle / – Pfüat die Gott! – das war einmal. / Reingefallen, Doktor Litten! / Adolf Hitler steht graniten / Mit geplättetem Programm / Auf legalem Boden stramm.“

Hitler und seine Schergen schworen Rache. Nach ihrer Machtübernahme verhafteten sie Litten Ende März 1933 in der Nacht des Reichstagsbrandes, sperrten ihn in „Schutzhaft“ und setzten ihm dort brutal zu. Nach fünf Jahren in Haftanstalten und Konzentrationslagern, zuletzt in Dachau, erhielt Irmgard Litten die Nachricht über den Tod ihres Sohnes am 5. Februar 1938. Er wurde 34 Jahre alt. Aufopferungsvoll hatte sie sich fünf Jahre lang um seine Freilassung bemüht. Mit der Mutter verband Litten sein geradezu leidenschaftliches Interesse für die Kunst des Mittelalters. Später schrieb Irmgard Litten das Buch: „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“.

Eigentlich, darauf bestehen die Autorinnen und der Autor der Biografie, bleibe der als früherer Titel gewählte Begriff der „Denkmalsfigur“ auch für dieses Buch „weiter passend“. Schließlich habe Hans Littens Mutter diesen Begriff als Code genommen, den sie sich für die Korrespondenz mit ihrem inhaftierten Sohn Hans ausgedacht hatte. Die Aktualisierung des Titels, die sicherlich auch die Neugier auf die Lektüre fördert, bringt Littens Geschichte allerdings eher in die Gegenwart. Damit wird eine überaus lesenswerte Biografie auf hoffentlich breites Interesse stoßen. Und bohrende Nachfragen zu den dunklen Feldern, die sich augenblicklich bei den Zusammenhängen rechter Gewalt auftun, kann unsere Gegenwart gut gebrauchen.

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