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„,Euer Vater ist ein Verbrecher.‘ Kurt und Paul erschraken.“  

Familienroman

Hans Joachim Schädlich „Die Villa“: Was bleibt

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„Die Villa“, ein karger, aber substanzieller Familienroman von Hans Joachim Schädlich.

Hans Joachim Schädlichs Buch „Die Villa“ erzählt aus der naturgemäßen Stumm- und Starrheit eines Gebäudes heraus die Geschichte einer Familie. Das Angebot des Eposhaften, das darin liegt, schlägt er geradezu rabiat aus. Das Runde, Umfassende und Erklärende schert ihn nicht, alle Wehmut, die mit einem Haus verbunden sein kann, verbunden ist, in dem man viele Jahre seines Lebens verbracht hat, wird ausgewrungen und ausgetrocknet, bis nur noch die scharfen – manchmal, aber selten ausgefüllten – Umrisse der Menschen und Ereignisse sichtbar sind. Und eben das Haus, das schon vorher da ist (ein Gründerzeitbau von 1890) und nachher irgendwann verschwinden wird.

Steht es nicht unter Denkmalschutz? Durchaus, aber das Amt verlangt nur den Erhalt bestimmter Bestandteile. Man wird sie herausbrechen können, am Ende steht eine entsprechende Liste, und eine Liste ist kein Haus, beantwortet aber stocknüchtern, nein mit einem Hauch von Zynismus die Frage, was bleibt: Einige Teile, die kein Ganzes mehr ergeben. Immerhin hat die Villa zwei Kriege und die DDR überlebt. Erst der gegenwärtige Kapitalismus macht ihr den Garaus.

Schädlich und die Figuren sind allerdings nicht Willens, einem Haus gegenüber sentimentale Gefühle zu entwickeln. Warum ist es dann der Titelheld? Vielleicht weil schemenhafte Erinnerungen an Gebäude, Möbel, Gerüche und Temperaturen in Innenräumen zu den frühen Erinnerungen gehören? Thematisiert wird das nicht. Auch das Sinnliche ist diesem schmalen Buch weitgehend ausgetrieben.

Hans Joachim Schädlich: Die Villa.

Am Anfang erzählt Elisabeth Kramer, die im Alter von Schädlichs Mutter sein dürfte: „,Ich wollte keine Kinder‘, sagte Elisabeth Kramer. ,Ich wollte nicht heiraten. Ich wollte nach der Volksschule in Oberheinsdorf was Soziales lernen und wollte in die Welt. Aber mein Vater hat nur die Jungs was lernen lassen, die gar keine Lust dazu hatten.‘“ Elisabeth Kramer lernt Hans kennen: „Ich wollte gar nicht mit ihm schlafen. Ich hatte auch nichts davon. Zum ersten Mal mit’nem Mann geschlafen und schon’n Kind.“ Elisabeth und Hans heiraten. „Ich hab keine Erinnerungen an meine Hochzeit. Ich weiß bloß, dass ich den ganzen Tag geweint hab. Ich war unglücklich, weil ich heiraten musste.“

Davon ist nie mehr die Rede. Man stellt sich also vor, wie eine ältere, vielleicht sehr nahe Verwandte das viel später Schädlich erzählt haben könnte, der selbst 1935 in Reichenbach auf die Welt kam, nicht fern von Oberheinsdorf im Vogtland. Das sind Geschichten, mit denen unsere Großmütter uns zu überraschen wussten, überwältigend traurige Geschichten, für die Künstler sich wenig interessierten und die in der Weltgeschichte keine Rolle spielten.

Das Buch:

Hans Joachim Schädlich: Die Villa. Rowohlt, Hamburg 2020. 189 Seiten, 20 Euro.

Auch die Villa steht in Reichenbach, die Familie zieht hierher, damit die Kinder später einmal aufs Gymnasium können. Das Autobiografische durchweht das Buch „Die Villa“ auf jene Art, die Geschichten haben, die man sich kaum ausdenken kann. Schädlich aber verrät sich nicht. Er berichtet. Er verschwindet selbst so sehr beim Berichten, dass man sagen möchte: Er lässt die Dinge sich selbst berichten.

Hans Kramer ist kein schlechter Mann, die Ehe von Elisabeth und Hans wirkt zu keinem Zeitpunkt bedauernswert. Auch ihm hat der Vater gesagt, wie es laufen soll: Gerne hätte Hans Abitur gemacht und studiert, jetzt betreibt er einen Wollgroßhandel in der Gegend. Dass er ein Nazi der ersten Stunde ist, erstaunt Nachgeborene, aber nicht seine Umgebung. Da wird er höchstens manchmal für einen Juden gehalten. Daraufhin schneidet er sich die Haare kürzer und bürstet sie morgens möglichst glatt. Zwei seiner Söhne werden beim Himbeerenpflücken vom jüdischen Gymnasiallehrer überrascht. „Plötzlich tauchte hinter der Hecke Doktor Roth auf und sagte: ,Euer Vater ist ein Verbrecher.‘ Kurt und Paul erschraken. Sie rannten nach Hause und erzählten es. Hans Kramer sagte: ,Ein alter böser Mann. Macht euch nichts draus.‘“ Als jüdische Grabsteine am Ort umgeworfen werden, sagt Elisabeth: „Das ist nicht recht.“ „Sei bitte still“, sagt Hans. „Er nannte die Leute nicht ,Volksgenossen‘, sondern ,liebe Oberheinsdorfer‘. Er konnte die Leute überzeugen.“

Der Sohn aber, der als ungezogen gilt, wird auf die Napola nach Schulpforta geschickt. Und Hitlers Krieg wird begrüßt, wobei die sorgenvollere Elisabeth sich stets an Hans orientiert. Erst der Einmarsch in Russland erschreckt ihn. Er erzählt es Elisabeth. „Wir sind in Russland einmarschiert.“ „Jetzt auch Russland?“ „Ja.“ „Aber Russland ist groß.“ „Ein Kontinent.“ „Es gab doch Neununddreißig einen Friedens...“ „Nichtangriffspakt.“ „Vielleicht haben die Russen...“ „Nein. Wir.“ „Müssen wir jetzt Angst haben?“ „Jetzt müssen wir Angst haben.“ Hans wird vor Kriegsende an einem Herzklappenfehler sterben. Sein pathetisches Resümee (sonst neigt er nicht zum Pathos): „Ich habe meine besten Jahre Verbrechern geopfert.“ „Das sagst du jetzt!“, sagt Elisabeth.

Schädlich hebt nicht den Zeigefinger, er macht keine Geste in diese Richtung, er lässt aber auch keine besonderen Sympathien für seine Figuren erkennen – das war zuletzt in „Felix und Felka“ ganz anders, wo er vom Schicksal des jüdischen Malers Felix Nussbaum erzählte. „Die Villa“ ist gerade darin ein unerbittliches Buch, dass es die Verwicklung des einzelnen in die Zeitläufte lediglich aufzeigt.

Es gibt nicht unbedingt einen logischen Grund dafür, dass sich ein junger Mann im Vogtland der NSDAP anschließt. Jedenfalls keinen, der in der Familie Kramer weitergetragen worden wäre. Er muss dafür nicht einmal ein besonderer Lump sein. Das macht es nicht besser.

Denn das Bauprinzip von „Die Villa“ entspricht dem Prinzip von Überlieferung und Erinnerung: Viele Leerstellen, dazwischen die auserzählten, die vielleicht, vermutlich immer wieder erzählten Geschichten: Wie Paul, der dritte (nach und nach etwas in den Vordergrund der Erzählung rückende) Sohn, einfach als Mädchen angezogen wird, bis später die ersehnte Tochter folgt. Wie die Kinder kurz vor Kriegsende – Hans ist tot – auf Elisabeths Geheiß Stullenpakete für russische Zwangsarbeiterinnen über den Zaun werfen. Wie im Vogtland auf die Amis die Russen folgen. Die Amis bieten Elisabeth noch an, sie und die Kinder mitzunehmen. Elisabeth will aber nicht weg von zu Hause.

Das Karge, Unerläuterte, aber Substanzielle von „Die Villa“ wirft die Geschichte am Ende vollständig auf uns zurück, die Lesenden und ebenfalls Nachgekommenen. Auf unsere eigenen Geschichten und Erinnerungen.

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