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Hans Haacke , Konzeptkünstler, wurde eben zum wichtigsten Akteur des Kunstjahres 2019 erklärt. dpa

Hans Haacke

Hans Haacke: Ein Platz für Unkraut und Apfelbäumchen

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Hans Haacke, ein Künstler, der nach Demokratie und Menschenrecht fragt, ist eine einleuchtende Nummer eins.

Das Kunstjahr neigt sich. Zeit für die großen Rankings, die den Betrieb und den launischen Markt beeinflussen. „Monopol“, das in Berlin erscheinende Magazin für Kunst und Leben, kam soeben zu einem etwas anderen Ergebnis als das britische Magazin „ArtReview“, dessen alljährliches Ranking der prägendsten Persönlichkeiten in der Kunst für gewöhnlich als Gottes Wort gilt. Die Briten erklären MoMA-Chef Glenn D. Lowry zum Sieger, gefolgt von der US-Fotografin Nan Goldin. Die hoch gehandelte deutsche Video-Künstlerin Hito Steyerl belegt Platz vier.

„Monopol“ hingegen kürte, wie immer im Austausch mit Kunstexperten, als Nummer Eins den 83-jährigen Hans Haacke. Er hatte unlängst in New York eine Retrospektive, die gleichsam sein politisches Credo darstellte. Der gebürtige Kölner lebt seit den Sechzigern in New York und gehört zu den prominentesten politischen Künstlern aus Deutschland. In seinen Arbeiten thematisiert er die politische und die Geschichte der Bevölkerung seines Vater- und Mutterlandes. In aller Munde war Haacke mit seinem wahrlich radikalen und das eher das Lukullische liebende Publikum verstörenden Vandalenakt auf der Kunstbiennale Venedig 1993. Das war damals eine klare Ansage: Der Giardini-Pavillon aus NS-Zeit soll weg.

Der Skandal blieb politisch ohne Konsequenz. Aber Hans Haacke bekam den Goldenen Löwen. Der konzeptuell arbeitende Bildhauer hatte den Travertinboden des Deutschen Pavillons, auf dem 1934 Hitler und Mussolini gestanden hatten, mit Presslufthämmern zerlegt. Die kaputten Platten lagen ineinander geschoben wie Schollen im „Eismeer“-Bild des deutschen Romantikers Caspar David Friedrich, auch „Gescheiterte Hoffnung“ genannt.

Sieben Jahre später stellte er den Deutschen – den Giebel-Spruch des Reichstags erweiternd – in den Ehrenhof große Holztröge mit Erde aus allen Bundesländern, samt Unkraut und kriechendem und krabbelndem Innenleben: „Der Bevölkerung“.

Haacke hatte zwar viele Parlamentarier, gerade aus CDU/CSU, gegen sich, zugleich aber genug Volksvertreter überzeugt, bei der vergleichsweise sanften, überdies fruchtbaren Aktion mitzumachen. Seither erfreut wenigstens eine blühende Landschaft die Politiker auch in trüben Sparzeiten. Haacke genießt es, dass die Natur im 140 Quadratmeter-Beet wächst, blüht, gedeiht. Ein fränkischer CDU-Abgeordneter spendierte ein Apfelbäumchen aus seinem Garten. Haacke pflanzte es ein.

Er ist ein Aktionskünstler der Extreme. Hinter seiner oft rabiaten Ästhetik stecke, das sagte er einmal in der Akademie der Künste, deren Mitglied er ist, die Absicht, sich politisch einzumischen. Für ihn sei das ein „Anstiften zum Nachdenken“. 2006 schuf er, unterstützt vom damals scheidenden Kultursenator Thomas Flierl (Die Linke) „Straßenkunst“ vor der Berliner Volksbühne. Es war im Herbst: Herabgefallene Lindenblätter bedeckten, wie auch jetzt wieder, die Schrift. Bruchstückhaft war – und ist soeben wieder – zu lesen; „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für die Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden. Rosa Luxemburg (1918)“.

Dieses Zitat wurde in der DDR-Bürgerbewegung geliebt. Für den Spruch, öffentlich aufgesagt, gab es Stasi-Knast. Wir sollten uns, im 30. Jahr des Mauerfalls, erinnern, dass sie damals, zu Luxemburgs Zeiten und im Herbst 1989, ermutigten. Also sollten wir sie mal wieder lesen. Wie all die anderen Zitate der klugen und mutigen Frau. Haacke hat ihre Sätze als Messingbuchstaben eingelassen in bis zu sieben Meter lange Betonstreifen zwischen dem Pflaster. Sechzig Zitate Luxemburgs aus Reden, Artikeln, Briefen. Die kämpferischen, die intimen, die zweiflerischen. Und die ketzerischen. Ein „Denkzeichen“ quer über die Gehwege und bis auf die Fahrbahnen.

Monopol hat sich somit für einen Künstler entschieden, der das Kunstgeschehen aktiv beeinflusst, weil er den Ruf eines Störenfrieds und Nestbeschmutzers hat, unbequem nach Wahrheit, Demokratie, Menschenrecht und Moral fragt. Und dem Kunstgönnertum der Konzerne und Banken ein Lieblingsfeind ist.

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