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Robinsons Rückkehr

„Bei mir gibt es richtige Helden“

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Der weltreisende Autor Hans Christoph Buch über Fantasie und Wirklichkeit sowie die Lust an der Identifikation und darauf, das Leben der anderen dem eigenen hinzuzufügen.

Sie sehen mich so an, Herr Buch. Was haben Sie?

Wie hieß nochmal der beliebte Komiker aus den 1950er, 60er Jahren, der Ihnen so gut gefiel. Er trat im Fernsehen auf und sieht Ihnen ähnlich.

Ich habe keine Ahnung, wen Sie meinen. Was mich begeistert an Ihrem Buch: Es ist eine Autobiographie und ein Identifikationstraum. Der autobiographische Held ist HC Buch. Daneben aber spielen noch sieben andere Menschen wichtige Rollen: der Moselbedichter Ausonius aus dem vierten Jahrhundert; der chinesische Dichter und Maler Su Dongpo aus dem 11. Jahrhundert; der schottische Seefahrer Alexander Selkirk (1676-1721), der zur Vorlage von Defoes „Robinson Crusoe“ wurde; Sylla Laraque (1850-1924), ein Haitianer, der in Paris zum Millionär aufstieg, oder der „Flieger von Tsingtau“ Günther Plüschow (1886-1931); Wilhelm Canaris (1887-1945), Hitlers Abwehrchef, der im KZ gehängt wurde, und Monika Ertl (1937-1973), die den Mörder Che Guevaras ermordete. Die entsprechenden Kapitel sind „Ich, Ausonius“ oder „Mein Name sei Monika“ überschrieben. Mir gefällt daran, dass Sie ernst machen mit der Erkenntnis, dass unsere Träume mindestens ebenso wichtig für uns sind wie das kleine Leben, das wir wirklich zustande gebracht haben. Entschuldigen Sie die lange Vorrede. Mussten es sieben Kapitel sein wegen der sieben Leben der Katze?

Mein 1984 erschienenes Buch „Die Hochzeit von Port-au-Prince“ bekam in der italienischen Übersetzung den Titel „Die sieben Leben des Kaimans“. Danach wollte ich schon immer mal etwas machen mit „sieben Leben“, und jetzt habe ich es realisiert. Ausgangspunkt war eine Reise zur Robinson-Insel. Das ist eine heute zu Chile gehörige Insel des Juan-Fernandez-Archipels im Südpazifik. Eigentlich wollte ich den Robinson-Roman neu schreiben, aber ich ließ es dann. Diese Insel ist völlig anders, als man sie sich vorstellt. Nicht tropisch, keine Palmen, das Meer eiskalt. Seelöwen und Robben tummeln sich da. Ein Teil meines geplanten Buches steckt jetzt in dem neuen: Alexander Selkirk verkauft das goldene Fließ, auf das er seine Geschichte schrieb – eine Anspielung auf Peter Schlemihl, der seinen Schatten verkauft – an Daniel Defoe. Also nicht an den Teufel, sondern an einen Schriftsteller.

Ihrem Robinson entgeht nicht, dass in Defoe, der „foe“, der „altböse Feind“, steckt.

Natürlich nicht. Defoes Lebensgeschichte ist großartig: Verleger, Journalist, Spion und Unternehmer, immer mit einem Bein im Gefängnis. Es gibt einen Film mit Romy Schneider, da schreibt Defoe sein Robinson-Buch im Schuldturm. Naja, Robinson spukt durch meinen Roman ...

Sie sagen Roman?

Ich wollte, dass darunter steht „Ein Romanbaukasten“. Das ist das Buch nämlich. Aus all diesen Geschichten könnte man jede Menge Romane machen. Aber es wäre vielleicht doch zu verwirrend gewesen.

Früher wäre „Romanbaukasten“ ein beliebter Untertitel gewesen. Beim Lesen des Buches hatte ich den Eindruck, das Schreiben machte Ihnen Spaß.

Richtig. Wenn es dem Autor Spaß macht, ist das ein gutes Zeichen. Dann macht das Buch vielleicht auch dem einen oder dem anderen Leser Spaß. Doch ich wollte den Text nicht überfrachten und unnötig komplizieren. „Mein Name ist Su Dongpo“ beginnt ein Kapitel. Dieser HC Buch hat zu viele Gesichter. Zerstreut über Breiten- und Längengrade und über die Jahrhunderte hinweg. Aber jetzt höre ich von Lesern, dass ihnen genau das Spaß macht. Ich fange an mit Ausonius, der häufig zitiert wird, um den Verfall der lateinischen Poesie zu belegen. Er halte sich zu viel bei Formspielereien auf. Diese Kritik bekam auch ich manchmal zu hören, und ich habe volles Verständnis für einen Poeten, der sich solche Vorwürfe zuzieht.

Sie haben begonnen, wenn ich das so sagen darf, als experimenteller Autor.

Etwas auszuprobieren macht mir immer noch Spaß. Aber damals war das verbunden mit einer gewissen Arroganz gegenüber der sogenannten Trivialliteratur, die wir verachteten, weil sie so vorhersehbar war. Dabei verrannten wir uns und liefen weg vor den Lesern, statt auf sie zuzugehen. Als dann Harry Potter kam, stand die sogenannte anspruchsvolle Literatur etwas dumm da. Trotzdem war es ja nicht falsch, über das Erzählen nachzudenken und überkommene Praktiken, Geschichten zu erzählen, in Frage zu stellen. Ich habe von den russischen Formalisten mehr gelernt als von der deutschen Literaturkritik.

Von Viktor Šklovskij (1893-1984) zum Beispiel?

Zur Person

Hans Christoph Buch wurde 1944 in Wetzlar geboren. Schon 1963 las er bei einer Tagung der Gruppe 47 aus seinen Texten. Inzwischen hat er über fünfzig Bücher veröffentlicht: Romane, Erzählungen, Essays, Autobiographisches, Reportagen aus allen Ecken der Welt und immer wieder auch Bücher, in denen die Genres sich mischen.

Das Buch: Robinsons Rückkehr. Die sieben Leben des H. C. Buch. Frankfurter Verlagsanstalt 2020. 192 S., 20 Euro.

Den lernte ich kennen in Westberlin und besuchte ihn später in Moskau. In eines seiner Bücher schrieb er mir die Widmung „Bewahren Sie die Liebe“. Ich rätselte lange darüber, was er wohl meinte: die Liebe zu einer Frau, zur Literatur? Bis ich merkte, dass ich mich verlesen hatte. Er hatte geschrieben: Bewahren Sie die Jugend! Viktor Šklovskij war damals über achtzig und ich Mitte zwanzig. Von ihm und seinen Kollegen lernte ich, dass man mit der Literatur spielen kann, ja vielleicht sogar soll. Der moderne Roman beginnt mit dem „Don Quijote“, einer Parodie auf den Ritterroman. So wollte ich mich noch einmal an „Robinson Crusoe“ abarbeiten. Schauen Sie mal wieder rein: Lange Partien darin lesen sich wie eine Bauanleitung von Ikea.

Die Formalisten liebten ja Ausschweifungen. Die geraden Linien waren nicht ihr Ideal.

Šklovskijs „Zoo oder nicht über die Liebe“ habe ich immer wieder gerne gelesen. Das Buch spielt Anfang der zwanziger Jahre, als er in Berlin im Exil war. Es ist eine Auseinandersetzung mit Briefromanen wie Goethes Werther und enthält Liebesbriefe an Elsa Triolet, die ihn nicht erhörte und später den französischen Dichter-Kommunisten Louis Aragon heiratete. Der letzte Brief in „Zoo“ geht nicht mehr an die Geliebte, sondern an das Zentrale Exekutivkomitee der UdSSR. Der Autor bittet um die Erlaubnis zur Rückkehr in die Sowjetunion. Abschweifungen gehören, darauf haben die Formalisten immer wieder hingewiesen, zum Roman. Landschafts- und Naturschilderungen zum Beispiel unterbrechen die Handlung, erhöhen als retardierende Momente die Spannung. Bei Stifter oder Turgenjew aber werden sie zur Hauptsache, und die Handlung ist nur ein Vorwand zur Entfaltung statischer Beschreibungen. Das Nachdenken über das Romaneschreiben und Geschichtenerzählen beschäftigt mich schon lange und ist in viele meiner Bücher eingegangen.

Von Psychologie hielten die Formalisten wenig.

Von der Identifikation des Lesers mit dem Autor hielten sie nichts und noch weniger von der Einfühlung in fiktive Figuren nach dem Motto: Warum beging Werther Selbstmord, oder wer war Hamlet wirklich? Dieses unkonventionelle Herangehen an die Literatur habe ich von den russischen Formalisten gelernt. Das Spiel mit Elementen der Literarhistorie finde ich reizvoller als sogenannte Cliffhanger, um Spannung zu erzeugen. Aber auch das Spiel mit der Politik. Ich bin ein 1968er. Politik und Geschichte haben mich immer interessiert und interessieren mich weiter. Etwa die Frage, ob und wie die Literatur das Selbstverständnis einer Epoche prägt: Der Robinson-Roman zum Beispiel wurde zu einem gesamteuropäischen Genre, weil er das bürgerliche Selbstbewusstsein – „Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott“ – auf den Punkt brachte.

Hans Christoph Buch.

Das klingt idealistisch.

Aus meiner Sicht gehört der Marxismus bis hin zur Frankfurter Schule zum deutschen Idealismus. Von Winckelmann: „Edle Einfalt und stille Größe“ bis zu Kant: „Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“. Und weiter zu Schiller und Beethoven: „Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“. Das klingt fast schon wie Hölderlin. H.C. Artmann sagte einmal zu mir auf Wienerisch, das ich leider nicht nachmachen kann: „Hölderlin? Der hat Deutsch gedichtet, als wäre es Griechisch in Versmaß, Grammatik und Syntax. Darum klingt das alles so seltsam und fremdartig.“ Artmann hatte recht. Die Französische Revolution identifizierte sich mit den Römern. Zuerst mit der römischen Republik und dann unter Napoleon mit dem römischen Kaiserreich. Das von Duodezfürsten beherrschte Deutschland dagegen identifizierte sich mit den griechischen Stadtstaaten und war politisch ein Flickenteppich, aber kulturell eine Großmacht. Goethe bewunderte Byron, weil er im Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken sein Leben ließ.

Ihr Buch handelt von der Lust an der Identifikation. Mit historischen und mit Romanfiguren. Also genau das, wogegen die Formalisten sich wandten. Unsere frühesten Leseerfahrungen sind ja die der Identifikation, und der Reiz Ihres Buches besteht darin, dass sie das nicht verwerfen, sondern damit spielen .

Bei mir gibt es richtige Helden. Zum Beispiel den Flieger Günther Plüschow, ein verwegener Mann, von dem Jungens früher träumten. Er schrieb einen Bestseller, davon wurden 500 000 Exemplare verkauft: „Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: meine Erlebnisse in drei Erdteilen“. Das Buch gibt es kostenlos zu lesen im Internet, und im britischen Militärmuseum in Gatow kann man seine Pilotenjacke aus dem Ersten Weltkrieg besichtigen. Dort ist auch ein Nachbau der Rumpler-„Taube“ zu sehen. So hieß sein Doppeldecker. In Tsingtau unterrichtete ich übrigens eine Weile deutsche Literatur. Um mich zu erfreuen, lernten die Studentinnen Goethe-Gedichte auswendig, die ihnen besser gefielen als Verse von Brecht. Aus der von Deutschen gegründeten Brauerei, heute ein Museum, kamen Besucher mit Plastiktüten heraus, die aussahen, als trügen sie Urinproben mit sich herum. So wird dort frisch gezapftes Tsingtau-Bier verkauft. Warum nicht – wenn die Tüte fest verknotet ist, bleibt das Bier frisch. Helden wie Plüschow haben mich fasziniert, ich fühle mich ein Stück weit ein in sie, behaupte aber ich nicht, ihr Intimleben zu kennen.

Neben den sieben Leben des HC Buch gibt es das achte einer Person namens Hans Christoph Buch.

Das ist weniger aufregend – Stichwort Patchworkidentität. Ich bin ja nicht nur Deutscher, Romanautor und Reporter. Meine Großmutter war Kreolin, mein Großvater ging als Apotheker und Botaniker nach Haiti, wo er begraben liegt. All das steckt in mir, aber auch ein Stück von Monika Ertl und Su Dongpo. Wir sind alle viel mehr, als wir wahrhaben wollen. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, anderer Leute Leben nachzuvollziehen. Jetzt fällt mir ein, wem Sie ähnlich sehen: Heinz Erhardt.

Sie haben auch mich auf meine nicht gelebten Leben abgecheckt!

Interview: Arno Widmann

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