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Jules Lefebvre: „Die Wahrheit“, 1870 (Paris, Musèe d’Orsay). 

Hans Blumenberg

Hans Blumenberg „Die nackte Wahrheit“: Sie ist kein Besitz

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Auch über „Die nackte Wahrheit“ hat der Philosoph Hans Blumenberg unnachahmlich nachgedacht.

Die nackte Wahrheit ist nicht schön, und ungeschminkt ist sie auch noch. Wo sie sich zeigt, stürzt sie in Verlegenheit. Billige Ausflüchte sind umgehend durchschaut. Und stehen angesichts der Rücksichtslosigkeit der nackten Wahrheit nicht selbst aufwendige Rechtfertigungen flugs als faule Ausrede da? Mehr noch, direkt ins Gesicht gesagt, denn darin besteht das Anliegen der nackten Wahrheit, stößt sie vor den Kopf. Das macht aus der wenig erfreulichen Erfahrung mit der nackten Wahrheit eine auch körperliche.

Gar hässlich nannte die Wahrheit Friedrich Nietzsche. Dem Philosophen war klar, dass die Wahrheit nicht erträglich, nein mehr noch: unerträglich sei. Die Wahrheit zeige sich im Affront, der jedoch ausgesprochen gehöre, unbedingt, auch wenn er in Verzweiflung stürze, wie Hans Blumenberg in seinem Nietzsche-Kapitel analysierte – so jetzt zu lesen in seinem Buch über „Die nackte Wahrheit“, in dem es dem Philosophen aus Münster wie so oft um den Erkenntniswert einer Metapher ging. Lässt doch die nackte Wahrheit an eine Verkleidung ebenso denken wie an eine Entblößung, an eine Verhüllung ebenso wie an eine Enthüllung – mithin an Aufklärung also.

Zu Hans Blumenbergs großem Projekt der Aufklärung gehörte eine Metaphorologie, zunächst angelegt auf drei, schließlich auf fünf Bände, von denen er drei zu Lebzeiten veröffentlichen konnte, 1979 „Schiffbruch mit Zuschauer“, 1981 „Die Lesbarkeit der Welt“. Es folgten 1989 die „Höhlenausgänge“. Die drei Bücher, in denen Blumenberg seinen Plan einer „Theorie der Unbegrifflichkeit“ fortschrieb, machten in den Geisteswissenschaften Furore, obwohl oder weil er darin die Metapher zu einem dem Begriff gleichberechtigten Deutungsversuch der Welt promovierte. Blumenbergs „Arbeit am Mythos“, so eines seiner Hauptwerke, war so etwas wie die Wiedereinsetzung des Mythos in einen rekonstruierten Status, indem er ihn, seit der Moderne stigmatisiert, vom Ruf der Unwahrheit befreite. Wenn Aufklärer ihn als primitiven Irrtum entlarvt hatten, so analysierte ihn Blumenberg als überlebensnotwendige Orientierung in einer den Menschen überfordernden Welt. Zu Blumenbergs Projekt der Aufklärung gehörte eine Emanzipation des Mythos.

Hans Blumenberg: Die nackte Wahrheit. Hg. v. Rüdiger Zill. Suhrkamp Verlag 2019, stw 2281, 200 S., 20 Euro.

Blumenberg starb 1996, der vierte Band seiner Metaphorologie wurde 2012 unter dem Titel „Quellen, Ströme, Eisberge“ publiziert. Der jetzt abschließende fünfte Band fand sich auf 161 Typoskript-Seiten im Nachlass, herausgegeben wurde er von Rüdiger Zill, der darauf aufmerksam macht, dass die 25 Kapitel über „Die nackte Wahrheit“ auf Proben vor Publikum seit dem Wintersemester 1978/79 in Münster beruhen, auf Experimenten in „kleineren Portionen“, im Rahmen sagenumwobener Vorlesungen. Halb Münster strömte Freitags, zur Semesterabendstunde, ins Schlaun’sche Schloss, Hörsaal VIII. Wobei sich unter den Typoskripten auch „ein Nachzügler“ (Zill) aus dem Jahr 1984 erhalten hat, ein Kierkegaard-Kapitel, darin der Gedanke: „Nacktheit ist weniger der endgültige Status der Wahrheit als der vorläufige des Menschen.“ Der Satz auf Seite 155 hat es schon deswegen auf den Buchrücken geschafft, weil Kierkegaard nicht nur über die Nacktheit (Unschuld) im Paradies nachdachte, sondern die Nacktheit des Schiffbrüchigen „am Ufer des Daseins“, wie Blumenberg schrieb, womit er, einmal mehr, auf eine der großen von ihm ausgemachten Metaphern zusteuerte, den Schiffbruch mit Zuschauer.

Die Wahrheit ist kein Besitz – philosophisch sowieso nicht, aber auch der vormalige von Herrschenden über Beherrschte ist historisch passé. Wenn Blumenberg die Religion zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen nimmt, dann wegen ihrer ebenfalls einstigen Rolle einer „Einkleidungsform einer urtümlichen und tieferen Wahrheit“. Allerdings ist es mit ihr nicht mehr weit her. Blumenberg, der die Errungenschaften der Neuzeit wie kaum ein zweiter als einen Prozess der theoretischen Neugierde ausgedeutet hat, erkennt in der „Selbstdeutung der Religion“ zugleich ihre „Selbstverteidigung“ – eine zunehmend verzweifeltere Selbstverteidigung, seitdem die Aufklärung die Religion in die Defensive gebracht hatte.

Das Schauen wesentlicher Dinge wurde abgelöst durch ein wissenschaftliches Durchschauen der Bewegungsgesetze der Welt, wie Nietzsche es bereits illusionslos erfasste, wobei er insbesondere den Künsten so etwas wie die Funktion einer neuen Einkleidung der Wahrheit zuschrieb. „Die Wahrheit ist hässlich. Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.“ Da „die nackte Wahrheit enttäuscht“, erweise sich das „Umschleiertsein durch Illusion“ (Nietzsche) als überlebenswichtig. Nämlich aus Gründen schierer Selbsterhaltung und des Handlungsantriebs.

Blumenberg, unter den großen Philosophen des 20. Jahrhunderts einer der Giganten, war ein eminenter Stilist: „Das Altertum ist gnädig mit uns, weil es die Streitigkeiten von Meinungen für uns absolviert hat.“ Es überantwortete uns die nackte Wahrheit als Erkenntnisform, es hinterließ sie als Einsicht in die anthropologische Unbedarftheit des Menschen, seine Nacktheit. Es vererbte den Gedanken an die Vertreibung aus dem Paradies. Vielbezüglich die Verweise Blumenbergs in diesem Nachlassbuch, das in seinen 25 Kapiteln mal Skizze ist, Fragment geblieben ist, Aphorismus oder Analyse, auf keinen Fall ein historischer Durchgang durch die Geschichte der nackten Wahrheit. Denn zu groß war Blumenbergs Skepsis gegenüber historischen Kontinuitäten, so Zill, vielmehr war er überzeugt von der „fortwährenden Brechung der historischen Linie“.

Apropos Aphorismus: „Die Wahrnehmung wird niemals kopernikanisch“, ist eine Wahrheit von unschlagbarer Evidenz – am Ende so etwas wie die nackte Wahrheit, für die ebenfalls unabweisbar ist: „Die Sprache ist ein Kleid, unter dem es keine Nacktheit gibt.“ Besonders intensiv das Verhältnis von Verlarvung und Entlarvung, Verhüllung und Enthüllung in der Traumdeutung Freuds – und auch hier leistet das metaphorische Sprechen einen wunderbaren Erkenntnisdienst, wenn Blumenberg meint, der Traum „erfülle sich einen Wunsch ohne das Risiko dieser Erfüllung, wie der Schlafwandler, der besser nicht über seine Exkursion die Wahrheit erfährt.“

In der Metapher erkannte Blumenberg ein „Reizmittel“ ebenso wie ein „Beruhigungsmittel“. Ein Reizmittel, um dem Begriff zur Anschaulichkeit zu verhelfen. Ein Beruhigungsmittel, um der Anstrengung durch den Begriff aus dem zu Weg zu gehen? Aus dem Kierkegaard-Kapitel darf man mitnehmen, dass die nackte Wahrheit so etwas ist wie die Verkörperung der Metapher: „Unter der Herrschaft des Begriffs, wenn diese endgültig geworden ist, gibt es die nackte Wahrheit nicht mehr“, da das Gegeneinander von Verhüllung und Enthüllung fehlt.

In der Metapher sah Blumenberg eine List am Werk, die wohl keiner ironischer und damit trefflicher beschrieben hat als der Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg: „Die Metapher ist weit klüger als ihr Verfasser.“

Die Metapher ist ein Mittel der Ästhetik ebenso wie der Rhetorik, Blumenberg kommt auf Franz Kafka und Heinrich Heine zu sprechen, auf Schopenhauer oder Kant. Die nackte Wahrheit hat provoziert, etwa auf der Berliner Schlossbrücke, um 1850, als das bigotte Berlin gegen antikisch-nackte Skulpturen Sturm lief. Der Gedanke, die Wahrheit werde deswegen so häufig vergewaltigt, weil sie nackt ist, ist der Aphorismus eines Satirikers aus Armenien, Jewand Otjan, der in der Wahrheit ein Opfer der Gewalt sieht, sexueller Gewalt, ein weibliches Opfer. Eine attraktive Allegorie? In der Wahrheit ganz offensichtlich ein stimulierendes Objekt, ein Sexualobjekt, dem Übergriffigen ausgesetzt. Erst recht Freud durchschaute die nackte Wahrheit, ihre so destruktiven Energien wie tragischen Folgen.

Dass Blumenberg ein philosophischer Zeitgenosse war, unterstreicht seine nicht einmal halbseitige Auslassung über die Adorno-Nachfolge eines Jürgen Habermas („Methodisch stehen wir nackt da, nachdem der theoretische Schleier, den Adornos Genie vor unsere methodologische Blöße hielt, gefallen ist.“) Dass der Feuilletonmitarbeiter Blumenberg ein Zeitungsleser war, belegt seine Beschäftigung mit einem „paradoxen Kunststück“ am 23. Mai 1973 im Deutschen Bundestag, „dem erregten Ausruf des damaligen Wirtschaftsministers Friedrichs zur Opposition: ,Und das ist die nackte Unwahrheit‘.“

Blumenbergs Präsenz war steigerungsfähig, wenn er sich die berühmte Parole von 68, 1968 vornahm, um ihr mit einem Gedanken beizukommen, den Blaise Pascal schon 300 Jahre zuvor entwickelt hatte: „Der Glaube, die Phantasie müsse mit der Freiheit im Bunde sein, ist nicht jederzeit geteilt worden. Der Schlachtruf, die Phantasie solle an die Macht kommen, wäre von Pascal als Paradox oder Trivialität genommen worden, keinesfalls als ein Stück Revolution. Die Phantasie war immer schon an der Macht, zumindest an ihr beteiligt; und würde es immer bleiben.“

Immer schon, ob bei Ramses, Alexander, Caesar, Nero, Attila. Immerfort: bei Napoleon, Bismarck, Lenin – um einen Sprung zu machen: Obama, Trump. Für 68er dürfte es sich bei solchen historischen Enthüllungen um eine nackte Wahrheit handeln.

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