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Vom süddeutschen Dorf nach New York.

Hanns Zischler

Hanns Zischler „Der zerrissene Brief“: Möglichkeiten der Liebe

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Das Romandebüt des 72-jährigen Hanns Zischler: „Der zerrissene Brief“.

Er hat beneidenswert viele Talente und das Glück, für jedes ein eigenes Publikum zu haben. Meine Mutter, die niemals auf die Idee gekommen wäre, sein „Kafka geht ins Kino“ zu lesen, sah ihn gerne im Tatort oder in Katie-Fforde- oder Cecilia-Ahern-Verfilmungen, nicht bei Godard, Spielberg oder Wenders.

Die erste Erzählung des 1947 in Nürnberg geborenen Hanns Zischler, „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“, erschien 2014. „Der zerrissene Brief“ ist sein erster Roman. Im Kern sind es Gespräche, die Pauline Lassenius kurz vor ihrem Tod (1882–1966) mit ihrem nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen „Ziehkind“ Elsa Elsa führte.

Elsa will alles wissen und Pauline gewinnt, je länger das Buch dauert, desto mehr Lust daran, wirklich alles zu erzählen. Also nicht nur von der großen Liebe, sondern auch von anderen, gar nicht so kleinen Lieben, die auch alle in ein Frauenleben gehören.

Hanns Zischler: Der zerrissene Brief. Roman. Galiani, Berlin 2020. 271 Seiten, 20 Euro.

Immer wieder zieht sie alte Briefe hervor, Reiseberichte aus Innerasien und Kamtschatka. Die ganze Welt wird ausgebreitet aus den Erinnerungen einer 84-Jährigen, die als 17-Jährige nach New York kommt. Ihr 50-jähriger Freund gibt ihr Geld für einen zweijährigen Aufenthalt, er zahlt ihr das Hotel und schenkt ihr diesen Auslauf, „um sich die Hörner abzustoßen“, sagte man einst, wenn Eltern ihren Söhnen solche Möglichkeiten gaben.

Hier ist es ein Liebhaber, der möchte, dass die Geliebte zu ihm zurückfindet. Aus freien Stücken und „aus Erfahrung“. So steht das alles nicht bei Zischler. Da erzählt die alte Frau der jungen von ihrem Leben und wir folgen der Geschichte, weil es zum Beispiel über Berlin heißt, es sei „ein Häusermeer aus dem Wasser geschöpft“, oder wegen Sätzen wie diesem: „Am Flutsaum der Müdigkeit kam Elsa ins Stolpern, sie strauchelte und war eingeschlafen.“

Wer Action erwartet, wer hofft, der Erzähler werde ihn um die Welt jagen, der sei gewarnt: Davon hat dieser Roman fast nichts. Er spielt vor 54 Jahren in einem kleinen Haus in einem kleinen süddeutschen Dorf. In den Erzählungen der alten Frau werden ganz andere Zeiten beschworen.

Zischler bleibt immer bei seinen Figuren. Zeitgeschichte im großen Sinne spielt kaum eine Rolle in diesen Erinnerungen. Sie bieten keinen Anlass für Revolutions- oder Faschismusanalysen, für Rückblicke aufs 20. Jahrhundert. Es geht mit der Besessenheit der jungen Fragerin Elsa, die gerade unglücklich aus einer Beziehung gekrochen kam, fast ausschließlich um Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe.

Und es geht immer wieder um Literatur. Wer den russischen Lyriker Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew (1803–1873) nicht kennt, bekommt hier einen Hinweis auf ihn, und E. M. Forsters Erzählung „The Other Kingdom“ wird zweimal erwähnt. Natürlich spielen Schmetterlinge eine große Rolle und auch der Film. Die Liebhabereien des Autors beanspruchen ihren Raum. Wozu schreibt man sonst einen Roman? „Der träge Schatten einer Taube flappte über die gekachelte Küchenwand.“ Sehr schön dieses „flappen“. Diesmal freilich ohne Geräusch, also eigentlich keines. Aber doch ein Gruß an Zischlers Agentin, die vor ein paar Jahren einen Aufsatz schrieb über „Girls und Flapper“. Ich denke mir, Zischlers Buch steckt voll solcher mehr oder weniger verborgener Anspielungen. Ein Rebus ohne Bilder.

Das stimmt nicht ganz. Der Text wird aufgebrochen durch andere Texte, die scheinbar faksimiliert hineingestellt werden. Einmal wird der Bericht der „New York Times“ über den Tod Verdis grau unter den Text der Seiten gelegt. Also ist auch dieses Zischler-Buch nicht ganz bilderlos.

Faszinierend ist die altmodische Sprache des Buches. Die 80-Jährige war mit 17 von einem 50-Jährigen erzogen worden. Sie hat verblüffende Ähnlichkeit mit einer Vorfahrin, deren Daguerreotypie aus dem Jahre 1841 eine Rolle in der Erzählung spielt.

Der Liebhaber der 17-Jährigen, mit dem sie später große Reisen machte, war ein Sammler von Masken, und Zischler ist es von Berufs wegen. Wenn Pauline erzählt, sind wir weit weg von Expressionismus und Moderne. Sie sind noch nicht einmal als ironisierte Erinnerungen da. Wir stecken mitten drin in den Sprachgesten des 19. Jahrhunderts, die Zischler genüsslich ausbreitet.

Man lese die Sexszene – ja, es gibt eine. Sie beginnt im Fluss Altmühl. Pauline erzählt: „Etwas zaghaft zunächst, aber bald mit Lust, habe ich in diesem taumeligen Wasser nach ihm gegriffen.“ So erzählt die über 80-Jährige 1966. Sie nimmt dem 72-jährigen Autor die Arbeit ab, Worte des Jahres 2020 für den Vorgang zu finden.

Das ist, denkt neidvoll der Journalist, das Schöne am Autorendasein: Man ist in allen Gestalten doch immer man selbst. Oder andersherum: Man ist immer ein anderer.

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