Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Hanns-Josef Ortheil.
+
Hanns-Josef Ortheil.

Hanns-Josef Ortheil zum 70.

Hanns-Josef Ortheil: „Das hört sich an wie eine Krankheit“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
    schließen

Hanns-Josef Ortheil, der jetzt seinen 70. Geburtstag feiert, erzählt in „Ombra“ davon, wie er nach einer schweren Operation wieder zum Schreiben und damit zum Leben findet.

Hanns-Josef Ortheil ist seine Besessenheit nicht direkt anzumerken, die er selbst kürzlich in Frankfurt als „eigentlich schon irre“ bezeichnete. Aber höflicher ist es natürlich zu sagen: Hanns-Josef Ortheil pflegt eine Obsession, und „pflegt“ ist ein schönes Wort dafür, denn sie beschert ihm einen Beruf, auf den sich eine solide Existenz gründen ließ. Mehrere solide Existenzen, darunter auch die eines langjährigen Direktors und Hochschuldozenten des Literaturinstituts Hildesheim.

Das war nicht der Plan, so zwingend es Jahrzehnte des Schreibens und schier unzählige Bücher später erscheint. Im neuen Buch „Ein Kosmos der Schrift“ nähern sich Ortheil und sein Lektor Klaus Siblewski anlässlich von Ortheils 70. Geburtstag am heutigen Freitag zunächst einmal über viele Seiten der Geburt eines Schriftstellers an. Im neuen Buch „Ombra“ stellt sich Ortheil der Mitarbeiterin einer Rehaklinik so vor: „Ich bin Schriftsteller, Professor für Literarisches Schreiben, Pianist, Vortragskünstler und im Nebenberuf Eisenbahnlandwirt. Jeden dieser Berufe liebe ich.“ „Eisenbahnlandwirt“, eine Tätigkeit, die man unter Umständen nachschlagen muss. Sie existiert.

Zwei neue Bücher auf einmal. Das ist eine Menge. In „Ombra“ gibt es allerdings eine Szene, in der der Erzähler, der Ortheil heißt und unverhohlen (aber nicht in jedem Detail verpflichtend) Ortheil ist, von einer Psychologin darauf angesprochen wird, dass er in einem Jahr drei Bücher veröffentlicht habe. Sie meint „Die Mittelmeerreise“ (Herbst 2018), „Wie ich Klavierspielen lernte“ (Frühjahr 2019) und den Hemingway-Roman „Der von den Löwen träumte“ (Herbst 2019). „Das macht mich stutzig“, so die Psychologin. Der Erzähler erwähnt beiläufig, dass es ein viertes Buch gebe, das sei freilich nicht umfangreich („Italienische Momente“), und er erklärt: „Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt belastet gefühlt.“ Da er sich bei der Reha von einer schweren Herzoperation erholen soll, ist die Psychologin nicht ohne weiteres zu überzeugen. Die Leserin auch nicht, aber leichter als die Psychologin. Zu sehr vibriert „Ombra“ vor Leben, sobald aus dem „Nicht mehr schreiben“ ein „Noch nicht schreiben“ wird, sich also in der körperlichen und psychischen Notlage wieder eine Aussicht auf Leben auftut.

Zwei neue Bücher. In einem davon, „Ombra“, entwickelt und startet der Erzähler Ortheil gegen Ende die Idee für das zweite, „Kosmos der Schrift“. Am Anfang von „Ombra“ denkt er, er werde nie mehr schreiben oder Klavierspielen können. Der Untertitel „Roman einer Wiedergeburt“ ist keine Übertreibung, es ist keine Übertreibung zu sagen, dass für Hanns-Josef Ortheil Leben und Schreiben restlos in eins gehen.

Und obwohl man das weiß und Ortheil kein Hehl daraus macht, erschließt es sich mit voller Wucht am besten, wenn man Gelegenheit hat zu sehen, was und wie er schreibt. Man begreift dann, in welchem Ausmaß das, was er veröffentlicht, ein Bruchteil von dem ist, was er zu Papier bringt, Tag für Tag, Jahrzehnt für Jahrzehnt, seit er acht Jahre alt ist.

In dem konzentrierten stillen Film „Die Chroniken des Hanns-Josef Ortheil“ von Alexander Wasner ist Ortheil beim allmorgendlichen Schreiben zu sehen. Er schreibt in ein größeres und ein kleines Album, die makellose Handschrift macht die Seiten zu Augenweiden, dazu klebt er Bilder aus Zeitungen und Zeitschriften ein, die sein Interesse wecken. Ein drittes Büchlein liegt auf dem Tisch; als der Filmemacher fragt, was das denn sei, winkt Ortheil fast ab. Hier trage er eben noch einmal ein, was an Alltäglichem passiert sei. Er schlägt das Büchlein ein Stück auf, Seite um Seite dicht beschrieben.

Mehr als 60 Jahre tägliches Schreiben, eine Anregung damals des Vaters, der dem verstummten Sohn ein Instrument an die Hand geben will, sich auszudrücken. Den Beginn des Schreibens aus einer familiären Tragödie hat Ortheil beschrieben (am ausführlichsten in „Der Stift und das Papier“, 2015): Die Mutter (und erste Klavierlehrerin des musisch hochbegabten Ortheil), die drei Söhne verloren hat, fällt allmählich in ein depressives Schweigen, das jüngste Kind, drei Jahre alt, verstummt ebenfalls. Das obsessive Schreiben weist den Ausweg. „Das hört sich an wie eine Krankheit“, kommentiert eine Figur in „Ombra“, „Ja, ist es auch, aber eine sehr kreative“, sagt Ortheil.

Die Bücher:

Hanns-Josef Ortheil: Ombra. Roman einer Wiedergeburt. Luchterhand, München 2021. 304 S., 24 Euro.
H.-J. Ortheil / Imma Klemm (Hg.): Ein Kosmos der Schrift. Hanns-Josef Ortheil zum 70. Geburtstag. btb, München 2021. 368 S., 12 Euro.

2019 gerät das in Gefahr, weil er nach der OP schwer angeschlagen ist. Ortheil erzählt in „Ombra“, wie er um Fassung ringt. Das Delir nach der Narkose verfolgt ihn, „das war eigentlich das Schlimmste, diese sich verstärkende Abwendung vom Leben“. Die ambulante Reha tritt er vom Elternhaus im Westerwald aus an, einem Rückzugsort. Eine Folge ist, dass die Toten mitreden, liebevoll und belehrend, und dies in einem Buch, in dem ohnehin viele mitreden.

Besonders lebhaft verlaufen die Begegnungen mit der Klinik-Psychologin, nicht nur, weil sie Ortheils Reflexionsvermögen anregt, sondern auch, weil sich hier zwei freundlich belauern, die beide den Beruf haben, sich in andere hineinzudenken und aus ihnen klug zu werden. Liebend gerne würde Ortheil die Psychologin befragen. Sie denkt nicht daran.

„Ombra“ handelt auch davon, wie ein Mensch, der mit dem Kopf arbeitet und sich auf seinen Körper ohne weitere Rücksichtnahme verlässt, auf einmal nur mehr Körper ist. Davon darf sich jeder angesprochen fühlen, auch wenn das erneut ein zutiefst persönliches (zugleich zutiefst diskretes) Buch ist. Von der Herzinsuffizienz, bei einem – wegen der Fertigstellung des Hemingway-Buches leicht verschobenen – Routinecheck entdeckt, will Ortheil nichts gemerkt haben. Nachher aber ist von Herzstichen die Rede. Das Schreiben mag auch dazu dienen, sich selbst auf die Schliche zu kommen.

Zwischen teils kuriosen Rehamaßnahmen und Begegnungen mit Lebenden und mit Toten beginnt Ortheil Pläne zu schmieden. „Sie denken also wieder daran, etwas zu schreiben.“ – „Ja, jede Stunde.“

„Ombra“ (der Schatten, aber, wie wir lernen, auch ein Schluck Wein zur rechten Zeit) ist eine große, sanfte Bewegung hin zum Leben. Aber „warum ist alles Schreiben derart untrennbar mit meinem Leben verbunden, so dass jedes Lebensdetail danach giert, festgehalten, verwandelt und erzählt zu werden? Ist es eine Sucht? Eine Beichte? Oder gar Flugmeditation?“ Dass die Suche nach Antworten in jedem Fall weitergeht, trägt dazu bei, „Ombra“ zu einem beschwingten Buch zu machen.

Erfrischend ist auch der Geburtstagsfeier-Band „Ein Kosmos der Schrift“ geworden, im Zentrum ein spektakulär ausführliches Gespräch Ortheils mit Lektor Siblewski. Ein Redefluss zu zweit mit Abschweifungen, die Ortheil’sche Methode, in leichtem Ton und präzisen Worten Wahrheiten – des Schreibens und Lebens, wie immer – auf die Spur zu kommen.

Unterhaltsam im Anschluss ein Fragebogen, den Ortheils Frau, die Verlegerin Imma Klemm (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz), sich ausgedacht hat und den Freunde, Freundinnen, Bekannte beantworten. Besonders lebhaft die Antworten auf die letzte Frage, „Sie treffen HJO im Jenseits. Worüber unterhalten Sie sich?“– „Über eine zünftige Autorenlesung dort ...“, „Wir veranstalten ein Symposium ...“, „Wo es hier brauchbare Notizbücher gibt ...“. Dem Tod eiskalt und so lange wie möglich mit Leben und Schreiben zu begegnen: Was kann der Mensch Vernünftigeres tun?

„Die Chroniken des Hanns-Josef Ortheil“, ARD-Mediathek.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare