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„Auszeit“-Autorin Hannah Lühmann.
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„Auszeit“-Autorin Hannah Lühmann.

Romandebüt

Hannah Lühmann: „Auszeit“ – Von Werwölfen und einem ungeborenen Kind

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
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In ihrem Debütroman „Auszeit“ schickt Hannah Lühmann ihre aufgewühlte Ich-Erzählerin aus Berlin auf einen Selbsterfahrungstrip in den Bayerischen Wald.

Der erste Satz kommt gleich zur Sache. An einem Frühlingsdienstag fährt die Protagonistin Henriette in eine Klinik, um ihr Ungeborenes („mein Kind“) abzutreiben. Wenige Seiten später beginnt die titelgebende „Auszeit“. In schönen längeren Passagen - Stichwort: Entschleunigung - beschreibt die Mittdreißigerin zunächst ihre Streifzüge durch den Bayerischen Wald: Die Geräusche, die Gerüche, die Bewegung, das Licht, die Pflanzen rühren ihr Inneres, und ein Spaziergang endet in emotionaler, fast orgasmischer Ekstase.

Insgesamt aber geht es Henriette schlecht, sie quält sich aus verschiedenen Gründen. Gemeinsam mit ihrer langjährigen Freundin Paula erhofft sie sich, durch Natur, Spa-Abende und Sport, Yoga und Meditation, gesunde Speisen und Selbsterfahrung den Kurs in ihrem Leben wiederzufinden. Man gönnt sich zum Nachtisch Apple-Crumble, aber nimmt sich doch ein bisschen was zu Arbeiten mit - wie Henriette ihre Dissertation.

Dass sie in ihrem Kopf gefangen bleibt, macht sich auch formal bemerkbar: Im Fluss ihrer ehrlichen Innensicht sind wörtliche Reden kursiv abgesetzt. Hannah Lühmann schreibt fast durchgehend einen Inneren Monolog, das muss so sein, denn so schonungslos wehleidig würde sich wohl kaum jemand seinem Umfeld offenbaren. Für Henriette dreht sich scheinbar alles um sie selbst - das stellt auch Paula fest.

Sie kämpft und grübelt

Das Buch

Hannah Lühmann: Auszeit. Roman. hanserblau, München 2021. 176 Seiten, 19 Euro.

Henriette kämpft mit ihrer Dissertation, die nicht fertig werden will, über ein Thema, das ihr immer bedeutungsloser erscheint: Werwolferzählungen im globalen Vergleich, über deren Erscheinungsformen wir bei dieser Gelegenheit einiges erfahren. Sie grübelt über sich, die Männer, ihre Entscheidung für den Schwangerschaftsabbruch, ihr Leben in Berlin. Grübeln ist das Ding der Generation Y: Dem Schicksal will man sich nicht beugen, vor entscheidenden Veränderungen drückt man sich. Und die Kinder-Frage - das ist zu viel in einer Welt, in der man alles kann und gar nichts muss.

Zu Henriettes Innenleben am Rande eines Nervenzusammenbruchs kommen seltsame zwischenmenschliche Stimmungen in der ländlichen Abgeschiedenheit. Mit Paula und mit Paulas Freund Tom, der seiner Partnerin nachreist. Die Werwolf-Methapher, die sich durch den ganzen Roman zieht, schreit fast danach, auf die Personen und ihre Handlungen angewendet zu werden.

Aber interessiert man sich für diese Figuren? Dafür sind sie doch zu vorhersehbar, zu schablonenhaft. Von außen betrachtet teilt die Protagonistin einiges mit der Autorin, sie ist Mitte 30 und Geisteswissenschaftlerin in Berlin – Lühmann selbst ist dabei wesentlich erfolgreicher als Henriette, hat an der Universität der Künste Kulturwissenschaft studiert und ist heute stellvertretende Ressortleiterin des Feuilletons der „Welt“. Ihren Debütroman „Auszeit“ hat sie in ihrer eigenen beruflichen Auszeit fertiggestellt, rund um die Geburt ihres Sohnes.

Henriettes Auseinandersetzung mit ihrem Schwangerschaftsabbruch ist erschütternd. Wie selbstbestimmt er erfolgt ist, bleibt widersprüchlich. War die Entscheidung richtig? Wäre ein Kind nicht die Lebenswende gewesen, der sie hinterherjagt? Henriette entwickelt beide Versionen ihrer Zukunft: mit und ohne Tochter - sie ist sich sicher, dass es ein Mädchen geworden wäre. Ihre Fantasie malt verklärte Bilder, die nun nie werden entzaubert werden können.

Widersprüchlich ist auch die Freundschaft zu Paula. Manchmal liegt ein Hauch erotischer Spannung zwischen ihnen. Die scheinbar so ausgeglichene Paula nimmt eine Therapeutinnen-Rolle ein. Aber was ist wirklich gut gemeint? Mitunter wirkt die Freundschaft toxisch – so wie eigentlich alle Beziehungen in Henriettes Welt eine nicht ganz gesunde Seite haben. Immer wieder scheint die Frage auf: Wer ist der Werwolf, wer verwandelt sich freiwillig und wer ist dazu verwunschen, wer genießt das Doppelleben und wer wird sein Schicksal einfach nicht los?

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