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Hanna Bervoets „Dieser Beitrag wurde entfernt“: Entfernt ist nicht gelöscht genug

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Von: Lisa Berins

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Was machen Bilder aus dem Netz mit uns? „Dieser Beitrag wurde entfernt“ geht der Frage nach.
Was machen Bilder aus dem Netz mit uns? „Dieser Beitrag wurde entfernt“ geht der Frage nach. © IMAGO/Westend61

Hanna Bervoets Roman „Dieser Beitrag wurde entfernt“ erzählt von den moralischen Abgründen der digitalen Community.

Suizidversuche, Misshandlungen, Vergewaltigungen, Enthauptungen. Das Internet ist voll mit Bildern und Videos, die – abgesehen von ein paar kranken Freaks – niemand sehen will. Content-Moderatorinnen und -Moderatoren bewerten und kehren sie von der Plattform, wenn sie durchs Raster fallen, eine Art digitale Müllabfuhr. Weltweit gibt es Tausende dieser Menschen, die gemeldete Beiträge prüfen. Kayleigh ist eine von ihnen. Sie ist die Protagonistin im Roman „Dieser Beitrag wurde entfernt“ der niederländischen Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Kolumnistin Hanna Bervoets.

Kayleigh ist jung, pleite und nimmt deshalb den Job in der Firma Hexa an. Im Akkord schaut und bewertet sie Clips: 500 am Tag, beim Gang auf die Toilette wird die Zeit gestoppt. Nichts darf in den Arbeitsraum mitgenommen werden, nichts herausgetragen, alles, was dort gesehen wird, bleibt auch dort. So ist es gedacht.

Für Kayleigh erscheint der neue Job weitaus weniger dramatisch als ihr vorheriger im Callcenter - da hatte sie es mit unzufriedener Kundschaft zu tun. Bei Hexa hingegen: „unglaublich entspannend, dass mich hier niemand anbrüllt“. Gut, Kayleigh ist zu dem Zeitpunkt in einer Trennungsphase und nicht ganz bei sich, wie sie rückblickend erzählt.

Wie im Schlaf kann sie die Richtlinien herunterbeten, die sie auf die „Tickets“, die gemeldeten Beiträge, anwendet. Wann wird ein Video stehengelassen? „Nicht, wenn Blut sichtbar ist. Dagegen schon, wenn die Situation eindeutig komisch ist. Nicht, wenn Sadismus im Spiel ist. Allerdings schon, wenn das Gezeigte einen aufklärerischen Wert hat“. Oder: „Ein nacktes Kind darf nur dann abgebildet werden, wenn das Foto einen Nachrichtenwert besitzt, außer Abbildungen aus einem KZ: Fotos unbekleideter minderjähriger Holocaustopfer sind verboten.“ Verstörend ist die Abgeklärtheit, mit der Kayleigh an die Sache geht. Und langsam dämmert es: Ihre coole Art kann nur eine Farce sein, ein Schutzschild, ein Verdrängungsmechanismus. Denn offensichtlich befindet sich Kayleigh nach ihrer Hexa-Episode in therapeutischer Behandlung.

Das Buch:

Hanna Bervoets: Dieser Beitrag wurde entfernt. Roman. A.d. Niederländischen v. Rainer Kersten. Hanser 2022. 112 S., 20 Euro

Sie sei kein Opfer, beteuert die Ich-Erzählerin. Sie habe gewusst, was sie tat, als sie den Job anfing. Einem Anwalt erzählt sie im Rückblick, was bei Hexa geschah: Mit der verblendeten Sicht der Protagonistin blickt die Leserin, der Leser in eine mehr als toxische Arbeitswelt, in der Mitarbeitende langsam durchdrehen, den Alltag nur noch im Rausch ertragen und schleichend in die Welt von Verschwörungserzählungen abrutschen. Die Spätfolgen: Kolleginnen und Kollegen sind depressiv, gehen aus Verfolgungswahn nur mit Elektroschocker ins Bett, zucken im Supermarkt zusammen, wenn sich jemand hinter sie stellt. Und Kayleigh? Schwebt auf Wolke sieben.

Sie hat sich in eine Kollegin verknallt: Sigrid, fünf Jahre älter, schlank und schön. Die Beziehung erscheint vielversprechend, aber dann hageln die furchtbaren Internet-Bilder auf das Privat- und Liebesleben ein: Aus dem Netz entfernt, heißt eben noch lange nicht aus dem realen Leben gelöscht - so einfach funktioniert die menschliche Festplatte nicht.

Therapie mit Gojibeeren

Sigrid, wohl schwer traumatisiert, versucht sich mit einer Mischung aus Gojibeeren, Chiasamen und Alkohol selbst zu therapieren. Kayleigh fragt nicht weiter nach. Dann eine schlechte Nachricht auf der Arbeit: Pornografie und Spam werden jetzt direkt an ein neues Zentrum in Indien weitergeleitet. Auf den Hexa-Bildschirmen werden nur noch Gewalt, Missbrauch und Drohungen bewertet – die schwierigen Tickets. Der Score sinkt, der Druck steigt.

Bald bricht Sigrid zusammen – es ist der Wendepunkt der Geschichte. Jetzt muss Kayleigh doch merken, dass auch ihr die Sache über den Kopf wächst? Dass mit ihrer Psyche, ihrem Urteilsvermögen etwas nicht stimmen kann? Aber nein, erst eine Schocksituation kann sie wachrütteln, lässt sie das Ausmaß des Abgrunds erkennen, in den sie längst hineingeraten ist. Das Ende kommt abrupt – vielleicht etwas zu abrupt. Der schnelle Cut macht aber immerhin die Misere im Querschnitt sichtbar.

Auf den 105 vorangegangenen Seiten hat Hanna Bervoets in sportlichem Erzähltempo eine psychologisch komplexe Story auf ihre Essenz komprimiert, und dabei einen ethisch fragwürdigen Aspekt der digitalen Community vor den Bildschirm gezerrt. Wer bestimmt, was im Internet die „Norm“ ist? Was bleibt im Filter hängen? Bilder, die abstumpfen, die die Moralvorstellungen verschieben, Userinnen und User zu Gefühlszombies machen – das ist sicher nicht nur Kayleighs Problem, sondern womöglich das Trauma einer ganzen Generation von Digital Natives.

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