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Tom Hanks Ende vergangenen Jahres in New York.

"Schräge Typen"

Tom Hanks geht unter die Schriftsteller

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In seinem literarischen Debüt "Schräge Typen" erzählt Tom Hanks Geschichten aus einer alten Welt.

Es kommt nicht so oft vor, dass man als Leser von Erzählungen den Erzähler mitgeliefert bekommt. Nicht in der Form eines Hörbuches, sondern ganz direkt, als Stimme im Kopf. Wenn einem Tom Hanks seine Geschichten erzählt, kann man gar nicht anders, als sich Tom Hanks vorzustellen, wie er mit stoischer Gelassenheit und einem schiefen Lächeln hier und da seine Worte mit Leben ausfüllt. Die Präsenz dieses Schauspielers ist so stark, dass sich fast jede der 16 Kurzgeschichten, die in „Schräge Typen“ versammelt sind, wie ein Tom-Hanks-Film liest. Mal hat er sich die Hauptrolle auf den Leib geschrieben, mal spielt er eine Nebenfigur und manchmal blickt er wie ein Kameramann auf jenes Spiel, das sich Leben nennt.

Ein Schauspieler, zumal beim Film, verbringt die meiste Zeit mit Warten. Da ist es gar nicht mal so ungewöhnlich, dass er anfängt, sich Gedanken zu machen, was denn der Figur, die gerade Pause hat, noch so passieren könnte. Schon stecken wir mitten drin in einer Geschichte. In „Heiligabend 1953“ erzählt Tom Hanks von einem Geschäftsmann namens Virgil Beuell, der sich auf die Weihnachtstage mit der Familie freut. Alles soll so sein wie immer. Er schließt das Büro zu und macht sich mit den Geschenken im Kofferraum auf den Weg. Weil an diesem Abend Schneefall einsetzt, dauert die Fahrt vom Büro nach Hause etwas länger als sonst, doch das machte Virgil nichts aus. „Nur die Kälte hasste er.“

Der Satz klingt an dieser Stelle unauffällig. Wer hasst sie nicht, die Kälte. Zwei Seiten weiter holt seine Frau Jill die Schreibmaschine aus dem Schrank, eine Remington. Man erfährt, dass ihr Virgil darauf früher Liebesbriefe getippt hat, erst nur mit seiner einen gesunden Hand, „bis die Therapeuten ihm das, wie sie es nannten, Fünfeinhalb-Fingersystem beibrachten.“ Und dann kommt wie jeden Heiligabend kurz nach Mitternacht der Anruf seines Kumpels Bud. Zehn Jahre zuvor war Bud an der Seite von Virgil als Soldat in der Normandie gelandet. 

Hanks’ durchs Kino erworbene Moral ist immer zu spüren

An dieser Stelle biegt Hanks als Erzähler praktisch direkt in Steven Spielbergs Film „Der Soldat James Ryan“ ein, in dem er vor zwanzig Jahren die Titelrolle gespielt hat. Alles ist wieder da, der Krieg, die Angst, die Kälte, die abgerissenen Glieder. Am Ende löst Virgil die Bänder und Schnallen einer Prothese „und lehnt das Ding an den Stuhl“. 

So deutlich wie hier schimmern seine Filme nicht überall durch, doch Hanks’ durch das Kino erworbene Kompetenz und auch Moral, wenn man so will, ist immer zu spüren. Höchst originell setzt er sein recherchiertes Wissen in der Fantasie „Allan Bean plus vier“ ein, die vor ein paar Jahren bereits in der Zeitschrift „The New Yorker“ erschienen ist. Hanks erzählt von vier jungen Leuten, die im Garten eine Mondrakete basteln und damit tatsächlich ins Weltall starten. Mit Hilfe einer App auf dem Smartphone berechnen sie den Kurs und nach ihrer Rückkehr wollen sie „absolut geile Sachen auf Instagram posten“. Das astronautische Kauderwelsch hat Hanks noch von „Apollo 13“ drauf, hier verbindet es sich mit einem surrealen und urkomischen Plot. Das Quartett der Mondfahrt taucht noch öfter in diesem Band auf, es besteht aus dem Erzähler selbst, seiner Immer-mal-wieder-Freundin Anna und zwei Jungs, die im Baumarkt jobben, Steve Wong und MDash, zwei Einwanderer, die gute Amerikaner werden wollen. 

Das gute Amerika ist das Land, in dem Tom Hanks sich auskennt. Es ist ein Land, in dem das Wahrhafte gegen jegliche Skrupel gewinnt („Ein Monat in der Greene Street“), ein Land, in dem Familien zählen, selbst wenn sie zerbrochen sind („Ein besonderes Wochenende“) und wo auch die Schwachen am Ende ihre Chance bekommen („Geh zu Costas“). Als guter Amerikaner verkörpert Tom Hanks diese Werte in fast allen seiner Filme. Und so ist es wohl auch kein Wunder, dass seine Erzählungen eher von jener Welt, wie man sie aus seinen Filmen kennt, zu handeln scheinen, als von der Wirklichkeit. Es ist eine Welt, die es nicht mehr gibt, die es vielleicht nie gegeben hat. Selbst die Zukunft ist von gestern. Die sentimentale Science-Fiction-Geschichte, in der sich ein Technologiefreak aus der Mitte des 21. Jahrhunderts auf Zeitreise in das New York von 1939 begibt, heißt nicht von ungefähr: „Die Vergangenheit ist uns wichtig“. 

Auf spleenige Weise offenbart sich Hanks’ nostalgisches Denken in einer dramaturgischen Marotte. In jeder Geschichte tauchen mechanische Schreibmaschinen auf, was den doppeldeutigen Originaltitel „Uncommon Types“ erklärt. Beim Lesen denkt man dann auch eher an Drucktypen, denn als an die in der Übersetzung genannten schrägen Typen. Die Leute in diesen Geschichten sind so normal wie ihr Autor. Bald wartet man dann nur darauf, wie er sein Spielzeug wohl diesmal einbaut. Hanks hängt an diesen Relikten einer Zeit, in der das Denken vor dem Schreiben kam. 250 Exemplare soll seine Sammlung umfassen, darunter auch eine „Erika“ aus der DDR. 

Stellen wir uns also vor, wie Hanks vor solch einem Eisending saß, als er seine Gedanken zu Papier brachte. „Tschak, tschak, tschak hämmerte er auf die Tasten ein, ping!, machte der Schlitten am Ende der Zeile, fuhr mit einem Ratsch-bong! zurück, und schon wurde das Blatt, schripp!, aus der Maschine gedreht.“ Aber wahrscheinlich hockte er auch nur vor seinem Laptop.

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