Roman

Der Handel mit dem Tod

Björn Kern hat die Gesellschaft im Visier: "Die Erlöser AG" ist der Roman zur Debatte um aktive Sterbehilfe.

Von INSA WILKE

Vom Umgang mit Kranken und Alten, von den Mutationen der Ethik und den Folgen handelt Kerns "Die Erlöser AG", eine satirische Zukunftsvision mit orwellschen Zügen. Kern schließt mit diesem Roman thematisch an seinen letzten ("Einmal noch Marseille", 2005) an. Wieder geht es um die Frage, was Sterben heißt, wie es aussieht und sich anfühlt, wenn man die Herrschaft über seinen Körper und Geist verliert und darauf angewiesen ist, dass andere die eigene Würde wahren. Während aber der Titel seines letzten Romans eher versöhnlich klingt und eine mit Distanz erzählte familiäre Auseinandersetzung mit dem Sterben überschreibt, deutet "Die Erlöser AG" die Wende zu knallharter Ökonomie und zum Gesellschaftsbild an.

Vor der Kulisse eines endzeitlich entvölkerten Berlins (in dem tröstlicherweise sowohl Döner-Bude als auch die Klischees von Sexbombe und Karrierezicke die Zeiten überdauert haben), erlebt der Journalist Paul Kungebein den Anbruch einer neuen Epoche: Der § 216 des StGB wird aufgehoben. Damit ist die Tötung auf Verlangen nicht mehr strafbar, und das in einem Land, über dessen Situation Kungebein sagt, "dass Deutschland vor dem Zusammenbruch stehe, dass man in den Straßen über Greise stolpere, dass Deutschland kollektiv verblöde".

Inhuman geht es zu im sogenannten "BERLINER STIFT", dem offiziellen Namen des "Altenghettos" in Berlin-Charlottenburg. Sie "hatte nichts dagegen, zu sterben, aber bitte nicht so!", denkt die in der Besenkammer vergessene Elsa Lindström. Und draußen, an den Straßenecken des Ghettos "standen die Dementen, vom Regen durchnässt, hielten Zwiesprache mit ihrem Schoß, ihren Händen, tadelten ihre Schnürsenkel, ihre Hemdsärmel oder weinten still vor sich hin".

Dem Elend kann abgeholfen werden. Kungebein gründet mit dem diabolischen Vorsitzenden der Ärzte-Ethik-Kommission Hendrik Miller eine Agentur. Die "AMK" verspricht per Inserat "Hilfe für die letzten Stunden" - und beherrscht binnen eines Jahres einen blühenden Markt. Während Kungebein, der selbst einen an Demenz erkrankten Vater hat und so zugleich die schwierige und meist außer Acht gelassene Situation der Angehörigen ins Spiel bringt, eher Mitläufer ist, verkörpert Miller den Mephisto und bündelt in seinen Monologen die Argumente einer höchst realen Debatte.

Riesige Hundehaufen

Er "verstehe seine Arbeit als Leidminimierung, die Menschheit müsse endlich verstehen, dass man Leid sehr wohl aufrechnen könne, sehr einfach sogar, fünf Tote, rechnete er, die nicht mehr zu leiden hätten, sparten so viel Leid ein, dass bei einem Dementen oder einem Verrückten vielleicht, der gegen seinen Willen getötet werde, die Bilanz immer noch positiv ausfalle". Der Ansatz ist gut: die komplexe Thematik der Überforderung unserer Gesellschaft mit ihren Kranken, Alten und Sterbenden und die heiklen Fragen der Ethik in einer grotesken, negativen Utopie durchzuspielen, samt ihrer komischen Züge.

Fallstudien wie die des New Yorker Neurologen Oliver Sacks sind so erfolgreich, weil es möglich ist, über die situationsbedingte Komik der Verhaltensweisen seiner Patienten zu lachen, ohne ihnen damit die Würde zu rauben. Auch Kern, der selbst in einem psychiatrischen Pflegeheim gearbeitet hat, gelingt meistens der Spagat, sowohl die Persönlichkeit der Kranken sichtbar zu machen als auch die komischen und krankheitsbedingten Verhaltensweisen nicht zu verleugnen. Die Entwürdigung liegt vor allem im Blick des Dritten und hängt von seiner Haltung ab, was Kern an seinen Figuren vorführt.

Der Mangel an Feingefühl, der ihm in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vorgeworfen wurde, ist nicht dem Autor zuzuschreiben. Was ihm aber vorzuhalten ist, sind die sprachlichen Grobheiten, die einen vor allem in den ersten Kapiteln missmutig machen. Ziemlich dick fängt es schon an, nämlich am Potsdamer Platz, mit seinen Lego-Bauten sicherlich einer der trostlosesten Orte Berlins, noch dazu bei Regen. Aber kann man auf Trostlosigkeit nicht etwas subtiler einstimmen und müssen die Regierungsgebäude "riesigen Hundehaufen" gleichen?

Die Manierismen und Ungenauigkeiten in der Bildlichkeit wiederholen sich: Kungebein pfropft "sich eine knisternde Stille auf seine Ohren" oder fühlt sich von seiner Chefin im einen Moment "chemisch abgestoßen", im nächsten erkennt er ihre "giftige Substanz". Im Staccato prasseln die Vorausdeutungen, und über die Funktion der sinnfreien Kapitelüberschriften wurde anscheinend nicht weiter nachgedacht.

Das verrät Unsicherheiten hinsichtlich der gewählten Form. Schade. Denn was sprachlich fehlt, macht sich im Blick des Autors für seinen Stoff immer wieder bemerkbar: Umsicht, Präzision, Mut. Zu empfehlen ist dieser Roman daher leider nicht.

Björn Kern: Die Erlöser-AG. Roman. C.H. Beck Verlag, München 2007, 272 Seiten, 17,90 Euro.

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