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Haiti: Ein Land, gegründet von schwarzen Sklaven, die revoltiert haben.

Gary Victor

„Hampelmänner an der Macht“

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Der haitianische Schriftsteller Gary Victor über die tiefe Krise in seinem Land.

Herr Victor, seit Wochen gibt es in Haiti Demonstrationen und Generalstreiks, die Züge eines Aufstands tragen. Wie ist es dazu gekommen?
Eine kleine Gruppe hat sich des Staates bemächtigt und regiert nicht, sie handelt nicht im Sinne des Gemeinwohls. Diese Gruppe würde gern in Haiti wieder eine Diktatur installieren. Der Enkel von Francois Duvalier, Duvalier II, der in Miami lebt, wird schon als Diktator gehandelt. Die Begründung liegt auf der Hand: Das Land ist blockiert. Chaos und Unordnung lassen sich leicht als Vorwand für eine Diktatur nehmen. Gerade erst habe ich mich in Carrefour, einer Stadt bei Port-au- Prince, mit 30 jungen Leuten zu einem Gespräch getroffen. Sie vertraten die ahnungslose Ansicht, unter Duvalier sei alles besser gewesen. Ich konnte ihnen nur sagen, dass wir unter Duvalier in dieser Runde nicht hätten zusammensitzen können. Schon wenn wir uns nur zu zehnt getroffen hätten, wären die Tonton Macoutes (die haitianischen Milizen, d. Red.) gekommen und hätten uns alle verschwinden lassen. Der 2011 zum Präsidenten gekürte Michel Martelly und seine Leute, darunter auch der von ihm installierte Nachfolger Jovenel Moïse, sind große Bewunderer des Duvalier-Systems. 

Unter der Duvalier-Diktatur verschwanden etwa 30 000 Menschen. Nach dem Ende der Diktatur wurde die Armee abgeschafft. Wie soll eine Diktatur ohne Armee funktionieren?
Da sollte man sich nicht täuschen lassen. Teile der Polizei erinnern in ihrem militärischen Auftreten durchaus an eine Armee. Außerdem wurden in den Armenvierteln an die Gangs Waffen verteilt. Einzig das Vorhandensein aktiver Menschenrechtsorganisationen hindert die Leute an der Macht daran, eine Diktatur zu errichten. Man kann nicht wie früher einfach 100 Leute umbringen. Aber die Mentalität der herrschenden Gruppe zielt auf eine Diktatur ab.

Was ist die Rolle der Gangs?
Die Gangs werden praktisch schon im Vorgriff auf eine mögliche Diktatur genutzt. Es finden viele Exekutionen statt. Die Presse spricht nicht darüber und selbst die internationalen Menschenrechtler nicht. Denn es ist sehr schwierig, etwas über die Hintergründe zu erfahren und an Informationen zu kommen. Viele Exekutionen werden auch von der Polizei durchgeführt. Das erinnert mich sehr an die Duvalier-Zeiten. Es gibt im Unterschied zu damals eine neue Komplexität der Gewalt. In der Duvalier-Zeit konnte man immer die Befehlskette nachvollziehen, selbst bei den paramilitärisch organisierten Tonton Macoutes. Heute sind die Drahtzieher hinter der Ganggewalt schwer zu identifizieren.

Zur Person

Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, ist einer der bekanntesten Schriftsteller Haitis. Er arbeitet auch für Film und Fernsehen. In Deutschland hat er sich vor allem durch seine Kriminalromane um Inspektor Dieuswalwe Azémar einen Namen gemacht.

Fürchten Sie, dass die jetzige Protestbewegung eine Diktatur zur Folge haben wird?
Die Demonstrationen und ihre Organisatoren wollen etwas ganz anderes als eine Diktatur. Sie wissen, dass sie in diesem miserablen Zustand nicht leben können. Die große Mehrheit in Haiti will Schulen und funktionierende Krankenhäuser, Elektrizität und Sicherheit. Und deshalb ist die Mehrheit sich sehr bewusst, dass sie nicht zu den Zeiten Duvaliers zurückkehren wollen. Wie unter Duvalier herrscht heute eine kleine traditionelle Gruppe. Sie bestimmt die Regierung Haitis, sie ist äußert einflussreich in der Geschäftswelt, wo sie ihr Geld mit legalem und illegalem Handel verdient, der immer von der Regierung bewilligt oder gedeckt wird.

Seit Wochen fordern breite Kreise den Rücktritt des Präsidenten. Doch Moïse hat erklärt, es sei seine Pflicht, nicht zurückzutreten.
Diese kleine Gruppe an der Macht verfügt über sehr viel Geld. Sie kann Leute kaufen. Und sie kontrollieren die legalen und nicht legalen Mittel der Repression. Außerdem genießen sie die Unterstützung der USA. Welche Gründe die USA dafür haben, an einer Figur wie Moïse festzuhalten, ist mir schleierhaft. Denn ökonomische Interessen können es nicht sein. Es gibt hier nicht einmal McDonalds.

Vielleicht um die Situation zu kontrollieren und den Status quo aufrecht zu erhalten?
Die Aufrechterhaltung des Status quo, ja, denn dass eine Bevölkerung wirklich Zugang zur Macht bekommt, ist außerhalb von deren Vorstellungswelt. Also bringt man Menschen an die Macht, die nur Hampelmänner sind.

Wie könnte man den Status quo durchbrechen, der angesichts des Elends nicht mehr zu ertragen ist?
Das Bewusstsein unter einer breiten Mehrheit ist enorm gewachsen, dass es so nicht weitergehen kann. Die nicht abschwellenden Proteste verhindern bislang ein Erstarken der autoritären Tendenzen. Das führt auch zu Widersprüchen unter den herrschenden Gruppen. Manche, wie Reginald Boulos, einer der wichtigsten Geschäftsmänner, haben sich entschieden, das Lager zu wechseln. Er wie andere aus der Bourgeoisie verstehen, dass man die Kaufkraft der Haitianer wieder herstellen muss, wenn man selbst noch Geschäfte machen will. Aber es gibt immer noch genug, die das nicht verstehen. Das ist eine quasi feudale Schicht, die nicht an Umverteilung denkt.

Woher kommt dieses feudale Denken?
Von außen betrachtet gibt es eine schöne Erzählung von Haiti: ein Land, gegründet von schwarzen Sklaven, die revoltiert haben. Aber im Endeffekt sind es die Kreolen, die am Anfang dieses Staates standen. Sie waren verbunden mit den alten Sklavenhaltern, die mit der Kolonialmacht Frankreich in Konflikt gerieten. Im zentralen Moment der Revolution übernahmen sie die Macht in der Kolonie. Als Napoleon gegen sie vorgehen wollte, haben sie die Brücken zu Frankreich abgebrochen. Die historischen Anführer der Revolution wie in so vielen anderen Revolutionen haben sie hingegen zu Kriminellen erklärt oder ihnen vorgeworfen, die Einheit zu gefährden. Dann wurden sie umgebracht. Am Ende waren alte Sklavenhalter an der Macht, die ein koloniales, gegen das einfache Volk gerichtetes Denken reproduzierten.

Handelt es sich bei der Befreiungserzählung nur noch um ein Herrschaftsnarrativ?
Diese nationale Geschichtsschreibung ist eine Fassade: Ein großer nationaler Roman. Die Wahrheit ist, dass eine alte Herrschaftselite weiter an der Macht ist. So sah es in Haiti vor der französischen Revolution aus: Es gab eine Gruppe schwarzer Sklaven, es gab eine Gruppe französischer Kolonialherren, und es gab eine Klasse von kreolischen Sklavenbesitzern. Anfänglich haben Kreolen und Kolonialherren versucht, die Sklaven in ihrem Kampf für ihre Seite zu instrumentalisieren. Aber wer am Ende gewonnen hat, ist die Klasse der kreolischen Besitzer. Die Nachfahren der Sklaven leben hier in Haiti miserabel, sie wohnen in den Elendsvierteln, sie haben keine Krankenhäuser, sie haben keine Schulen. Trotzdem gibt es etwas Mythisches in der haitianischen Geschichte: Das unerfüllte Versprechen der Revolution. Deshalb tun die Nachfahren der Sklaven eines immer noch: Sie kämpfen, kämpfen, kämpfen.

Interview: Katja Maurer

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