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Ein Fötus im Uterus, gezeichnet von Leonardo da Vinci (1452-1519).
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Ein Fötus im Uterus, gezeichnet von Leonardo da Vinci (1452-1519).

Ian McEwan „Nussschale“

Hamlet, kopfüber

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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In Trudys Gebärmutter: Der Brite Ian McEwan lässt in seinem neuen Roman „Nussschale“ einen neunmalklugen Fötus erzählen.

Damit der Groschen beim Leser alsbald fällt, bringt ihn Ian McEwan schon mit dem Motto seines jüngsten Romans ins Rollen: „O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.“ Das sagt bei Shakespeare Hamlet, dessen Vater mit Gift gemordet wird von seinem eigenen Bruder Claudius. Dieser ehelicht dann flugs die nicht unwillige Witwe, Hamlets Mutter.

In Ian McEwans „Nussschale“ (Original: „Nutshell“, 2016) ist aus Königin Gertrude eine 28-jährige, grünäugige, blondbezopfte Trudy geworden, aus Claudius der Immobilienmakler Claude und aus Hamlets Vater ein Lyriker und Kleinverleger in Geldnöten namens John Cairncross. Immer noch ein recht stolzes Familienerbe ist das georgianische Londoner Haus der Cairncrosses (ihr Helsingör), das zwar langsam verfällt, aber allein der Bauplatz soll mehrere Millionen wert sein. Claude kann sich vorstellen, es gut und schnell zu verkaufen. Und Trudy hat John – mit seiner ekligen Schuppenflechte und seinen langweiligen Gedichten – ohnehin vor die Türe gesetzt, angeblich, weil sie „Raum“ braucht. „Raum!“, spottet da die Erzählerstimme von „Nussschale“: „Ich möchte sie mal hier drinnen sehen, wo ich kaum mehr einen Finger krümmen kann.“

Das ist Ian McEwans Hamlet, ihm gehört die Stimme, die zum Leser spricht von der ersten („So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau“) bis zur letzten Zeile: ein Fötus in Trudys Gebärmutter. Natürlich noch namenlos, natürlich unfähig, einzugreifen ins Geschehen. Dafür ein sprachmächtiger und neunmalkluger Bengel, der frühreif wäre selbst für einen Teenager. Halbherzig nur versucht McEwan, das vorlaute Gör plausibel zu machen: Mama hört so gern BBC-Radio 4 mit hohem Wortanteil, dazu Podcasts, dazu Hörbuch-Ratgeber. Und Papa ist ja ein Dichter und kann sogar „Threnodie“ (Klagelied) auf Anhieb erklären. Aber es geht nicht um Plausibilität. Es geht dem britischen Schriftsteller kein bisschen darum, sich ins Bewusstsein – oder eher die vermutete Wahrnehmung – eines Ungeborenen zu versetzen. Sein Monologisierer ist ein Hamlet in Extremlage; das Einzige, was er – vielleicht – beschleunigen kann, ist seine Geburt. Der Rest ist: lauschen und deuten. Die Körpergeräusche seiner Mutter vor allem. Am Gurgeln der Gedärme, am Pochen des Herzens lässt sich ihre Aufregung ablesen. Erregung, Freude, Angst, auch Alkohol bekommt er durch die Nabelschnur geliefert. Doch: „Wie erniedrigend, jede Gefühlsregung meiner Mutter aus zweiter Hand erleben zu müssen.“ Noch schlimmer ist nur, dass Trudy und Claude immer noch Sex haben, nur Wochen vor dem Geburtstermin: „Jedes Mal, bei jedem Kolbenhub fürchte ich, er könnte durchstoßen, könnte meinen weichen Schädel aufspießen und meine Gedanken mit seiner Essenz besamen, mit der quirligen Sahne seiner Banalität.“

Draußen, außerhalb des Uterus geht es indessen so weiter: John will wieder bei Trudy einziehen, deren Bett aber längst, siehe oben, von Claude gewärmt wird. So spinnen die beiden einen Mordplan, Gift soll zum Einsatz kommen, allerdings nicht ins Ohr geträufelt wie bei „Hamlet“, sondern in einem von John Cairncross so geliebten Smoothie. Hin- und hergerissen ist da der Fötus, zwischen unbedingter Liebe zu seiner Mutter – was wäre er ohne sie? – und Hass. Mal ist er entschlossen, Rache zu üben, sobald er kann. Er sieht sich schon als durchtrainierter junger Mann. Mal möchte er auf alles pfeifen außer auf die Mutterliebe. Verdammt, diese Abhängigkeit.

Zu Wortkaskaden und Gesellschaftskritik, zu allen Denkfiguren und Satzkonstruktionen ist der namenlose Fötus bereits imstande in diesem Roman (ein Hoch an dieser Stelle auf den Übersetzer, Bernhard Robben). Wörter wie Ellipse, Euphemismus, Aporie, Axonschweif, Exequien stehen ihm zu Gebote. Außerdem Feinschmecker-Adern, was den Weinkonsum seiner Mutter betrifft: Er weiß einen guten Tropfen sehr zu schätzen. Ein Lebemann in nuce. Ironie und Zynismus liegen ihm auch nicht fern, obwohl er doch noch nicht einen einzigen Blick auf die Welt geworfen hat. Könnte er schon etwas sagen, er nähme selten ein Blatt vor den Mund. Könnte er schon etwas sagen, die Menschen in seiner Umgebung hielten ihn für einen Klugscheißer, wenn auch für einen messerscharf formulierenden.

Ungeniert lässt Ian McEwan seinen Erzähler Dinge beschreiben, die ein Eingeschlossener nun wirklich nicht wahrnehmen kann: einen frostweißen Waldweg, kahle Äste, Nebelschleier zum Beispiel. Ungeniert lässt er ihn auch über Aktienkurse und den Crash, über Krieg und Kinder in Hochhaussiedlungen, über Islamisten („Ein Blutbad in dieser Welt, Glückseligkeit in der nächsten“) und die Empfindlichkeiten junger Menschen seine Meinung äußern.

Im Frühjahr dieses Jahres musste sich der Schriftsteller für den Satz verteidigen, „nennen Sie mich altmodisch, aber ich tendiere dazu, Menschen mit Penis für Männer zu halten“. Nun beschädigt er seinen Roman, indem er Passagen politischen und gesellschaftlichen Kommentars einfügt, die wie aufgeklebt wirken. Gewiss ist sein Erzähler auch ganz ohne Zähne ein bissiges Bürschchen. Aber in seiner Fruchtblase soll er bereits eine Meinung zum IS und zu Transgender haben? Give me a break, würde der Brite sagen.

Man denke sich die paar Male des Zeigefinger-Hebens weg. Man ignoriere sie. Denn „Nussschale“ ist eigentlich ein toller, aberwitziger Thriller, spannend trotz seiner halsbrecherischen Konstruktion. Was ist dem Dichter zuzutrauen? Wird der Mordanschlag Erfolg haben? Und wenn ja, werden die Mörder davonkommen? Und vor allem: Wird Hamlet nicht länger zögern?

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