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„Ich fand einen langen Brief des Propagandaministeriums vor ...“: Der geschmeichelte Hans Fallada erhält einen Auftrag.

Schreiben im Nationalsozialismus

„Halte Dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten“

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Eindrücklich und deprimierend: Anatol Regnier über „Schriftsteller im Nationalsozialismus“.

Da haben nun die drei größten Mächte der Erde fast sechs Jahre gebraucht, um die Nazis zu besiegen, und nun werfen sie der deutschen Bevölkerung vor, die antinazistisch war, sie habe die Nazis geduldet! Deutschland ist das am längsten von den Nazis besetzte Land gewesen – nur so kann man die Situation einigermaßen richtig sehen“, schreibt Erich Kästner in „Das blaue Buch“, seinem Tagebuch aus den Jahren 1941-1945.

Es sei „gar keine Schande (gewesen), dem damals durchaus legal gebildeten Staat auf sein Ersuchen hin seine Potenzen zur Verfügung zu stellen“, so Gottfried Benn am 6. April 1949 in einem Brief an seinen Verleger Max Niedermayer.

„Falls es mir gelänge, die schauerliche Epoche lebendig zu überstehen, würde ich dadurch derart viel für meine geistige Entwicklung gewonnen haben, daß ich reicher an Wissen und Erleben daraus hervorginge, als wenn ich aus den Logen und Parterreplätzen des Auslands der deutschen Tragödie zuschaute“, antwortet Frank Thiess am 18. August 1945 auf die Frage, warum er nicht emigriert sei.

Das sind drei Stimmen von Autoren, die in den Hitler-Jahren in Deutschland geblieben waren und sich dort unter mehr oder weniger schwierigen Umständen um die Veröffentlichung ihrer Werke bemühten. Sie waren unter den Intellektuellen wahrhaftig nicht die schlimmsten Propagandisten des Terrorstaates.

Zum Buch

Anatol Regnier: Jeder schreibt für sich allein. Schriftsteller im Nationalsozialismus. Beck. 366 S., 26 Euro.

Kästner sieht sich immer wieder mit „Berufsverboten“ konfrontiert, setzt sich aber mit anpasserischen Bekundungen recht erfolgreich zur Wehr (er sei „schließlich nicht mit jüdischen Literaten wie Tucholsky“ zu vergleichen, lässt er bei einem neuerlichen Versuch, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden, seinen Anwalt erklären). Benn veröffentlicht 1933 „dreizehn Aufsätze, Texte und Wortmeldungen“, in denen er das „neue Deutschland“ begrüßt und die Rassentheorien der Nazis verteidigt. Er ist auch heftig dabei, als es gilt, jüdische oder linke Schriftsteller aus der Preußischen Akademie der Künste in Berlin zu entfernen. „Halte Dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten, habe Mangel an Versöhnung, schließe die Tore, baue den Staat“, erklärt er am 24. April 1933 im Berliner Rundfunk. „Er hätte schweigen können“, schreibt Anatol Regnier in seinem Buch über die „Schriftsteller im Nationalsozialismus“, „aber er tat es nicht.“ Und auch der Erfolgsautor Frank Thiess verdeckt mit pathetischen Gesten, dass er überaus kompromissbereit seinen vielfach bekundeten „Humanismus“ zu leugnen bereit gewesen war, wenn das Regime ihm dafür im Gegenzug die Veröffentlichung seiner Werke gestattete.

Nahezu keiner der Autoren, keine der Autorinnen, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland lebten und veröffentlichten, war nach dem Ende der NS-Herrschaft bereit, die eigene Rolle in dieser Zeit mit Einsicht oder gar Scham zu reflektieren. Nicht Werner Bergengruen, nicht Kasimir Edschmid und auch nicht Hans Fallada. Regnier betont mit Recht, dass diese drei Autoren keine Nazis waren, aber: sie haben sich „gebeugt“.

„Und nun das Tollste“, teilte Fallada 1943 jubelnd seiner Mutter mit, „ich fand einen langen Brief des Propagandaministeriums vor, das mich mit den schmeichelhaftesten Ausdrücken über meine Kunst auffordert, in seinem Auftrag einen Roman zu schreiben. Ja, liebe Mutter, da steht das Herz vor Staunen still, und es fängt an, mich vor der Götter Neid zu grauen.“ Der Roman sollte den Skandal eines jüdischen Bankrotteurs aus den Weimarer Jahren thematisieren. Der beglückte Autor sagte ohne Wenn und Aber zu. Andere waren erheblich skrupelloser – Hanns Johst etwa, der mit Himmler Vernichtungslager besuchte und die Ostfronten besichtigte und in seinen Reiseberichten die Naziherrschaft in hellen Tönen pries, oder Will Vesper, der „bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Dresden die Brandrede (hält)“.

Ohne billige Anklage bietet Regnier eine überwältigende Fülle von Belegen, die dokumentieren, mit welchen Lügen und Verdrängungen deutsche Intellektuelle nach 1945 ihre Vergangenheit wegschoben. In den westlichen Besatzungszonen und dann in der Bonner Republik aber wurden viele von ihnen rasch wieder mit Preisen und Ehrungen überhäuft. Sie besetzten die Präsidien der neu gegründeten Literaturakademien und eroberten für viele Jahre einen bestimmenden Einfluss auf den westdeutschen Büchermarkt. Die Neuauflagen oder -erscheinungen ihrer Werke stießen beim Lesepublikum, das die eigene Vergangenheit nicht weniger verdrängte als seine Lieblingsautoren, auf große Zustimmung. Noch mehr beklatschte es ihre vielfachen Äußerungen, man habe sich nichts zu vergeben, weil man doch „rein“ geblieben sei oder, ohne irgendjemandem zu schaden, lediglich taktisch gehandelt habe. Vergessen die unzähligen Huldigungen, mit denen sich deutsche Schriftsteller vor einem Mann und einer Partei verneigten, deren Verbrechen für die, die nicht wegblicken wollten, schon längst kein Geheimnis mehr waren.

So auch die Lyrikerin und Romanautorin Ina Seidel zum 50. Geburtstag Hitlers im April 1939: „Dort, wo wir Deutschen stehen ..., da fühlen wir heute unser Streben und unsere Arbeit dankbar und demütig aufgehen im Werk des einen Auserwählten der Generation – im Werk Adolf Hitlers.“

Regnier hat ein wichtiges, kluges, vorzüglich recherchiertes, aber auch deprimierendes Buch geschrieben. Vieles von dem, was er in den vielen kleinen Lebensläufen schildert, ist nicht neu. Aber sein Bericht wird zu einer erschütternden Lektüre, weil er so eindringlich verdeutlicht, mit welcher Leichtigkeit die Macht den Geist zu überwältigen versteht.

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