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FR vor Ort | Kreativszene Gutleut | Alte Michsack-Fabrikl | Frankfurt | 27.10.2017
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Kunst im Gutleut, 2017 auf dem Gelände der alten Milchsackfabrik fotografiert.

Autobiografie

Ute Stefanie Strasser „Gutleut“: Halb von hier, halb doch nicht

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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Ute Stefanie Strasser kultiviert in ihrer Autobiografie den fremden Blick aus der Nähe.

In der Straßenbahn reden Frauen von Weihnachten. Sagt die eine: Wir schenken einander dieses Jahr nichts. Sagt die andere: Wir schenken schon lange nichts mehr. Sagt die dritte: Wir auch nicht, nur Kleinigkeiten. Sagt die erste: Was soll ich bloß meiner Schwiegermutter schenken?“

So reden, so denken wir. Nur aufschreiben würden es außer Ute Stefanie Strasser nur wenige. „Gutleut“ ist der dritte Teil der Autobiographie einer Frankfurterin, die 19-jährig aus einem kleinen Ort in der Steiermark in die große Stadt kam und ein „nicht besonders interessantes Leben“ beschreibt.

Gerade weil das Erlebte so unspektakulär, aufs erste Hinsehen so uninteressant ist, hat es die Autorin mit einem genauen Blick auf die Details versorgt. Alles ist vertraut und zugleich fremd: Das ist die Grunderfahrung. Die Sprache etwa, die im Heimatland gleich und doch anders ist: Strasser spießt Wörter auf, neue ebenso wie alte aus der Erinnerung, auf wie einen seltenen Schmetterling und betrachtet sie distanziert von allen Seiten.

Das Buch

Ute Stefanie Strasser: Gutleut. Wo man hinkommt, wenn man fortgeht. Tirom Verlag, Judenburg 2021. 287 S., 15 Euro

In dem Frankfurter Viertel mit dem programmatisch klingenden Namen passiert nicht besonders viel. Passanten von rechts, Passanten von links. Auf dem Platz vor dem Haus prügeln sich ab und zu ein paar Alkoholiker. Auch hinter den Fenstern Alltag, friedlich, ruhig, nicht ohne Nickeligkeiten, eheliche Launen, Ärger über feiernde Großfamilien und Studenten-WGs. Banalitäten, und dann plötzlich eine Erkenntnis. Eine Schwärmerei kommt vor, eine Liebe, schließlich eine Ehe, alle respektvoll und zugleich kritisch gezeichnet. Man folgt der Autorin beim Nachsinnen über Beobachtungen, eigene Entscheidungen, über kleine Fehltritte und Peinlichkeiten, leichten Schrittes, ohne gewollten Tiefsinn, aber ernst und ehrlich.

Armut vergeht, Scham nicht

Die Lebensgeschichte spannt sich über ein gutes halbes Jahrhundert, vom Häuschen einer kleinen Angestelltenfamilie im „lieblichen Mürztal“ über das schäbige Zimmerchen der angehenden Stewardess in Kelsterbach, gleich an der Landebahn, bis ins Viertel hinter dem Bahnhof. Mindestens so weit wie vom kleinen Alpenstädtchen ins große Frankfurt war der Weg von der „Unschuld vom Lande“ über die Lufthansa-Stewardess zur professionellen Psychologin mit großer, intensiv genutzter Bücherwand. Die Armut vergeht mit den Jahren, nicht aber die Scham, die bei der einstigen „Unschuld vom Lande“ immer wieder aufblitzt.

Die reichlich zitierte Literatur dient dazu, sich zu vergleichen: Geht es nur mir so? Was machen andere anders? Einen guten Teil der Biografie machen Lesefrüchte aus, alle mit sicherem Gespür geerntet. Die Bibliografie am Schluss reicht von Laurence Sternes „Tristram Shandy“ und Goethe zu Tolstoi und Orhan Pamuk. An keiner Stelle schummelt sich belehrende Wissenschaft oder bildungsbürgerlicher Jargon zwischen die Texte und ihre neugierige Leserin.

Am Ende dann das Alter; schade, aber es ist nun mal so. Das Buch ist so voller Sprachwitz, so präzise und so gescheit, dass man es nicht aus der Hand leben möchte. Und auch die Frage, was man der Schwiegermutter schenken könnte, ist damit beantwortet.

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