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Die Härte des Menschen gegen sich selbst

Giorgio Agamben über die biopolitische Grenze, die das Menschliche vom Animalischen zu trennen sucht

Von Michael Mayer

Schlagartig mit jenem bemerkenswerten Eklat um Peter Sloterdijks Elmauer Rede im Herbst 1999 rückte ins öffentliche Bewusstsein, dass die Frage nach dem Menschen längst keine akademische mehr war. Vor allem bestürzten ihre politischen Implikationen. Jäh dämmerte die Einsicht, dass der Mensch nur noch unweit der Schwelle steht, jenes Wesen zu werden, das seinesgleichen nicht mehr aufzieht, sondern züchtet. Wozu die klamme Ahnung kam, dass die etablierten moralischen, die kulturellen, juristischen und zivilisatorischen Ressourcen dieser menschheitsgeschichtlich beispiellosen Situation nicht mehr gewachsen waren. Was fehlte, war der Versuch, sich einen Begriff von etwas zu machen, das allenfalls die Morphologie eines embryonalen Frühstadiums aufwies.

Wenn man das Vorhaben des italienischen Philosophen Giorgio Agamben knapp umreißen wollte, ließe es sich genau dadurch charakterisieren. Sein Begriff der "Biopolitik", von Foucault aufgenommen und gekreuzt mit Carl Schmitts Konzept der Souveränität, beschreibt in nuce nichts anderes als den politischen Nomos der Moderne, der nicht mehr das aristotelische "gute Leben", sondern das nackte zu seinem Ziel und Inhalt hat: das nackte, schutzlose, das rechtlose Leben.

Mit beeindruckender Inständigkeit verfolgt Agamben sein Projekt, den topologischen Ausnahmezustand der Vernichtungslager, den die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts ins Werk setzten, als ebenso singulär wie exemplarisch für die biopolitische Praxis der Moderne überhaupt zu enthüllen. Auch sein jüngstes, auf Deutsch erschienenes Bändchen ist dem verpflichtet. Schon sein Untertitel "Der Mensch und das Tier" verrät, dass sich Agamben unmittelbar einer alten, einer großen Diskussion stellt. Er tut es kontrapunktisch. Gegen die Metaphysik des animal rationale, die den Menschen als (göttliche) Komposition humaner und animalischer Elemente auswies, beharrt er auf deren Entflechtung: "Wir müssen lernen, den Menschen als Ergebnis der Entkopplung dieser zwei Elemente zu denken und nicht das metaphysische Geheimnis der Vereinigung, sondern das praktische und politische der Trennung zu erforschen."

Warum? Weil der Mensch eine Erfindung ist. Genauer: jenes Wesen, das sich als das wieder und wieder hervorbringt, was es ist, indem es sich wieder und wieder von dem abgrenzt, was es nicht ist. Die Demarkation aber ist eine inner-menschliche: "Die Anthropogenese", so Agamben, "resultiert aus der Zäsur und der Gliederung zwischen Humanem und Animalischem. Diese Zäsur verläuft allererst im Inneren des Menschen." Was weitreichende Konsequenzen zeitigt: Denn ein Wesen, das sich im Akt einer inneren Differenzierung überhaupt erst hervorbringt, bleibt sich selbst undurchsichtig. Es kann sein "Sein" gar nicht fassen, da es dieses "Sein" im Vollzug seines Zugriffs stets erst erzeugt. Es sperrt sich gegen jedweden Versuch, dieses Wesen zu vereindeutigen. Das "Tier" ist das im Menschen konstitutiv verschlossene Andere seiner selbst: das "Menschenfremde" in ihm, das er nur auf Kosten seiner Menschlichkeit wird auslöschen können.

Aber zielt das anthropotechnische Großexperiment nicht genau darauf? Auf die vollendete Vermenschlichung des Menschen, die nichts anderes wäre als seine vollendete Unmenschlichkeit? Die Entkopplung von Animalität und Humanität des Menschen wäre nur der erste Schritt einer vollständigen Indienstnahme des Lebens überhaupt. Das Ungeheure dieses Vorgangs bestünde darin, dass ein Wesen, das seine eigene Biologie politisiert, indem es sie verwaltungstechnisch fassbar macht und biotechnisch hochrüstet, das Leben als ganzes unters Primat der Zweckdienlichkeit zwingt. Auch das menschliche Leben regredierte so zuletzt auf den Status des "bloßen Lebens". Die Anthropogenese als Entkopplung von Animalität und Humanität gipfelte in reiner Inhumanität. Der biopolitische Zugriff auf das Leben ist tödlich.

Giorgio Agamben schreibt das Gesetz dieser mächtigen Fatalität. Das Vernichtungslager ist ihr Omega; ihr Alpha die abendländische Polis. In ihrer Ausweglosigkeit erinnert sie nicht nur von Ferne an die aporetischen Verschlingungen einer Dialektik der Aufklärung. Aber auch sie hatte ihre lichten Momente, die Hoffnung, dass anderes möglich sei. Bei Agamben ist es ausgerechnet der Titel, Das Offene, der einen utopischen Gegenhalt gegen das tödliche Programm der Anthropogenese anzeigt.

Neben feinsinnigen Miniaturen über Georges Bataille und Alexandre Kojève, über Carl von Linné und Jakob von Uexküll, über Thomas von Aquin und Walter Benjamin, ist es vor allem die Lektüre Heideggers, in der sich eine Alternative zur herrschenden Fatalität anzudeuten scheint. Indem Agamben in einer allerdings waghalsigen Exegese die für Heidegger wesentliche Gegenwendigkeit von Unverborgenheit und Verborgenheit, von Welt und Erde, als die von Animalität und Humanität ausweist, deutet sich zumindest an, dass das biopolitische Paradigma der Moderne nicht alles sein kann und darf. Wider das metaphysische Phantasma einer "harten" Identität von Tierischem und Menschlichem und der biopolitischen Phantasie ihrer "harten" Differenz - was stets auf dasselbe hinausliefe -, gäbe es wenigstens die Möglichkeit ihrer "Zusammengehörigkeit": die festgehaltene Differenz als Einheit des Verschiedenen.

Nichts anderes wäre das "Offene": die Gelassenheit gegenüber dem undurchsichtigen, dunklen, animalischen Kern menschlichen Daseins. Was kein paradiesischer Zustand wäre. Aber der Krieg des Menschen gegen sich, gegen die Kreatur, gegen die Schöpfung, er wäre zu Ende.

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