Anna Seghers (19.11.1900–1.6.1983), hier bei einer Lesung 1965.
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Anna Seghers (19.11.1900–1.6.1983), hier bei einer Lesung 1965.

Anna Seghers

„Habt ihr etwa keine Träume, wilde und zarte?“

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Utopie, Realismus und das große Trotzdem: Zum 120. Geburtstag von Anna Seghers.

Der Schriftsteller Arthur Koestler war bis 1938 ein überzeugter und aktiver Kommunist. Die stalinistischen „Säuberungsprozesse“, denen in den 1930er Jahren nicht nur Millionen Sowjetbürgerinnen und -bürger, sondern auch nahezu die gesamte alte leninistische Revolutionsgarde zum Opfer fielen, „nahm(en) ihm die Scherben von den Augen“ (Manès Sperber). Sein Roman „Sonnenfinsternis“ (1940), in dem der „Renegat“ von der Selbstverleugnung und der unter Folter erzwungenen Selbstanklage überzeugter Kommunisten erzählt, wurde ein Bestseller.

In seinen 1970 veröffentlichten Erinnerungen erzählt Koestler eine berührende Anekdote über seine einstige Parteigenossin Anna Seghers, „die ich als Schriftstellerin und charmante Frau bewunderte und noch immer bewundere“. Sie habe einmal in einem kleinen Kreis von Parteigenossen über ein Geheimtreffen in einem österreichischen Wald berichtet. Es sei Frühling gewesen, und trotz der Umstände habe ihr der Waldspaziergang große Freude bereitet. Als sie schließlich mit dem Parteifunktionär zusammentraf, habe dieser sofort begonnen, von „der Analyse der Schwierigkeiten, der sich die Partei gegenübersah, und der Mittel zu deren Überwindung“ zu reden. „Ihr schien, dass von dem Augenblick an alle Vögel verstummten, die Luft ihren Duft verlor und die jungen Blätter an den Bäumen zu welken begannen. ,Warum‘, fragte sie niedergeschlagen, ,warum welken die Blätter überall, wo wir hinkommen?‘“

Anna Seghers’ lebenslanges Bekenntnis zum Kommunismus hat immer wieder tiefe Schatten auf Leben und Werk dieser großen Schriftstellerin geworfen. Es hat sie in innere Selbstzweifel gestürzt und sie vielfach verstummen lassen. Nach einer Begegnung in Zürich notiert Bertolt Brecht am 1947 in seinem Arbeitsjournal: „anna seghers, weißhaarig, aber das schöne gesicht frisch. ... sie möchte ihre Bücher auch in den nichtrussischen zonen gelesen haben. sie scheint verängstigt durch die intrigen, verdächte, bespitzelungen.“

Im Kalten Krieg wurde die nach ihrem 14-jährigen Exil in Frankreich und Mexiko in der DDR lebende und sich zum anderen deutschen Staat bekennende Autorin von der bundesdeutschen Rezeption weitgehend übersehen und sogar diffamiert. Marcel Reich-Ranicki, über Jahrzehnte ein die Debatte über Literatur bestimmender Großkritiker, schrieb in der westdeutschen Presse vielbeachtete Verrisse über ihre späte Prosa. In dem in diesen Tagen erschienenen, differenziert und kenntnisreich Leben und Werk beschreibenden und deutenden „Anna Seghers Handbuch“ wird zu Recht konstatiert: „Reich-Ranicki sah in Anna Seghers in erster Linie die Kommunistin und hat ihr Werk durch das Prisma ihrer politischen Anschauung gelesen.“

Die DDR dagegen stilisiert die „Antifaschistin“ zur Staatsschriftstellerin. Sie wurde im „Leseland“ DDR zum „lebenden Denkmal“. Der Wahrheit nur sehr oberflächlich nahekommend, hat die offizielle Kulturpolitik – manchen störrischen und selbstbewussten Einwurf der Autorin vertuschend – sie „rasch in die Reihe der repräsentativen sozialistischen Schriftsteller gestellt“. Rund 3,3 Millionen Exemplare des Werkes von Anna Seghers hat der Aufbau-Verlag in den DDR-Jahren drucken lassen. Wie immer ihre im „Bauern und Arbeiterstaat“ entstandenen letzten beiden Romane „Die Entscheidung“ (1959) und „Das Vertrauen“ (1968) zu beurteilen sein mögen, auch in ihren späten Lebensjahren entstanden noch einige große Erzählungen. Und vom „sozialistischen Realismus“ hat sie sich nicht selten und mit viel Spott distanziert.

Als Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbandes (1952-1978) hat sie Verbeugungen vor der staatlichen Kulturpolitik nicht gescheut, sei es aus Überzeugung, sei es um ihre schützende Hand über manchen Kollegen, manche Kollegin zu halten. Die neue DDR-Literatur (etwa die Veröffentlichungen von Christa Wolf, Brigitte Reimann oder Ulrich Plenzdorf) verfolgte sie mit Interesse, unterstützte sie und verteidigte sie auf Kongressen mit Blick auf die wachsenden nervösen Angriffe misstrauischer Parteifunktionäre. Es half nur wenig, der Ost-West-Krieg um die Meinungshoheit im geteilten Deutschland drohte auch ihren Ruf zu ruinieren.

Literatur:

Carola Hilmes / Ilse Nagelschmidt (Hg.): Anna Seghers Handbuch. Leben-Werk-Wirklichkeit. J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2020. 416 Seiten, 99,99 Euro.

Monika Melchert: Im Schutz von Adler und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil. Quintus Verlag, Berlin 2020. 198 Seiten, 20 Euro.

Volker Weidermann: Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 185 Seiten, 18 Euro.

Wilhelm von Sternburg: Anna Seghers. Ein Porträt. Aufbau Taschenbuch, Berlin 2012. 207 Seiten, 9,99 Euro.

Nach der Wende – 1983 war Anna Seghers gestorben – klagte der einstige Exilgefährte Walter Janka, bis zu seinem Tod 1994 strenger Kommunist und bis zu seiner Verhaftung erfolgreicher Leiter des Aufbau-Verlages, sie habe 1957 zu dem gegen ihn inszenierten Schauprozess (dem sie als Besucherin an zwei Gerichtstagen beiwohnte) und zu seiner Verurteilung geschwiegen. Es dauerte, bis eine rasch und einseitig urteilende Öffentlichkeit zur Kenntnis nahm, dass Anna Seghers nach Jankas Verhaftung zweimal bei Ulbricht für den Angeklagten eintrat, dass sie die Parteileitung im Schriftstellerverband um Unterstützung für Janka bat und den nach fünf schrecklichen Zuchthausjahren Entlassenen als Drehbuchautor bei der Defa unterbrachte.

Der Schlachtenlärm um die Person und das Werk von Anna Seghers ist nun weitgehend verstummt. An ihrem 120. Geburtstag am heutigen Donnerstag lässt sich konstatieren, dass ihr inzwischen der Platz in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts zugestanden wird, den sie verdient. Ihre beiden großen Romane „Das siebte Kreuz“ und „Transit“ gehören längst zur Weltliteratur, und sie sind in ihrem Heimatland Schullektüre. Immer wieder gibt es neue Verfilmungen (etwa Christian Petzolds „Transit“-Version 2018) oder Dramatisierungen (u. a. „Das siebte Kreuz“ 2019 im Frankfurter Schauspielhaus). Bislang ist ihr Werk in über 40 Sprachen übersetzt worden.

Drei neue Bücher über Anna Seghers erschienen in diesem Jahr, die frei von ideologischen Verrenkungen über das Leben und die Texte dieser Schriftstellerin berichten. Nicht zuletzt zeugen sie vom ungebrochenen Interesse, auf das ihr Werk stößt. Das wunderbare neue Handbuch – „Leben – Werk – Wirkung“ – ist eine Fundgrube für die Seghers-Forschung (und Neugierige jenseits des Wissenschaftsbetriebs). Monika Melchert (siehe FR v. 7.9.) und Volker Weidermann beschäftigen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit dem für ihr Werk so wichtigen Lebensabschnitt im mexikanischen Exil. Zu erinnern sei auch an das Jahr 2018, in dem der Roman „Das siebte Kreuz“ im Zentrum der Veranstaltungsreihe „Frankfurt liest“ stand. Ein großer Publikumserfolg, der die Aktualität dieser Schriftstellerin auch 35 Jahre nach ihrem Tod unterstrich.

Die in Mainz als Netty Reiling geborene Tochter eines wohlhabenden jüdischen Antiquitätenhändlers und promovierte Kunsthistorikerin – Anna Seghers nannte sie sich seit der Veröffentlichung ihrer ersten Geschichten in der „Frankfurter Zeitung“ – war eine Träumerin und Utopistin, eine realistische Deuterin der Ungerechtigkeiten in dieser Welt und eine Schriftstellerin des Trotzdem. Auch unter der Sonne Mexikos vergaß sie die mächtigen Türme des Mainzer Domes nie, in deren Schatten sie in ihren Jugendjahren das Leben entdeckt hatte. Nach einem schweren Autounfall 1943 in Mexico City, der eine monatelange Amnesie auslöste, schrieb sie eine ihrer schönsten Novellen: „Der Ausflug der toten Mädchen“. Im fernen Amerika lässt sie darin die verlorene Welt ihrer Mainzer Jugend wieder auferstehen. Schon in ihrem berühmtesten, im französischen Exil entstandenen Roman – „Das siebte Kreuz“ – flieht der KZ-Häftling Georg Heisler durch die Landschaften, Dörfer und Städte Rheinhessens und der Region um Frankfurt, um schließlich, versteckt auf einem Rheinschiff, nach Holland zu gelangen.

Im Tagebuch von 1925 schreibt sie: „Jetzt fast täglicher Gang am Rhein, Liebe zu dieser Landschaft.“ Und wenige Monate nach Kriegsende lässt sie den Mainzer Kulturdezernenten Michael Oppenheim wissen: „Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Sehnsucht ich nach dem Rhein habe. Dieser Wunsch ist nicht geringer geworden durch alles was sich daheim zugetragen hat.“ Heimat – das blieb neben Gerechtigkeit und Treue (zu ihrem Mann, zu ihren Freunden, zu ihrer Partei) eines der entscheidenden Stichworte ihres Lebens.

Ihre Landsleute bedrohten ihr Leben und das ihrer Kinder. Sie trieben sie über die Weltmeere, ermordeten ihre Mutter in einem Vernichtungslager und wollten lange nicht verstehen, welche Bedeutung diese persönlichen Lebensdramen für Anna Seghers’ politische Entscheidungen hatten. In den ersten Wochen nach ihrer Rückkehr in das zertrümmerte Deutschland hielt sie in einem Brief fest, sie sei „hier im Volk der kalten Herzen“.

Anna Seghers hat nur selten ihr Inneres geöffnet, diese humorvolle, ihr „Meenzerisch“ nie verlierende Schriftstellerin litt an der Welt und sprach doch in ihren Briefen immer wieder davon, wie sehr sie „die Freude“ brauche. Als Dichterin träumte sich die Märchen- und Sagenerzählerin häufig in wundersamen Sätzen aus der Wirklichkeit und erzählte von der Schönheit der Welt, dem Glanz ihrer sonnendurchglühten Farben und ihren leidenden, glücksuchenden Bewohnern. „Und habt ihr denn etwa keine Träume, wilde und zarte, im Schlaf zwischen zwei Tagen?“

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