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Ich habe mein Dorf hier

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Gerhard Schweizer bereist die Großstädte Indiens und kann das Klischee von der "tickenden Zeitbombe" nicht bestätigt finden

Von SILKE HOHMANN

Ein Land wie Indien fordert gerade in den großen Städten viel von einem Besucher aus dem Westen, denn die schablonenhafte Erwartung offensichtlichen Elends wird selten unterboten. Doch das Erschrecken über die Gleichgültigkeit der Einheimischen ob dieser Zustände weicht alsbald einer ähnlichen, immunisierend wirkenden Gleichgültigkeit. Worüber - je nachdem, wie zart man besaitet sein mag - wiederum gehöriges Erschrecken eintreten kann. Nie aber verschwindet diese innere Schieflage ganz, es sei denn, man hat die Fähigkeit zur absoluten Indolenz.

Gerhard Schweizer ist seit vierzig Jahren ein Kenner der Großstädte Indiens und kann sich trotz seines analytischen Blicks immer noch wundern, empören und Mitleid empfinden. Was daran liegt, dass er auch nach langjähriger soziologischer Forschungsarbeit in westlichen und auch für den Indien-Laien in leicht nachvollziehbaren Parametern denkt. Die auffälligste Leistung seines neuesten Buches über indische Megastädte ist daher die angemessene Übersetzung von extremen Beobachtungen und Erfahrungen in eine zugänglich geschriebene, stellenweise mehr an eine Reisereportage als an Konfliktforschung erinnernde Sprache.

Schweizer reist wie ein waghalsiger Tourist in die wuchernden Vorstädte, teilt jede Beobachtung, Begegnung und Reaktion auf seine Person dem Leser mit, lässt sein theoretisches Wissen beiläufig einfließen und baut eine atmosphärische Kulisse auf, die den Leser bereit macht für die komplizierten, überaus komplexen Strukturen des Zusammenlebens in indischen Slums. Dass er dabei gelegentlich Mutmaßungen als Tatsachen darstellt und die ethnischen Merkmale gelegentlich ein wenig romantisch-betulich anmuten, etwa wenn von der "lederartigen Haut" die Rede ist oder vom Bauern, der "gewiss das erste Mal eine lange Reise in die Stadt" unternimmt, sieht man ob des radikalen Selbstversuchs dem heute 63-Jährigen gerne nach. Denn Schweizer ist in seinen Begegnungen stets auf Augenhöhe bedacht, ob in den Kloaken Kalkuttas oder im Palast eines Industriellen.

Der Weg durch die Slums

Interessant ist dabei vor allem der psychologische Subtext, in dem der Autor - möglicherweise gar nicht immer ganz bewusst - seine eigene moralische Position sucht. Denn Gerhard Schweizer geht nicht als kühler Wissenschaftler, sondern als sich selbst aussetzender Experimentator an seinen Gegenstand heran bzw. in die Slums hinein. Und zeichnet schon in oberflächlichen Beobachtungen, wie sie in wenigen Stunden am Ort gemacht werden können, ein ganz anderes Bild vom indischen Slum, als der etwas reißerische Titel Metropole, Moloch, Mythos zunächst suggeriert. Dabei ist es gerade die Nähe, auch die emotionale Nähe, die Schweizer zu den Bewohnern sucht, die zur Aufklärung ganz grundsätzlicher Missverständnisse beiträgt.

Ist ein Besuch doch für einen offensichtlich besser situierten, weißen Besucher keineswegs so gefährlich, wie der Begriff "Slum" gemeinhin denken lässt. Am Beispiel Kalkuttas, das als erste indische Großstadt ein sprunghaftes, unkontrollierbares Wachstum erfuhr, wird klar: In den Slums indischer Großstädte haben aggressives Betteln und räuberische Gewalttaten - anders als etwa in südamerikanischen oder nordafrikanischen Städten - absolut keine Kultur. Was einerseits, so der Autor, daran liegen mag, dass die Erfahrung, es gebe "etwas zu holen", einfach fehlt. Andererseits, und das ist das wahrhaft Besondere an den indischen Armenvierteln, wird die Armut nicht als ungerechter Zustand beklagt. Denn der Hinduismus, so erklärt der Autor, begreift Leben am unteren Rand der Gesellschaft als persönliches Verschulden in einem früheren Leben, und nicht als durch äußere Umstände bedingte Benachteiligung.

Die Schicksalsergebenheit der Bevölkerung mag einerseits eines der größten, unlösbaren Probleme Indiens sein, das jegliche grundlegende Verbesserung der Verhältnisse verhindert. Andererseits ist es gerade dieser unbeirrte Defätismus, der das Miteinander regelt - erst recht in den Slums. Zunächst regelt die religiöse Zugehörigkeit das anarchische Chaos: Während die Bewohner der offiziellen Slums in der Regel Westbengalen sind und Wahlrecht haben, leben in den illegalen Siedlungen viele verarmte Bauern unter katastrophalen Bedingungen. In Kalkutta leben mindestens eine Million Obdachlose. Die anhaltende Landflucht verschärft Tag um Tag die Verteilungskämpfe um Frischwasser, und ein Rückgang oder auch nur eine Stagnation des Wachstums der Slums ist nicht in Sicht.

Dennoch ist Gerhard Schweizer zuversichtlicher, als es das fast schon Wirklichkeit gewordene Endzeit-Szenario vom vollends unregulierbaren Moloch nahe legt. Zunächst findet innerhalb der unsichtbaren Strukturen eine ausgeprägte Selbstregulation statt. "Ich habe mein Dorf hier", nennt das ein ehemaliger Bauer, der nun im Slum wohnt. Auch sein in vorangegangenen Werken zu ähnlichen Themen gezeichnete Bild von der tickenden "Zeitbombe Stadt" will sich nicht so recht einstellen, hat man erst verstanden, dass die grundsätzliche Gesinnung für eine Revolution - deren dynamisches Potenzial dann keinesfalls zu unterschätzen wäre - überhaupt nicht vorhanden ist.

In einem der interessantesten Kapitel des Buches befragt Schweizer die Oberschicht nach ihrer sozialen Verantwortung. Eingeladen bei einem Industriellen, erfährt er am eigenen Leib die für westliche Maßstäbe unverschämte Geringschätzung, mit der im Kastensystem einander begegnet wird. Ein Umstand, der für Außenstehende schwer zu akzeptieren ist - auch für einen Indien-Kenner wie Gerhard Schweizer. Andererseits urteilt er auch hier nicht einfach ab, sondern zieht aus den widerwillig gegebenen Antworten auf seine bohrenden Fragen nach sozialer Gerechtigkeit einige erstaunliche Erkenntnisse. So weicht ihm der Hausherr zunächst aus, konfrontiert ihn dann aber mit der aufschlussreichen Gegenfrage, wie man sich als Westeuropäer mit zwar mit Mülltrennung aufhalten könne, für seine Familie aber keine Zeit habe.

Familienwerte

In der Tat ist es einem Inder schwer zu vermitteln, dass man sich in der wohlorganisierten westlichen Welt zum Beispiel durch Eigenschaften wie Umweltbewusstsein für die verantwortungsvolleren, "besseren Menschen" hält, andererseits aber die eigenen Eltern zur Entlastung einer Fremdverwaltung im Altenheim überlässt. Wo die eine Seite der anderen fehlenden Gemeinsinn vorwirft, argumentiert die andere Seite mit fehlendem Familiensinn. Wo unsereins das drastische Gefälle von oben nach unten als Affront gegen unser Wertesystem erfährt, ist es der westliche Individualismus, der den Indern ungezogen und unverständlich vorkommt. Mit dem Unterschied, dass sie offenbar weniger das Bedürfnis zu belehren verspüren.

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