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György Konrád 2014 während der „Woche der Brüderlichkeit“ im Landtag von Schleswig-Holstein.

Nachruf auf György Konrád

Scharfsinn und Eigensinn

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Der Intellektuelle und Romancier György Konrád ist gestorben. Ein Nachruf. 

Im Alter von elf Jahren, hat György Konrád einmal gesagt, sei er erwachsen geworden. Das war im Mai 1944, als seine Eltern von den Nationalsozialisten deportiert wurden. Während die Eltern die Zwangsarbeitslager überlebten, verlor Konrád in dieser Zeit einen Großteil seiner jüdischen Familie. Die Erlebnisse dieser Konfrontation mit der Politik der Vernichtung schilderte György Konrád später in seinen Romanen „Heimkehr“ und „Glück“.

Sein literarisches Debüt aber gab Konrád, der zunächst Soziologie studiert und in der Jugendfürsorge von Budapest gearbeitet hatte, 1969 mit dem Roman „Der Besucher“. Darin leuchtet er mit kühl-distanzierter Beobachtungsgabe die vernachlässigten Viertel der Stadt aus, die er von unten kennengelernt hatte und die es nach offizieller Lesart im Realsozialismus gar nicht geben durfte.

Seine nicht korrumpierbare politische Wachheit war zweifellos das Vermächtnis eines jungen Menschen, der früh erfahren musste, was es heißt, ein Überlebender zu sein. György Konrád ist einer der großen Autoren der europäischen Erinnerungsliteratur, der sich bald jedoch an den neuen Verhältnissen rieb. 1956 hatte er am Ungarnaufstand teilgenommen, und spätestens mit seinen ersten literarischen Veröffentlichungen galt er als Kritiker des ungarischen Sozialismus, der bald als Gulasch-Kommunismus bezeichnet wurde, weil er in etwas sanfterer Form den Alltag prägte als in den übrigen Staaten des Warschauer Paktes.

Dennoch konnten viele von Konráds Texten lediglich unter der Hand in der sogenannten Samisdat-Literatur erscheinen. „In jener Zeit, in den Jahren der Diktatur“, schrieb Konrád, „sind wir Abend für Abend emigriert, indem wir lasen“. Das Zitat verrät einiges über den hohen Anpassungsdruck, dem er als gesellschaftlicher Außenseiter ausgesetzt war, und man unterschlägt bei der Rückschau auf seine intellektuelle Biografie allzu leichtfertig, dass György Konrád bereits 56 Jahre alt war, als die osteuropäischen Diktaturen implodierten.

Als Intellektueller und Essayist war Konrád einer der ersten und einflussreichsten Denker, die in der Idee eines neuen Mitteleuropas die Konfrontation von Ost und West zu überwinden versuchten. Neben Václav Havel, Adam Michnik, Milan Kundera und Pavel Kohout gehörte er zu den wichtigsten Stimmen, die den Eisernen Vorhang gedanklich aufgeweicht und den Fall der Mauer vorbereitet hatten.

György Konrád verfolgte dabei ein Konzept der Anti-Politik, die die realpolitischen Bemühungen mit Skepsis begleitete und auf eine geistige Unabhängigkeit setzte, die er auch für seine künstlerische Existenz beanspruchte. Es war eine Mischung als Scharfsinn, Melancholie und Eigensinn, die fast alle seine Arbeiten prägen.

Für Konrád stellte der Begriff Mitteleuropa nicht nur den Versuch dar, eine geopolitische Idee wiederzubeleben. Er attestierte dem Mitteleuropäer auch einen Sozialcharakter, der sich gerade dadurch, dass er oft durch die Geschichte geschubst worden war, eine eigene Weltsicht bewahrt hat.

Auf exemplarische Weise übte Konrád diese Rolle von 1997 bis 2003 in Berlin als Präsident der wiedervereinigten Akademie der Künste aus. Es war ein wichtiges Signal der deutschen Künstler, ihn als Ungarn in diese Position berufen zu haben, und Konrád verkörperte dabei nicht zuletzt den Anspruch, Berlin zu einem Brückenkopf zwischen Ost und West zu machen in der Hoffnung, dass gerade kulturelle Beziehungen und künstlerische Einbildungskraft der Politik den Weg weisen können.

Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte, denn der ungarische Kosmopolit, der er war, musste bald einsehen, dass gerade die postkommunistische Politik seines Heimatlandes von turbulenten Richtungsschwankungen durchgeschüttelt wurde. Während beinahe jede neue Regierung gnadenlos abgewählt wurde, wurde eine gesellschaftliche Radikalisierung offenbar, die bis dahin eher im Verborgenen rumorte.

Als sich rechte und antisemitische Strömungen schließlich ganz offen in Ungarn artikulierten, verlor Konrad dennoch nicht seine Zuversicht. Es nutze immer, sagte er in einem Interview von 2006, wenn die Wahrheit auf den Tisch kommt. Es sei gut, dass die extreme Rechte zeige, wer sie wirklich ist.

György Konrád blieb auch später ein scharfer Kritiker des rechtspopulistischen Kurses von Ministerpräsident Victor Orban, war aber dennoch optimistisch, dass Ungarn ein Rechtsstaat bleiben werde, weil letztlich die Anziehungskraft, die von Europa ausgehe, größer sei als die sich überall ausbreitenden nationalistischen Verengungen.

Am Freitag ist György Konrád im Alter von 86 Jahren in Budapest gestorben.

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