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Gwendolyn Sasse: „Der Krieg gegen die Ukraine“ – Russlands imperiale Hinterlassenschaften

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Von: Christian Thomas

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Oktober: Ukrainerinnen mit einer Hilfslieferung Kartoffeln in Swjatohirsk nach dem Rückzug der russischen Armee.
Oktober: Ukrainerinnen mit einer Hilfslieferung Kartoffeln in Swjatohirsk nach dem Rückzug der russischen Armee. © AFP

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (15): Gwendolyn Sasse mit „Der Krieg gegen die Ukraine“.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine war vom ersten Tag an auch ein Angriff auf eine so krisenanfällige Infrastruktur wie die Wörter. Deshalb gehört zum Arsenal Putins seine Verschleierungsvokabel „militärische Spezialoperation“. Zudem sind bereits seit 2014 in Russland die Bezeichnungen „Ukraine-Krise“ und „Ukraine-Konflikt“ in Umlauf. Soll doch mit beiden Begriffen insinuiert werden, dass die Ukraine nicht in der Lage sei, ihre Probleme bewältigen zu können. Keine anderen Probleme allerdings als diejenigen, für die Russland verantwortlich ist mit seinem „Krieg gegen die Ukraine“. In ihrem soeben erschienenen Buch ist das für Gwendolyn Sasse die einzige angemessene Benennung.

Dennoch: auch in Deutschland wurden die beiden irreführenden Wörter übernommen, ob ahnungslos oder kalkuliert, beides in Putins Sinne. Erst recht bei dem Wort „Ukrainekrieg“ schwingt ein Verdacht mit, um eine Mitschuld der Ukraine herbeizufabeln. Daher ist für Sasse eine „klare Benennung von essentieller Bedeutung“, bezogen auf einen Krieg, den Russland seit bereits acht Jahren in der Ukraine führt, und nicht etwa, wie das Wort „Zeitenwende“ Glauben macht, am 24. Februar 2022 begann.

Historisch ausgreifend, macht die Direktorin des Zentrums für Osteuropa und Einstein-Professorin an der Humboldt-Universität Berlin deutlich, dass die Ukraine „maßgeblich von verschiedenen Imperien geprägt worden ist“, durch das Habsburger Reich, das Krim-Khanat bzw. Osmanische Reich, in besonderem Maße durch das Zarenreich sowie durch die Sowjetunion, deren „Hinterlassenschaften“ bei dem Angriff auf die Ukraine „neo-imperial“ nachwirken. Putins Eroberungs-Doktrin bedient sich bei zaristischen und sowjetischen Idolen.

Gleich mehrere Ursachen macht Sasse für den alles andere als plötzlich ausgelösten Krieg verantwortlich, angefangen mit der „Autokratisierung Russlands“ und den damit verbundenen „neo-imperialen Machtansprüchen“. Zudem wirkte auf die russische Gesellschaft eine massive „staatliche Geschichtspolitik und Propaganda“ ein. Dennoch musste der Kreml einer „Demokratisierung und Westorientierung der Ukraine“ zusehen, die zu einer „Stärkung einer staatszentrierten ukrainischen Identität“ führte. Neben weiteren Faktoren, darunter der „zunehmenden Diskrepanz zwischen westlichen und russischen Sicherheitswahrnehmungen“, nicht zu vergessen „wachsenden Widersprüchen in der westlichen Russlandpolitik“, hat die „sukzessive Ausweitung des Krieges seit 2014“ einen von Putin vollkommen falsch eingeschätzten „Transformationsprozess“ ausgelöst.

Denn sowohl die Annexion der Krim als auch der Krieg im Donbas haben das nationale Selbstbewusstsein in der Ukraine gestärkt, eine Identität, die den „Akzent auf das Prinzip der Staatsbürgerschaft“ legt. Nicht etwa ethnische, regionale, soziale oder sprachliche Identitäten und damit Differenzen fand der Aggressor vor, vielmehr machte ein gesamtgesellschaftliches Selbstverständnis gegen ihn Front, womit Putin, seiner eigenen Propaganda erliegend, eine militärisch desaströse Fiktion ableitete.

Nicht mit der Verve etwa eines Juri Andruchowytsch, aber ähnlich wie der ukrainische Autor wendet sich Sasse gegen den „Eindruck einer ,gespaltenen Gesellschaft‘. Vielmehr von Facettenreichtum seien gerade die Massenbewegungen 2004 und 2012 geprägt gewesen, „gemischte Identitäten“ hätten ein zivilgesellschaftliches Engagement ausgelöst. Eine Demokratiebewegung von unten habe maßgeblich für eine „umfassende Dezentralisierung“ gesorgt.

Zur Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Gwendolyn Sasse: Der Krieg gegen die Ukraine. Hintergründe, Ereignisse, Folgen. C.H. Beck 2022. 128 S., 12 Euro.

Bereits im Regal: Das Igor-Lied, Serhii Plokhys „Die Frontlinie“, Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“, Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“, Oleksij Tschupas „Märchen aus meinem Luftschutzkeller“, Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“, Oksana Sabuschkos „Schwestern“, Juri Andruchowytschs „Radio Nacht“, Andreas Kappelers „Die Kosaken“, Vladimir Jabotinskys „Die Fünf“, Serhij Zhadans „Internat“ und Kerstin S. Jobsts „Geschichte der Ukraine“, Tanja Maljartschuks „Von Hasen und anderen Europäern“, Markijan Kamyschs „Die Zone oder Tschernobyls Söhne“.

Das nächste Buch wird Julia Kissinas „Frühling auf dem Mond“ sein.

Dennoch markiert Sasse unmissverständlich die Defizite einer „nicht konsolidierten Demokratie mit Ausprägungen eines Semi-Autoritarismus“. Die „russische Staatsrhetorik“ vom angeblich neonazistischen, illegal an die Macht gekommenen Regime in Kiew demontierend, verweist Sasse gleichwohl auf krasse Fehlentwicklungen, die auch ein populistischer Wahlsieger wie Selenskyj nicht einzudämmen wusste, angefangen mit einer das Land weiterhin beutelnden Korruption. Nicht dessen ungeachtet, aber dennoch muss die Ukraine als das politische und gesellschaftliche Gegenmodell zu Putins Russland begriffen werden. Diese Alternative „setzte Putins Staatsräson von außen Grenzen und birgt auch innenpolitische Risiken.“

Schon die völkerrechtswidrige Annexion der Krim war ein Angriff auf die Ukraine als Unitarstaat mit seinen 27 Verwaltungseinheiten. Die Krim, historisch seit langem ein Sonderfall, wurde 1991 zur „größten territorialen Herausforderung für die unabhängige Ukraine“. Ihr Autonomiestatus bedeutete ein großes Konfliktpotential, das jedoch durch ein insgesamt geschicktes Konfliktmanagement entschärft wurde. Seiner völkerrechtswidrigen Annexion der Krim schickte Putin Verschwörungslegenden voraus, um seine offensichtlich militärischen und wirtschaftlichen Interessen zu verschleiern. Dennoch verfing die „russische Rechtfertigungstaktik“ in der deutschen Politik und Gesellschaft, und das ungeachtet der Tatsache, dass allein die Ukraine einen völkerrechtlichen Anspruch auf die Krim hat. Mit falschen Behauptungen bekräftigte Putin ebenfalls seinen Krieg im Donbas, auch hier brachte er die „grundlose Anschuldigung“ in Stellung, in den Volkrepubliken Donezk und Luhansk verübe die Ukraine einen „Genozid“ an der russischen Bevölkerung.

Die drei Etappen des Krieges analysierend, ist Sasse keine Autorin der geharnischten Urteile. Eher reserviert rekonstruiert sie Putins perfiden Plan der sukzessiven Erbeutung der Ukraine, beginnend mit der Annexion auf der Krim, über die zweite Etappe, den Krieg im Donbas, Schritt für Schritt, Eskalationsstufe für Eskalationsstufe – wozu auch Putins Verhandlungsstrategie seit 2014 gehörte. Die von Putin der Öffentlichkeit im Westen weisgemachte und hier willfährig geglaubte Verhandlungsbereitschaft war nie ernst gemeint: auf einen „substantiellen Sicherheitsdialog mit der Nato und den USA, der im Vorfeld des Angriffskriegs vom 24. Februar möglich gewesen wäre, ließ er sich nicht ein“. Ebenso wenig, auch das angeführt mit Blick auf eine menschenverachtende Putin-Internationale, ging der Autokrat nicht auf das „von Selenskyj unterbreitete Angebot“ ein, „über eine Neutralität der Ukraine im Gegenzug für belastbare Sicherheitsgarantien zu verhandeln.“ Sasses Satz, dass es für die Ukraine „keine Basis für Verhandlungen gibt“, darf man ohne weiteres als eine Intervention gegen einen wirklichkeitsunwilligen Pazifismus verstehen.

Der Krieg gegen die Ukraine hat „die Illusion eines friedlichen Zusammenlebens in Europa“ mit einem Russland beendet, solange das Land ein verschlagener Autokrat wie Putin regiert, hinter dem Hardliner stehen, die auf ihre Stunde warten. Das „Paradoxe an Putins Entscheidung für den Krieg“ bestehe darin, dass die Risiken für das „System“ Putin „größer statt kleiner geworden sind“.

Dass die Ukraine erst durch den Krieg Russlands gegen sie „auf einmal überall präsent ist“, nennt Sasse eine denkbar tragische Art, Aufmerksamkeit zu erlangen. Immerhin, während in Europa die „gefühlte Entfernung zur Ukraine“ abgenommen habe, habe über das Gefühl hinaus eine Politisierung zugenommen, nämlich die „Geopolitisierung der Gesellschaften Europas“.

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