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J.K. Rowling in Harvard, 2008.

Joanne K. Rowling

Wie man ein guter Präsident werden könnte

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"Harry-Potter"-Autorin Joanne K. Rowling denkt anregend über den Nutzen des Scheiterns und eine besondere Herzensbildung nach.

Diesmal gibt es keine Hexen, keine Zauberer, nicht ein einziges fantastisches Tierwesen. In ihrem neuen Buch schreibt die britische Autorin Joanne K. Rowling ausschließlich über Muggel, Menschen also. „Was wichtig ist. Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie“ heißt es. Nicht grundlos trägt es einen appellativ angehauchten Titel, es handelt sich um eine Rede. Rowling hielt sie 2008 vor Absolventen der Harvard Universität.

Das war ein Jahr nach der Veröffentlichung des letzten Harry-Potter-Bandes. Rowling war damals längst berühmt, denn diese Bücher, seit 1997 erschienen und binnen kurzem zu Weltbestsellern geworden, haben die Literaturlandschaft verändert. Galten Kinderbücher den meisten Menschen bis dato als Beiwerk zur freundlichen Erziehung, hat der umwerfende Erfolg der Potter-Reihe dazu geführt, dass Jugendliteratur auch auf die allgemeinen Bestellerlisten gelangte. Cornelia Funke („Tintenherz“), Stephenie Meyer („Bis(s) zum Morgengrauen“), Suzanne Collins („Die Tribute von Panem“) und andere durften davon profitieren.

Die Schriftstellerin Joanne K. Rowling jedoch vor den Absolventen einer Elite-Universität reden zu lassen, war für jene, die in Schubladen denken, ein mutiger Schritt, ein Sprung von der Unterhaltung auf die Ebene des Geistes. Die Autorin war sich dessen bewusst und scherzt also zu Anfang des Textes, der sich über sehr großzügig bedruckte 80 Buchseiten erstreckt, sie habe vor Aufregung einige Kilo abgenommen, „eine Win-win-Situation“ sozusagen.

Sie begibt sich zunächst als 42-Jährige zurück in ihr 21-jähriges Ich, in die Zeit, da sie selbst ihr Studium abschloss. In diesen ersten Passagen des Textes schreibt sie, wie sie sich damals entschied, gegen den Willen der Eltern die aussichtsreichere Germanistik sausen zu lassen und zu den Altphilologen zu gehen. Es gebe eben „ein Verfallsdatum, ab dem Sie Ihre Eltern nicht mehr beschuldigen können, Sie in die falsche Richtung bugsiert zu haben“.

Aber sie wollte ja vom Nutzen des Scheiterns sprechen. Also erzählt sie, wie sie eines Tages quasi mittellos dastand, nach einer schnell beendeten Ehe, alleinerziehend, ohne Job. Da besann sie sich auf das, was sie wirklich wollte, denn sie fühlte sich von allen Zwängen befreit und von den Erwartungen anderer auch. Sie schrieb weiter an ihrem ersten Buch, das erst niemand wollte. Der glückliche Ausgang ist bekannt.

An der vermutlich besten Universität der Welt, vor jungen Frauen und Männern, denen jede Karriere offensteht – wie man etwa an den Absolventen Bill Gates, Barack Obama und Natalie Portman sehen kann –, spricht Rowling davon, dass nie alles glücken wird. In einer Zeit, da Selbstoptimierung erste Bürgerpflicht zu sein scheint, da Menschen sich nach Einkommen und gesellschaftlicher Position abschätzen, da lenkt sie den Blick weg von diesen Kriterien. „Es ist unmöglich zu leben, ohne an etwas zu scheitern.“ Eine solche Lehre bekommen junge Menschen selten erteilt.

Und was ist mit der Fantasie? Eine ganze Weile wartet man darauf, dass die Frau, die wissende Spiegel, gedankenlesende Flüssigkeiten, Beutelchen mit dem Fassungsvermögen von Containern, reisende Köpfe und das Quidditch-Spiel erfunden hat, endlich über die Kraft der Fantasie spricht. Dann eröffnet sie, dass sie darunter nicht bloß Ideenreichtum versteht. Wahrhaft umwälzend und erhellend nennt die Autorin die Fantasie „in ihrer Eigenschaft als jene Kraft, dank der wir uns in Menschen einzufühlen vermögen, die ganz andere Erfahrungen als wir gemacht haben“.

Ansprachen, die Abiturienten oder Hochschulabsolventen zur ihrem Abschluss gratulieren und sie ermunternd ins Leben hinaus schicken, werden überall auf der Welt immer wieder gehalten. Rowling hat das Genre nicht neu erfunden. Doch nutzt sie ihre Verantwortung auf eine besondere Weise. Sie spricht von der Zeit, da sie im Büro von Amnesty International in London gearbeitet hat, gibt nur einen winzigen Einblick, was sie dort erfuhr, als Männer kaum Worte für erlittenes Leid hatten, als sie unter Gefahren aus totalitären Staaten herausgeschmuggelte Briefe zu sehen bekam.

Sie folgert, wie der Wechsel der Perspektive einen Menschen bereichert, wie er für Herzensbildung sorgt. Und da schreitet sie zum Appell: „Wenn Sie sich entscheiden, Ihren Status und Ihre Stimme zu nutzen für jene, die keine Stimme haben; wenn Sie sich nicht nur mit den Mächtigen auf eine Ebene stellen, sondern auch mit den Machtlosen; wenn Sie die Fähigkeit bewahren, sich kraft Ihrer Fantasie in das Leben jener hineinzuversetzen, die weniger privilegiert sind, dann werden es nicht nur Ihre stolzen Familien sein, die Ihre Existenz feiern, sondern Tausende und Millionen von Menschen, deren Lebensbedingungen Sie geholfen haben zu verändern.“ Wer sich das zu Herzen nimmt, könnte ein guter Präsident oder Wirtschaftslenker werden.

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