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Im Guten wie im Bösen

Der ehemalige ZDF-Intendant Dieter Stolte plädiert für ein humanes Fernsehen

Von BETTINA SCHULER

Das Prinzip ist denkbar einfach und hart: Erst wenn der Auserwählte sich zu Tode ängstigt und dies klar und deutlich formuliert, löst der Sender MTV die Situation auf und eröffnet dem jeweiligen Betroffenen, dass er nicht etwa einem leibhaftigen Gorilla oder Massenmörder gegenübersteht, sondern schlicht und ergreifend gelinkt wurde. "Spaß" soll das Ganze machen, insbesondere den Menschen vor dem Fernseher, die sich im sicheren Zuschauerraum an der Todesangst der Vorgeführten weiden. Im Gegensatz zu einem solchen Format wie Scare Tactics erscheinen Sendungen wie The Swan und Deutschland sucht den Superstar harmlos - doch ist das Plädoyer für ein perfektes Äußeres, Disziplin und Unterwürfigkeit als Weg zum Erfolg ebenso bedenklich wie das Spiel mit der Todesangst von Anderen.

Viel wurde in den letzten Jahren über die Auswirkungen von solchen Sendungen auf die Gesellschaft diskutiert, versucht, dort Verantwortliche für die zunehmende Gewalt und Rücksichtslosigkeit zu lokalisieren. Nun hat sich auch der ehemalige ZDF-Intendant und Herausgeber der Welt und der Berliner Morgenpost Dieter Stolte in einem Buch zu Wort gemeldet: Wie das Fernsehen das Menschenbild verändert lautet der Vorgang, dem Stolte durch einen Vergleich von öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehprogrammen nachzugehen versucht. Ohne dabei, ganz ehemaliger Fernsehintendant, das Fernsehen von vornherein als Ursache für den Kultur- und Werteverfall zu sehen: "Fernsehen ist, bei aller Breitenwirkung, schlechterdings kein Verursacher oder Auslöser von gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern kann, im Guten wie im Schlechten, höchstens als deren Beschleuniger und Verstärker angesehen werden."

Bei seinem Vorhaben neigt er jedoch zu einer sehr einseitigen Polarisierung von öffentlich-rechtlich-gutem auf der einen und privat-bösem Fernsehen auf der anderen Seite, die er mit den immergleichen Beispielen begründet. Insbesondere, wenn es um die Analyse von Daily Talks, Soaps oder Gerichtsshows geht, werden die großen privaten TV-Anstalten gerne zum gesellschaftlichen Sündenbock erklärt, wohingegen die Öffentlich-Rechtlichen nach Stolte die Fahne des guten Anstandes hochhalten.

Vordergründiger Aktionismus

Ebenso verfährt Stolte mit den Fernsehkrimis, in denen bei der privaten Konkurrenz "fetzige Bilder statt fesselnder Dialoge, vordergründiger Aktionismus statt hintergründiger Psychologie, sinnliche Blickfänge statt moralischer Anstöße eines Derricks, eines Alten oder eines Tatort-Kommissars" im Mittelpunkt stünden. Diese Kritik mag vielleicht auf RTL-Serien wieAlarm für Cobra 11 oder HeliCops zutreffen, nicht jedoch für solche Serien wie Der Bulle von Tölz oder Kommissar Rex auf Sat 1, die ähnlich wie ihre öffentlich-rechtlichen Vorgänger auf ausgefeilte Dialoge und die Konstellation Hauptkommissar plus Assistent setzten.

Sicher, bei den privaten Fernsehanstalten wird zur Sicherung der Quote die seichte Unterhaltung der hochwertigen Information vorgezogen, jedoch könne sich auch ARD und ZDF nicht ganz von diesem Vorwurf befreien: So hat die ARD mit Verbotene Liebe und Marienhof ebenso viele Soap Operas in ihrem Spätnachmittagsprogramm wir ihr privater Konkurrent RTL. Nicht zu vergessen Pastor Fliege im Daily Talk Bereich, der unter dem Deckmantel der Religion seinen Gästen auf der ARD die gleichen Intimitäten entlockt wie eine Vera am Mittag auf Sat 1. Und auch das ZDF hat jahrelang versucht, eine seichte Daily Soap in seinem Programm zu etablieren, allerdings ohne Erfolg. Stattdessen begnügen sie sich mit der Ausstrahlung des amerikanischen Quotenknüllers The Bold and The Beautiful (dt. Titel: Reich und Schön) im Vormittagsprogramm.

Auch geht Stolte in keinem seiner vielzähligen Kapitel auf die unterschiedliche Zuschauerrezeption solcher Formate ein, was jedoch bezüglich des Menschenbildes, welches das Fernsehen innerhalb der Gesellschaft zeitigt, sehr aufschlussreich wäre. So gibt es in der Fernsehwissenschaft ausführliche Studien zur Rezeption von Soap Operas, die belegen, dass viele Zuschauerinnen die ihnen gebotenen Klischees nicht eins zu eins übernehmen, sondern häufig als eine subversive Kritik an dem bestehenden Frauen- und Männerbild verstehen. Die Anglistin Jane Feuer hat dies mit den Melodramen von Douglas Sirk verglichen, die man einerseits als schieres Melodram, andererseits als subversive Gesellschaftskritik lesen kann und die somit zu einem emanzipierten Frauenbild beitrugen. Diese positiven Lesarten solcher scheinbar seichten Sendungen auf das weibliche Selbstbild bezieht Stolte in seine Analyse nicht mit ein. Vielmehr versteift er sich auf den einfachen Formate-Vergleich, bei dem das ZDF immer besonders gut abschneidet. Lediglich einige Sendungen aus privatem Hause wie Wer wird Millionär? und die Harald-Schmidt-Show lässt er daneben gelten.

Stoltes bedachtes Plädoyer für ein verantwortungsbewusstes und humanes Fernsehen, dass er mit verschiedensten Beispielen aus der Philosophie und Literatur anreichert, wird dadurch zu einer Lobrede auf die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, in der die Mainzelmännchen als einzige Retter in der Not in Aktion treten.

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