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Literatur

Gute Leser sind Kannibalen

Kurt Flasch über die großen Kontroversen europäischer Philosophie.

Von xxawi

Eine Philosophiegeschichte in Kontroversen. Kurt Flasch, einer der besten Kenner der Philosophiegeschichte des Mittelalters, zeigt uns in zwanzig Etappen wie in Europa von Augustin bis Voltaire über Gott und die Welt nachgedacht wurde. Er führt es vor. Alles beginnt mit der Auseinandersetzung zwischen Augustin und Julian von Aeclanum, mit der Frage also, ob der Mensch auch gut sein könne oder durch die Erbsünde von Geburt an verderbt sei und also in die Hölle gehöre.

Wer sich von Flaschs Siebenmeilenstiefeln an einem Wochenende durch 13 Jahrhunderte abendländischer Reflexion tragen lässt, der versteht, wie prägend die Option Augustins - wir sind alle zur Sünde verdammt - war und wie sehr immer wieder gegen sie angegangen wurde. Er versteht aber auch - da ist Flasch sehr streng -, dass sich die Debatte, ob der Mensch von sich aus zum Guten wie zum Bösen oder nur zum Bösen fähig sei, immer wieder neu stellte, in immer wieder neuen Konstellationen neu beantwortet wurde. Die Arbeit und die Lust des Philosophiehistorikers besteht darin, diesem Neuen nachzuspüren.

Der Leser trifft zum Beispiel bei Abälard (1079-1142) auf eine Passage, die Kurt Flasch so wiedergibt: "Wenn die Henker, die Jesus ans Kreuz schlugen, dabei glaubten, sie erfüllten mit der Hinrichtung den Willen Gottes, so sündigten sie nicht nur nicht; sie waren moralisch gehalten, Jesus zu kreuzigen. Wenn Heiden oder Juden den christlichen Glauben verwerfen, weil sie glauben, dieser stamme nicht von Gott, so müssen sie, moralisch gesehen, an ihrem Glauben festhalten; sie sind nicht zu tadeln."

Mit dieser Auffassung machte Abälard sich keine Freunde. Dass sie so einleuchtend war, war Grund für den Vorwurf, "er stelle den Glauben so vernünftig dar, dass er keine Willensanstrengung erfordere". Man denkt an Brechts "Lob des Kommunismus": "Er ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht... Er ist keine Tollheit, sondern das Ende der Tollheit. Er ist das Einfache, das schwer zu machen ist."

Flaschs Buch ist selbst von jener Einfachheit, die so schwer zu machen ist. Man braucht nur Neugierde und ein wenig Geduld mit der eigenen Dummheit, und schon öffnet Flasch einem Kontroversen und Texte, von denen man überzeugt war, man könne sie niemals verstehen. Der Anselmsche Gottesbeweis zum Beispiel, die Idee also, dass etwas, über das hinaus nichts Vollkommeneres gedacht werden könne, auch existieren müsse, da ihm sonst etwas Wesentliches zur Vollkommenheit fehle, kommt einem dank Flaschs Erklärungen nicht mehr nur bauernspitzbübisch vor. Das liegt daran, dass Flasch die Einwände des Mönches Gaunilo und Anselms Erwiderung mit vorträgt, und im Nachvollzug dieser Kontroverse wird einem auch nach fast tausend Jahren durchs historisch reale Pro und Contra der Gedankengang der Kontrahenten klar.

Flaschs genaue Lektüren werden unterbrochen von Überlegungen, wie "Über die geschichtliche Rolle der Polemik" oder "Lob des mittelmäßigen Autors". Das sind keine Abschweifungen, sondern Gedanken, die ins Zentrum einer Philosophiegeschichte führt, die nicht an Systemen, großen Namen, an ewigen Themen interessiert ist, sondern herausfinden möchte, wie Menschen sich zum jeweiligen Zeitpunkt am jeweiligen Ort denkend und forschend die Welt angeeignet haben. Das geschieht immer in der Auseinandersetzung mit Vor- und Umwelt. Texte spielen da eine große Rolle, aber sie sind nichts Feststehendes. Sie werden interpretiert und handhabbar gemacht für die eigenen Zwecke. Wie das geschieht, das versteht einem Kurt Flasch klarzumachen. Man lese das Kapitel über Leibniz' Kritik an Pierre Bayle. Leibniz dehnt den Augustinischen Begriff des "Gottesstaates" aus auf das ganze Universum. Anders sieht er keine Möglichkeit mehr, seine Ansicht, diese Welt sei die beste aller möglichen, zu verteidigen. Wer nur die Menschenwelt betrachtet, der stößt, da gibt Leibniz Bayle recht, auf zu viel Elend und Verzweiflung. Aber der Blick in die Ordnung der Sterne zeigt uns, wie wohl Gott das Ganze eingerichtet hat. Leibniz' Flucht ins All.

Flasch zeichnet diese Denkbewegungen nach. Wir folgen ihm dabei so gut wir können. Aber er bringt uns auch auf Gedanken. Wir schweifen also ab und mischen unsere eigenen Ideen mit ein. Flasch selbst scheint frei zu sein von diesem Laster. Er hält sich, was eigene Urteile über die von ihm vorgeführten Ideen und Sachverhalte angeht, zurück. Er will uns nicht sagen, was Flasch denkt, sondern was Berengar von Tours, was Albert der Große und natürlich auch, was Averroes und Al-Gazali dachten, denn ohne diese muslimischen Denker ist die europäische Philosophie nicht denk- und nicht beschreibbar.

An einer Stelle schreibt Kurt Flasch: "Wer ein Buch liest, der möchte wissen, was der Autor gedacht hat." Das stimmt für einen Philologen, für einen Historiker. Aber auch die geben sich selten damit zufrieden. Wer ein Buch liest, der will unterhalten werden, will Neues erfahren. Noch besser, er will animiert werden. Animiert zum Weiterlesen, Weiterforschen, animiert zu einem Leben, in dem Wissen und Nichtwissen einander ablösen. Flaschs "Kampfplätze der Philosophie" sind ein solches Buch. Es macht einen neugierig, Cusanus zu lesen, und es gibt einem den Mut dazu. Flasch hat dem Leser klar gemacht, wie viel heitere Respektlosigkeit darin lag, dass Abälard Gott mit einem Kaufmann verglich, der seinen Kunden kostbare Edelsteine vorlegt, aus denen sie - ihrem freien Willen folgend - wählen können. Das regt zur Nachahmung an.

Am Ende des Wochenendes, nach zwanzig mit gespitztem Bleistift hinter sich gebrachten Kontroversen erinnert sich der aufgeregte Leser an Walter Benjamins Satz, den er vor vielen, vielen Jahren einmal las: "Echte Polemik nimmt ein Buch sich so liebevoll vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet."

Kurt Flasch: Kampfplätze der Philosophie, Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2008, 362 Seiten, 34 Euro.

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