100 Jahre Heinrich Böll

Gute Kellner werden überall gesucht

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Bundespräsident Steinmeier lädt zu einem beredten und heiteren Abend zur Erinnerung an Böll.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte Recht. Als er am Sonntagabend seine Gäste nach einer sehr kurzweiligen Gedenkveranstaltung zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll verabschiedete, sagte er: „Viele von Ihnen werden heute Abend zu Hause nach den Böll-Bänden schauen und wieder einmal in ihnen zu lesen beginnen.“ Genau das tat ich.

Ich hatte es davor nicht getan, weil ich fürchtete, Bölls rheinische Mischung aus Rebellion und Anpassung, aus Gesellschaftskritik und Gottesglauben würde mir die Freude auf den Abend rauben. Vielleicht war es richtig.

So stand am Beginn der Veranstaltung der Nachruf, den Hans Magnus Enzensberger am 22. Juli 1985 im „Spiegel“ veröffentlichte. „Der arme Heinrich“ war das Meisterwerk überschrieben, in dem Enzensberger alle Vorbehalte, die sich gegen Böll einwenden ließen, nannte und freundlich und bestimmt zurückwies. Mit jener Lässigkeit, die zwei Generationen an Enzensberger bewunderten. „Heinrich Bölls Erfolg parodierte den der Lufthansa, der Deutschen Bank, der Daimler-Benz AG, den Erfolg einer ganzen Republik, gegen den er sich mit Händen und Füßen wehrte. Der arme Heinrich wurde reich... Er half sich, indem er immer andere fand, denen er helfen konnte. So wurde er das Geld wieder los. Nur die Ehrungen konnte er nicht abschütteln. Er ließ sie über sich ergehen wie einer, der im Regen stand.“ Angela Winkler las den Nachruf. Als sie an diese Stelle kam, da lachte Mario Adorf, der in der ersten Reihe saß und auf seinen Auftritt wartete. Die Lesungen des Abends erweckten allerdings den Eindruck, als sähen die gerade noch lebenden Unternehmen Lufthansa, Deutsche Bank und Daimler-Benz AG heute deutlich gerupfter aus als die immer wieder sehr frisch wirkenden Texte von Heinrich Böll.

Aber es sind auch Texte aus den Jahren des Wirtschaftswunders dabei. Undenkbar, dass der von Mario Adorf vorgetragene „Monolog eines Kellners“ heute mit den Sätzen enden könnte: „Offen gestanden, ganz so schlimm finde ich es nicht, auch nicht, dass sie mich rausgeschmissen haben. Gute Kellner werden überall gesucht.“ Das war 1959. In diesem Jahr erschien – in der DDR – der abschließende Band von Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“. Zwei Jahre später wechselte Bloch in die Bundesrepublik.

Heinrich Böll war nicht nur einer der erfolgreichsten Autoren der Bundesrepublik. Er war auch einer ihrer getreuesten Spiegel. Wer sich in ihm nicht erkennen wollte, der wütete gegen den Spiegel oder aber er dankte dem Spiegel und versuchte zu ändern, was der ihm zeigte. Beides geschah mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Als Böll 1972 den Literaturnobelpreis – im Jahr davor hatte Willy Brandt den Friedensnobelpreis erhalten – zugesprochen erhielt, war er kurz zuvor im Bundestag als intellektueller Helfershelfer des Terrorismus der RAF bezeichnet worden, sein Haus in Langenbroich wurde – Innenminister war damals Hans-Dietrich Genscher – als Terroristenunterschlupf durchsucht.

Die Bundesrepublik war als eine Demokratie ohne Demokraten gegründet worden. Böll gehörte schon früh zu den wenigen, die nicht nur versuchten, sich in den neuen Verhältnissen einzurichten, sondern ihre Aufgabe darin sahen, Demokraten zu werden, aus einer verordneten Demokratie eine gelebte zu machen.

Bölls Werke erschienen schon in den 50er Jahren in der DDR. Böll war ein gesamtdeutscher Autor. Es ist schade, dass bei der Veranstaltung im Schloss Bellevue Bölls Wirkung in der DDR mit keinem Wort erwähnt wurde. Ganz abgesehen davon, dass man vielleicht Hunderttausende Böll-Leser auf diese Weise ausgeschlossen hat, hätte ein Vergleich seiner Wirkung auf so verschiedenen Resonanzböden das Phänomen Böll sicher plastischer erscheinen lassen. Aber vielleicht wird das bei der Folgeveranstaltung im Frühjahr 2018 in der Villa Hammerschmidt, dem Bonner Sitz des Bundespräsidenten, nachgeholt werden.

Am vergangenen Sonntag erklärte der Bundespräsident sehr beredt und heiter: „Aber nun zu Ihnen, liebe Gäste: Sie sind Autoren und Verlagsmenschen, Kritikerinnen und Journalisten, Buchhändlerinnen, Redakteure, Psychologinnen, kritische Katholiken oder skeptische Protestantinnen, alte oder neue Linke, grüne, rote oder schwarze Friedensbewegte, gegenwärtige Ministerpräsidenten und Oberbürgermeisterinnen, in politischen Stiftungen Engagierte, ehemalige Präsidenten und Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Jesuiten und Ungetaufte. Ich würde sagen, eine Mischung wie aus einem Böll-Roman. Eine Mischung, wie sie ins Schloss Bellevue gehört.“ Die Anwesenden fühlten sich wohl als Bevölkerung eines Böll-Romans und applaudierten dem Präsidenten heftig.

Der Schweizer Literaturkritiker Andreas Isenschmid nannte in seiner sehr schönen Rede Bölls Fähigkeit zur Verbindung von Liebe und Kritik seine „dialektische Deutschheit“. Eine etwas steife Formel, die er mit zahlreichen Beispielen so belebte, dass man diese gar zu akademische Formel wieder vergessen konnte. Pardon, dass ich jetzt ausgerechnet sie wiederbelebe. Aber Enzensbergers Formulierung, Bölls Erfolg parodiere den von Lufthansa & Co., sagt fast ebenso augurenhaft lächelnd nichts anderes. Allerdings ins Gesellschaftlich-Allgemeine übersetzt, was bei Isenschmid als individuelle Tugend erscheint.

Es war ein glücklicher Einfall, Ilja Richter Auszüge aus Bölls Satire „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ vortragen zu lassen. Richter las keinen Text. Er führte ihn auf. Ein Mehrpersonenstück vorgetragen von einem, dem es Spaß machte, jedem Protagonisten eine eigene Stimme zu geben. Richter spielte einem vor, wie wichtig die Pausen, das Schweigen also, sein können. Seinen Vortrag zerstörte man, schnitte man die großartig gesetzten Pausen heraus.

Angela Winkler las Heinrich Bölls Essay „Zur Verteidigung der Waschküchen“ aus dem Jahre 1959 so, dass man die ganze Verschmitztheit Bölls und auch, dass er sich hinter ihr verbarg, erkennen konnte. Ich habe mir eine Auswahl seiner Schriften und Reden sofort bestellt. Vielleicht komme ich so dahinter, was er verbarg. Seinen Glauben? Seinen Unglauben?

Schade, dass Otto Schily nicht da war. Der soll noch als Grüner erklärt haben, wenn die einmal die Regierung stellten, würden bei Staatsempfängen keine Blaskapellen des Militärs mehr aufspielen sondern zum Beispiel BAP. Am Sonntagabend hatte endlich der Sänger, Texter, Komponist und Frontmann der Gruppe, Wolfgang Niedecken, einen Auftritt beim Böll-Empfang des Bundespräsidenten. Mit Gitarre und Mundharmonika sang er „Unger Krahnebäume“. Danke auch dafür.

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