Elizabeth George

Die gute Gastgeberin

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
    schließen

Elizabeth George hat wieder einen auf tröstliche Weise vertrauten Inspector-Lynley-Roman geschrieben.

Einen Krimi von Elizabeth George hebt man sich am besten für stille, vielleicht sogar einsame Tage auf. Kaum jemand schafft es wie sie, die Ermittlungen zu einem, im jüngsten Fall, recht unspektakulären Mord auf - in der Übersetzung - fast 800 Seiten auszudehnen, ohne dass ernsthafte Langeweile oder ernsthafter Nervenkitzel aufkommen. Die Romane der Amerikanerin, deren Schauplätze und Helden - der adlige Detective Superintendent Thomas Lynley, die sympathisch prollige Barbara Havers, die Küste Cornwalls - nicht britischer sein könnten, sind ein langer ruhiger Erzählfluss mit allenfalls kleineren Überraschungswirbeln.

Als Elizabeth George zuletzt erklärte, wie es zu dem Mord an Lynleys schwangerer Ehefrau Helen kam ("Am Ende war die Tat"), hatte sie ihren - durchaus ehrenwerten - sozialkritischen Impetus nicht mehr im Griff: Die elende Lebensgeschichte des 12-Jährigen, der Helen erschießt, wollte man so umständlich und lehrbuchhaft psychologisierend nun doch nicht wissen. Doch der neue George beginnt mit einem im wahrsten Sinn des Worts trostlosen Wanderer auf Cornwalls Küstenpfaden. Der geübte Leser ahnt sofort, das kann nur Lynley sein, der außerdem - da ist sie schon - auf eine Leiche stößt. Und bald gilt nicht mehr, dass er nach dem Tod seiner Frau eigentlich gekündigt hat.

Georges Romane haben noch einen Jahreswechsel-Vorteil: Trotz aller Mord- und Todesfälle sind sie irgendwie tröstlich. Lynley mag verzweifelt sein, aber die vertraute Arbeit wird ihn einerseits ablenken, andererseits wieder für das Leben interessieren. Und für jedes Paar, das sich bekriegt wie einst Elizabeth Taylor und Richard Burton, gibt es ein anderes, das zueinander findet. Die George-Welt ist voll störrischer alter Männer, suchender junger Frauen, die manchmal verirrt, aber zuletzt einsichtig sind. Und wenn es zu nett zu werden droht, passiert etwas richtig Trauriges wie der Mord an Helen.

Die Leserin weiß, dass sie am Nasenring einer ausgefeilten Dramaturgie geführt wird. Dass George sie wie eine gute Gastgeberin auf den bequemsten Platz bittet, ihr Tee und Plätzchen vor die Nase stellt und später einen Portwein. Leg ruhig die Füße hoch, wenn du möchtest, sagt sie dann. Und erzählt und erzählt.

"Doch die Sünde ist scharlachrot" ( Original: "Careless in Red" - oh, diese furchtbaren deutschen Titel) ist wieder ein anheimelnd mäandernder George-Krimi, wie er stets sofort nach Erscheinen in den Bestsellerlisten landet. Man kennt das Personal, man ahnt, wie es endet. Es macht nichts.

Elizabeth George: Doch die Sünde ist scharlachrot. Übers. von I. und M. J. Müschen, Blanvalet 2008, 764 Seiten, 24,95 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare