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Gusel Jachina: „Wo vielleicht das Leben wartet“ - Der Zug der sterbenden Kinder

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Von: Cornelia Geißler

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Gusel Jachina, 1977 in Kasan geboren. Foto: George Kardava
Gusel Jachina, 1977 in Kasan geboren. Foto: George Kardava © George Kardava

Von der Hoffnungslosigkeit und der Hoffnung: Der Roman „Wo vielleicht das Leben wartet“ von Gusel Jachina führt in die Sowjetunion des Jahres 1923

Google Maps scheitert daran, auszurechnen, wie weit es von Kasan nach Samarkand mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist. Im Roman „Wo vielleicht das Leben wartet“ von Gusel Jachina aber steht diese Angabe im ersten Satz: 4000 Werst, also etwa 4260 Kilometer mit dem Zug. Das wäre auch unter den heutigen Bedingungen eine gewaltige Strecke. Zur Handlungszeit jedoch, im Oktober und November 1923, sind die Schienenwege unsicher, Nahrungsmittel und Brennstoff äußerst knapp. Zu befördern gilt es 500 hungernde Kinder aus dem tatarischen Kasan, die im landwirtschaftlich noch reichen Süden, im damals zur Sowjetrepublik Turkestan gehörenden Samarkand, aufgepäppelt werden sollen.

Gusel Jachina erzählt bereits die Aufnahme der jungen Passagiere und Passagierinnen so abenteuerlich, dass es einen gruselt. Zugführer wird der bürgerkriegserfahrene Rotarmist Dejew. Belaja, eine Abgesandte der „Kommission zur Verbesserung des Lebens der Kinder“ beim Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitee, ist ihm als Kommissarin zur Seite gestellt. Gemeinsam erleben sie, wie aus erbettelten oder per Dekret konfiszierten Wagen aller Art eine fahrende „Girlande“ entsteht, ein Unikum von einem Zug.

Kinder, leicht wie Papier

Am Ausgangspunkt der Reise, dem Kinderheim von Kasan, begegnet Dejew und Belaja das schreiende Elend. Auch an Kleidung und Schuhen fehlt es. Dejew organisiert etwas. Er nimmt entgegen der Direktive auch Schwerkranke mit, trägt sie direkt in den Lazarettwagen. „Die Kinder waren leicht wie Papier und kalt wie Eidechsen.“ Er wagt nicht, in die Gesichter zu schauen, denn der Blick „war greisenhaft weise und vollkommen gleichmütig“. Die ohne entsprechende Qualifikation als Erzieher, Sanitäter und Koch mitreisenden Erwachsenen versuchen ihr Möglichstes. Der ganze Transport zieht sich qualvoll hin, denn jeder neue Versuch, unterwegs Milch, Mehl, Eier, gar Fleisch, Medikamente und Kohlen zu organisieren, wird zum Kampf.

Warum sollte man das lesen? Weil die Autorin an die Wurzeln der Menschlichkeit geht, weil sie so schreibt, dass man fühlt und begreift, wie sich auch mit diesem Buch ein Vorhang vor lange verdeckten oder beschönigten Tatsachen hebt. Jachina zeigte sich bereits mit ihren Romanen „Suleika öffnet die Augen“ und „Wolgakinder“ als sensible Erzählerin, die Lebensbedingungen im Vielvölkerstaat Sowjetunion recherchiert und an Einzelschicksalen darstellt. Um Russland zu verstehen, kann die Literatur helfen. Die in der Zarenzeit eingeübte Leidensfähigkeit der machtlosen Menschen war mit der Revolution nicht beendet. Die Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein, vermochte es, Idealisten wie dem Zugführer im Buch das Rückgrat zu stärken, vor dem Anblick von Elend, Korruption, Diebstahl und Gewalt schützte es ihn nicht.

Dennoch ist es vor allem die Hoffnung, die den Zug am Rollen hält: der Traum von Essen, Betten, Kleidung. Gusel Jachina erzählt das so, dass man lernt, auf die positiven Zeichen zu achten, auf die Spottverse und Spiele der Kinder. Manche der Namen, mit denen sie sich rufen, deuten auf Interessen, wird ein Kind Buster Keaton gerufen, weiß Dejew gleich, es „schwärmte für den Film“. Andere tragen Nahrungsbezeichnungen wie Kolja Camembert oder von Waffen wie Smith & Wesson. Sorgen macht sich Dejew, wenn er etwas hört wie „Langfinger Foma, Schieber Orest, Sason Halsabschneider – viele trugen ihre Spitznamen wie eine Erwerbsbiografie vor sich her“.

Das Buch

Gusel Jachina: Wo vielleicht das Leben wartet. Roman. A. d. Russ. v. Helmut Ettinger. Aufbau Verlag, Berlin 2022. 592 S., 26 Euro.

Jachina schält einerseits die winzigen hellen Momente aus dem Dunkel heraus, andererseits behält sie den Schrecken in der Hinterhand, Cholera und Albträume. „Auch der kühnste und erfolgreichste Mensch konnte den Kindern des Zuges keine neue Vergangenheit geben. Ihre umgekommenen Eltern nicht zurückholen. Ihnen kein neues Gedächtnis oder eine neue Gesundheit schenken. Ob Dejew das wollte oder nicht, er erntete jetzt, was Hunger, Elend und Krieg gesät hatten.“

Er werde es niemals schaffen, mit 500 Kindern im sonnigen Süden anzukommen, wird Dejew zu Beginn prophezeit. Der erste Tote ist für ihn trotz aller Kriegserfahrung ein schmerzhafter Einschnitt. Doch der Zugführer nimmt auch Verlassene und Verlorene vom Wegesrand mit. Nach und nach werden im Roman die Konturen der Personen deutlicher, Dejew und Belaja bekommen ihre Biografien, der eigentlich auf Pferde spezialisierte Feldscher erzählt seine Erlebnisse, die Verhältnisse an einigen Stationen der Reise bilden aufregende Szenen für sich.

Auch einzelne Kinder holt Jachina aus der Menge hervor, erklärt das Trauma des Jungen, der Dejew und Belaja schon beim Besuch im Kinderheim durch sein mehr tier- als menschenartiges Klagelied erschütterte. Ein anderer Junge, der sich ihnen unterwegs auf die Schienen gelegt hatte, bekommt einen langen inneren Monolog: „Nachts setze ich das Plätschern des Bachs gegen das Geschrei der hungrigen Schwester. Die sich im Winde wiegenden Rohrkolben gegen die aus dem Massengrab ragenden Arme und Beine.“ Tagsüber spricht er nicht, ihm sind die Worte abhandengekommen.

Humor mit Färbung

Das Beispiel der Spitznamen zeigt den Humor, der in diesem Roman manchmal aufblitzt. Er scheint auch auf, wenn die Kinder Witze erzählen oder Worte umdeuten, was in der Übersetzung von Helmut Ettinger zuweilen eine russische Färbung behält und dadurch die Bedingungen von Zeit und Ort lebendig macht. Einige der Publikationen, die Gusel Jachina im Nachwort als Quellen auflistet, zeigen schon mit den Titeln an, dass sie nicht übertreibt: „Ein besonderes Völkchen. Berichte aus dem Leben verwahrloster Kinder“, „Das Buch vom Hunger“, „Kollektive verwahrloster Kinder und ihre Anführer“ und mehr. Solche Bücher kamen bald danach unter Verschluss.

Heute sprechen wir vom verschwiegenen Holodomor, der Hungersnot, die in der Ukraine 1932 und 1933 rund vier Millionen Menschen sterben ließ. Dahinter steckte auch, wie inzwischen erforscht, eine politische Strategie. Doch gab es eben bereits Anfang der 1920er eine Hungerkatastrophe in der jungen Sowjetunion, als Folge des Ersten Weltkriegs, des Bürgerkriegs und der Ausbeutung der Bauern durch die Bolschewiki. Gusel Jachina deutet mit ihren Romanen aus der Geschichte auf die Probleme einer Gesellschaft, die sich mit ihrer Vergangenheit nur unzureichend auseinandergesetzt hat.

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