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Flüchtige Begegnungen, in Paris am laufenden Band unvermeidbar, sind bei Modiano eher Koinzidenzen als Zufälle.

"Schlafende Erinnerungen"

Die Gunst eines gewissen Schweigens

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Wie man Träume dirigiert: In seinem neuen Roman "Schlafende Erinnerungen" erzählt Nobelpreisträger Patrick Modiano wieder eine merkwürdige, aufregende Geschichte von früher.

Kann ein Schriftsteller, der gerade den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, unbeirrt weiterschreiben oder versagt für eine gewisse Zeit die romaneske Ader? Hermann Hesse hat nach dem Erhalt des Preises keine Romane mehr verfasst, François Mauriac auch nicht, während etwa Orhan Pamuk, Mario Vargas Llosa im gleichen Rhythmus weiter veröffentlichten. Und wie ist es mit Patrick Modiano, Preisträger von 2014? Bis dahin legte er alle zwei Jahre einen neuen Roman vor, doch die Modianoleser fragten sich bange, ob der weltweite Ruhm, der plötzlich über ihn hergefallen war, den scheuen Menschen nicht eingeschüchtert hat. Sie konnten bald aufatmen. Drei Jahre waren es dieses Mal, bis 2017 der nächste Roman erschien, „Souvenirs dormants“, der als „Schlafende Erinnerungen“ nun auf Deutsch vorliegt.

Das Erinnern ist der Motor allen Schreibens Modianos, das das früh Erlebte dem Vergessen entreißen will, selbst wenn jede Erinnerung auch eine Heimsuchung sein kann, die eine Prüfung des Ichs nach sich zieht. Wie schon in den vorangegangenem Romanen „Im Café der verlorenen Jugend“ und „Gräser der Nacht“ wendet er sich erneut seinen Erlebnissen Mitte der Sechziger zu, als er zwanzig Jahre alt war. Seine Kindheit und die frühe Jugend in Paris bilden einen unerschöpflichen Fundus, der die meisten seiner fast dreißig Romane alimentiert hat. Er habe nur einen einzigen Roman in unzähligen Variationen verfasst, wird Modiano oft vorgehalten. Das ist nicht falsch, aber genau das macht den Reiz des Romanwerks aus, so wie in der Musik ein Leitmotiv betören kann.

Doch der neue Roman wartet mit einer Überraschung auf. Zwar gab es immer schon kriminalistische Spuren, nun aber ist der Protagonist, hinter dem sich stets das Alter Ego des Autors verbirgt, selbst in einen Mord verwickelt. Das erfahren wir aber erst auf Seite 75. Zuvor ist der Roman von dem üblichen, gemächlichen, bisweilen trägen Erinnerungssound getragen, den man kennt und genießt. „Ich versuche Ordnung in meine Erinnerungen zu bringen. Jede ist ein Puzzleteilchen, viele fehlen jedoch, so dass die meisten verstreut darliegen“ stellt Modiano nach fünfzig Jahren fest. „Und so bleiben nur Bruchstücke.“ Sie haben zu lange geschlafen, die „schlummernden Erinnerungen“ wie Plato diese genannt hat.

Ganz unpanisch fliehen er und die junge Frau

Sie gelten vor allem den flüchtigen, eher zufälligen Begegnungen in der Stadt. „Paris ist übersät mit neuralgischen Punkten und den vielfältigen Formen, die unser Leben hätte annehmen können.“ So wie die Begegnung mit einer gewissen Geneviève, in die der junge Mann sich nicht nur verliebt, die ihn auch in esoterische Zirkel einführt, wo er sich für das Buch „Die ewige Wiederkehr des Immergleichen“ begeistert. Doch Zufälle sind bei Modiano nicht immer nur Zufälle, es sind oft Koinzidenzen, in denen mehr oder weniger zwangsläufig Momente und Menschen zusammentreffen, woraufhin Modiano auch Meister der Koinzidenzen genannt worden ist.

Vielen dieser Begegnungen hat er sich stets entzogen aus Furcht, in irgendetwas verwickelt zu werden. Doch eines Tages wird er, ob er will oder nicht, in etwas verwickelt, dem er kaum entfliehen kann, und es entwickelt sich plötzlich die Spannung eines Kriminalromans. Jean D. ist nun gezwungen, unter falschem Namen in Paris unterzutauchen, von Hotel zu Hotel. Begleitet wird er von einer jungen Frau, deren Namen Modiano zögert zu nennen und ihn schließlich auch nicht nennt. Er hat sie in einem jener esoterischen Zirkel kennengelernt. Mitten in der Nacht führt sie ihn zu der Leiche eines Manns, beteuert, es habe sich um einen Unfall gehandelt. Sie übergibt ihm die Tatwaffe, einen Revolver, den er in seiner Jackentasche verstaut. Sie lassen den Mann liegen, gehen aus dem Haus, begegnen dem Concierge. Der mustert Jean D., und Jean D. mustert ihn ebenfalls lange, als ob er aufs Spiel setzen wolle, bei einer möglichen Gegenüberstellung im Laufe von Ermittlungen wiedererkannt zu werden. Schließlich deckt er ja eine Mörderin. 

Ein Meisterstück verlangsamten Erzählens ist es, wie Modiano diese Flucht schildert. Wie in einer filmischen Zeitlupe läuft sie ab. Eigentlich müsste Panik ihn und die junge Frau befallen, doch Jean D. nimmt das Ganze wie einen Traum wahr, und da das Buch unter seinem Kopfkissen „Die Träume und die Mittel sie zu dirigieren“ heißt, versucht er genau das zu tun. „Ich verspürte eine Ruhe und eine Besänftigung, wie ich sie bisher nie erlebt hatte.“

Fünfzig Jahre später, als er die für ihn damals folgenlose Geschichte erzählt, resümiert er: „Ich war damals wohl unsichtbar für sie. Vielleicht aber leben wir einfach in der Gunst eines gewissen Schweigens.“ Zugleich weiß er, dass diese Affäre am Anfang eines anderen Lebens stand und das Ende der frühen Jugend bedeutete.

Auch dieser Kriminalfall löst sich in einem Nichts auf, wie so viele Geschichten des Erzählers Modiano, die ein Rätsel – und Verwirrspiel sind. Und doch: Nach fünfzig Jahren findet er Polizeiakten, die belegen, dass er damals in den Fall verwickelt war als ein Jean D. – nicht aus Zufall besitzt der das Geburtsdatum und den Geburtsort eines gewissen Patrick Modiano. 

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