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Gundelrebe und Taubnessel

Eine Biografie von Bruno Schulz und eine Neuübersetzung seines Debüts "Die Zimtläden"

Von RENATE WIGGERSHAUS

Zusammen mit Witold Gombrowicz und Stanislaw Witkiewics bildet Bruno Schulz das Dreigestirn der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Berühmt wurde er durch seinen phantastischen, 1934 erschienenen Erzählungszyklus "Die Zimtläden", der 1961 erstmals ins Deutsche übersetzt wurde.

1992, zum 100. Geburtstag bzw. 50. Todesjahr des Autors, erschien eine Sammlung mit weiteren Erzählungen, Skizzen, Essays und Briefen, die der polnische Lyriker und Literaturwissenschaftler Jerzy Ficowski zusammengestellt hatte. Bis zu seinem Tod 2006, sammelte dieser größte Kenner von Schulz' Leben und Werk alles, was nicht den Bomben und Vernichtungsaktionen deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen war.

Unauffindbar blieben allerdings Schulz' Opus magnum: der Roman "Der Messias", die Tagebücher, vier druckreife Erzählungen, zahllose Gemälde und Radierungen. Nun ist gleichzeitig mit einer Neuübersetzung der "Zimtläden" Ficowskis Schulz-Biographie auf Deutsch erschienen, die Spurensuche, Werkinterpretation, Rezeptions- und Nachlassgeschichte in einem ist.

Bruno Schulz wurde 1892 in Drohobycz geboren, einer damals zu Österreich-Ungarn, heute zur Ukraine gehörenden Provinzstadt. Sein Vater, ein asketischer Mann mit wehendem, weißem Bart, besaß einen Textilladen am zentralen Marktplatz, der später samt Gassen und der das Schtetl umgebenden Waldhügellandschaft Hauptschauplatz von Bruno Schulz' Prosa wurde. Protagonist der Mythen- und Märchenwelt der "Zimtläden" ist der früh verstorbene, geliebte Vater Jakub, der Schutzpatron seiner Kindheit, den der dichtende Sohn als Magier, Demiurgen und Häresiarchen in immer neuen Verwandlungen auferstehen und weiterleben lässt.

Mit visionärer Kraft und groteskem Humor schildert der Autor eine im Umbruch begriffene Gesellschaft, die unter der Vorahnung einer verborgenen Katastrophe lebt. Die Entdeckung von Erdöl bei Drohobycs, die damit einhergehende Industrialisierung, Mechanisierung und Kommerzialisierung untergruben die traditionelle Ordnung, in der alteingesessene Kaufleute durch ehrenwerte Geschäftspraktiken zu Wohlstand gekommen waren.

Um dem sozialen Niedergang zu entgehen, studierte Schulz Architektur in Lemberg und Wien, entschied sich aber dann doch für die brotlose Kunst der Malerei. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Mathematik- und Zeichenlehrer. Zum Schreiben kam er durch Brieffreundschaften, insbesondere durch die anregende Korrespondenz mit der geistesverwandten Lyrikerin Deborah Vogel. "Stück für Stück in Umschläge gesteckt und in den Briefkasten geworfen", entstand so allmählich das literarische Meisterwerk "Die Zimtläden". Zeitgenössische Literaturkritiker und Schriftsteller begrüßten es einhellig als etwas Neues und Herausragendes: eine Mythologie der Kindheit, die aus dem kleinen Drohobyczer Kosmos eine ganze Welt entstehen lässt.

Nach dem Einmarsch der Roten Armee 1939 und der Besetzung durch deutsche Truppen 1941 prägten Entrechtung, Hunger und Verzweiflung das Leben der Juden von Drohobycz. Tausende wurden in den umliegenden Wäldern exekutiert, die anderen in ein Ghetto gezwungen. Aufgrund seines künstlerischen Talentes hatte Bruno Schulz von dem SS-Hauptscharführer Felix Landau den Auftrag bekommen, das Kinderzimmer von dessen Villa auszumalen. Doch am 19. November 1942 wurde er von dem SS-Mann Karl Günther erschossen. So rächte sich Günther an seinem SS-Rivalen Landau, der einen in Günthers Diensten stehenden Juden erschossen hatte.

Nach dem Krieg suchte Ficowski vergeblich nach Schulz' Wandmalereien. Als sie 2001 unter dem Verputz der einstigen Landau-Villa entdeckt wurden, schlugen drei für Israel tätige Experten drei große Fragmente aus der Wand und entführten sie nach Yad Vashem. Resigniert beschließt Ficowski seinen Bericht mit der Feststellung: nicht nur Schulz' Grab sei unter Neubauten verschwunden, sondern auch jene postume Krypta, "in der sich die Szenen seines letzten Märchens im Verborgenen erhalten hatten".

Für die Neuübersetzung von Schulz' "Zimtläden" gilt, was sich oft beobachten lässt: manches ist mehr, manches weniger geglückt. So heißt nun eine nach Minze duftende Pflanze bei Doreen Daume "Gundelrebe", statt, wie bei Josef Hahn, "Efeu". Doch stutzt man gleich beim nächsten Wort, das bei Daume "blinde Nessel", bei Hahn dagegen "Taubnessel" heißt

Beide Übersetzungen spiegeln überzeugend Schulz' ungestümes Vorwärtsdrängen in die unergründliche Wunderbarkeit des Alltags, wo alles miteinander kommuniziert und in ständiger Verwandlung begriffen ist. Sterne stürzen in Dachstuben, Schneiderpuppen werden lebendig, Türen öffnen sich ins Kosmische: "Wie ein silbernes Astrolabium öffnete der Himmel in dieser Zaubernacht das Innere seines Mechanismus und präsentierte in unendlichen Evolutionen die goldene Mathematik seiner Räder und Getriebe."

Jerzy Ficowski:

Bruno Schulz - Ein Künstlerleben in Galizien. Übersetzt von Friedrich Griese. Hanser Verlag, München 2008, 187 S., 19,90 Euro.

Bruno Schulz: Die Zimtläden. Aus dem Polnischen von Doreen Daume, mit Illustrationen des Autors. Hanser Verlag, München 2008. 230 Seiten, 21,50 Euro.

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