Lewis Carrolls Fotografie „Alice Liddell as The Beggar Maid“, 1858
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Lewis Carrolls Fotografie „Alice Liddell as The Beggar Maid“, 1858

Krimi

Guillermo Martínez: „Der Fall Alice im Wunderland“ – Alice im Fotostudio des Herrn Dodgson

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Guillermo Martínez’ fabelhafter zweiter Oxford-Whodunnit erzählt auch von Carrolls Kinderbildern.

Ein argentinischer Mathematiker schreibt hinreißende britische Kriminalromane: Das ist das Zusatz-Rätsel zweier feiner Whodunnits, die bei Eichborn in diesen Tagen als Doppelschlag erschienen sind – aber weder muss es, noch kann es überhaupt gelöst werden. Zwei Jahre lebte der 1962 geborene Guillermo Martínez als Doktorand in Oxford, er ist dann zurückgekehrt nach Buenos Aires, aber das gelehrte Oxford scheint einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben – wie auch der traditionelle Kriminalroman als intrikates Ratespiel, das zuletzt eine pingelige Auflösung erfährt.

Ein, hm, Ermittlertrio löst die komplex-intellektuellen Fälle: Martínez’ Alter Ego ist der argentinische Mathematikdoktorand G.(uillermo), den das Auffinden seiner Oxforder Vermieterin im mausetoten Zustand – auch sie war eine renommierte Mathematikerin – sogleich mit dem zufällig auch gerade eintreffenden Logik-Professor Arthur Seldom verbindet. Die beiden kombinieren hin und her, vor und zurück und messerscharf auch ums Eck. Gern auch in einem Pub. Zu den zwei Wissenschaftlern kommt ein veritabler Polizist, Inspektor Petersen – er ist unauffällig, man unterschätzt ihn leicht. Zuerst misstraut man einander – man kennt das Motiv aus TV-Krimis –, dann ergänzt man sich doch recht gut.

Gelassen, manchmal geradezu altmodisch behaglich ist der Erzählton – und hat dazu einen Hauch soignierte Britishness (Übersetzung: Angelica Ammar). Doch während Martínez’ Mimikri die anglophile Leserin fast schnurren lässt, beinhalten „Die Oxford-Morde“ (2006 schon einmal auf Deutsch erschienen als „Die Pythagoras-Morde“) und jetzt „Der Fall Alice im Wunderland“ (2019 im spanischen Original) manche inhaltliche Herausforderung.

Im ersten Seldom-Band (Arthur Seldom spielt durchaus die erste Geige, jedenfalls, was das Nach- und Vordenken betrifft) stecken eine gute Portion Mathematik und Logik; Überlegungen zur Fortsetzung von Reihen zum Beispiel, Gedanken zur Ästhetik mathematischer Lösungen, die offenbar dazu verführen kann, auf gewohnten Gleichungs-Pfaden zu bleiben – und mithin an der Lösung zu scheitern. (Wenn man etwas so Spannendes doch mal in der Schule gehört hätte! Ästhetik der Mathematik!)

Der frische Nachfolgeband – er wurde im vergangenen Jahr mit dem spanischen Premio Nadal ausgezeichnet – beschäftigt sich nuanciert mit Charles Dodgsons (der sich als Autor Lewis Carroll nannte) Liebe zu kleinen Mädchen und der Bewertung seiner Fotografien, etwa von Alice Liddell als Bettlermädchen.

Martínez erfindet eine junge Lewis-Carroll-Forscherin, die überfahren wird und nur knapp überlebt (war es ein Unfall, war es ein Mordversuch?), dazu eine Oxforder Carroll-Bruderschaft, deren Mitglieder die zweifelhaftesten unter den Kinder-Fotografien zugeschickt bekommen (hochgeschobener Rock, aufgestelltes Bein) bzw. sogar gefälschte Bilder. Besonders pikant: „der Prinz“ ist Ehrenmitglied, und wenn er auch noch nie an den Sitzungen teilgenommen hat, so hat doch auch er eine solche Fotografie erhalten. Der royale Sicherheitsdienst ist beunruhigt.

Die Carroll-Gelehrten (darunter sind auch Frauen, außerdem Professor Seldom, denn Charles Dodgson war schließlich ein gestandener Mathematiker) gehen die Möglichkeiten durch: Jemand möchte verhindern, dass die anstehende Tagebuch-Edition auf die mögliche Pädophilie des Autors einmal mehr aufmerksam macht; oder jemand möchte im Gegenteil, dass die Pädophilie-Problematik stärker wahrgenommen wird. Jemand findet, die Carroll-Gelehrten hätten dessen Kinder-Fotografien verharmlost. Jemand fürchtet, das könnte in der nächsten Veröffentlichung der „Bruderschaft“ deutlich thematisiert werden.

Guillermo Martínez: Der Fall Alice im Wunderland. A. d. Span. v. Angelica Ammar. Eichborn 2020. 315 S., 16 Euro.  

Martínez packt in pfiffige Forscher-Dialoge auch die Reflexion darüber, dass und wie sich die gesellschaftliche Wahrnehmung der Carrollschen Fotografien über die Jahrzehnte verändert hat: Einst fanden sie auch die Eltern der Kinder völlig normal – vielleicht mit Ausnahme von Frau Liddell, die dem Autor und Fotografen plötzlich den Umgang mit ihren Töchtern verbat. Aber später wieder erlaubte. Übrigens gibt es keinen Beleg dafür, dass Carroll jemals die Grenze einer rein platonischen Liebe überschritt.

Martínez transportiert also eine ernste Thematik in einem tadellos gebauten Whodunnit. Das beißt sich keineswegs, im Gegenteil hat die Leserin das Gefühl, nicht nur exzellent unterhalten zu werden, sondern dabei auch was zu lernen. Unter anderem über eine Zeit, in der Zwölfjährige mit weit älteren Männern verlobt wurden, denen man dann allenfalls riet, mit der Ehe und ihrem Vollzug noch ein, zwei Jahre zu warten.

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