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Günter Kunert im Februar in Berlin.

Nachruf

Günter Kunert ist tot: Die Schrift an der Wand

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Schreiben ist Rettung: Zum Tod des Dichters Günter Kunert.

Günter Kunert blieb immer ein hellsichtiger Zweifler an der geraden Linie. Vieles sah er schmerzlicher und schärfer als andere. Er war in der Nachkriegsgeneration der deutschen Literatur, die er in Ost und West mitgeprägt hat, ein rastloser Dichter, ein Unruhepol, immer in Notwehr gegen ideologische Vereinfachung.

1929 in Berlin geboren, „da wo es am berlinischsten ist: in der Chausseestraße“, blickte er früh in deutsche Abgründe: „Gewissheit besteht /... / ein gelber Stern // das ist alles.“ Die Nazis erklärten ihn zu einem „Halbjuden“. Diese Grunderfahrung verließ ihn nicht, ein Verlust an Urvertrauen. Jedes kaum fühlbare Zittern am Waage-Punkt nahm er auf. Wie auch anders bei einem Dichter, der seine Nächsten nach Theresienstadt verabschieden musste? Für ihn blieb gewiss, allein mit dem Bericht von einer Katastrophe ist die nächste noch nicht abgewendet. Auch seine Hingabe an die Gleichheit als unersättliches Ideal war kurz und nie vollkommen. An den Ost-Berliner Nachkriegs-Verheißungen sah er das Kostüm Stalins sehr früh.

Erster Gedichtband von Günter Kunert: „Wegschilder und Mauerinschriften“

1950 erschien mit „Wegschilder und Mauerinschriften“ sein erster Gedichtband, von Anfang an ein eigener Ton. Den Aufklärungs-Gestus von Brecht oder den dunklen Habitus Benns hat er mehr gestreift als angenommen. Dabei blieb es, und es wundert nicht, dass der Kampf mit den Zensoren um die ursprüngliche Gestalt seiner Werke lange vorhielt. Gedichte, Kurzprosa und Essays – sein Œuvre ist unverwechselbar.

Vor mehr als fünfzig Jahren zeigte sich Kunert mit der Lyrik-Auswahl „Erinnerung an einen Planeten“ und dem Prosaband „Tagträume“ dem Publikum im Westen. Seine Abkehr von Ost-Berlin erfolgte in Schritten, auf Privilegien fiel er nicht herein. In den siebziger Jahren bereiste er die USA und England, wurde für seine Leser im weltabgeschiedenen Ländchen mit den Reiseberichten „Der andere Planet“ und „Englisches Tagebuch“ nicht nur zum literarischen Botschafter.

Günter Kunert: Kein Zögern im Fall Biermann

Kunert gehörte ohne Zögern zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Biermanns. Parteigericht und Spitzel-Rumor machten das Maß voll, im Herbst 1979 kam der Dichter mit Frau Marianne und sieben Katzen in den Westen. Seitdem lebte dieser Ur-Berliner in Kaisborstel, in den Weiten Holsteins. Lange in Rufweite zur wahlverwandten Sarah Kirsch, schrieb er hier sein Werk fort.

Die Wende erlebte er nicht atemlos, in seinem Gedichtband „Fremd daheim“ gibt es keine Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart, höchstens räumliche Entfernung. Zu seinen kapitalen Büchern gehören die Erinnerungen „Erwachsenenspiele“, der Werkstattbericht „Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast“ und als Auswahl aus dem Erzählwerk „Irrtum ausgeschlossen“. Als Dichter trat er noch einmal in ganzer Größe in dem Band „Als das Leben umsonst war“ (2009) und in der Auswahl „Fortgesetztes Vermächtnis“ (2014) auf. Zuletzt oszillierten seine ausgewählten Geschichten als „Vertrackte Affären“ in ironischer Illusionslosigkeit.

Günter Kunert blieb ein origineller Melancholiker

Auch wenn er als Einzelner ein Frieren verspürte, blieb er doch ein origineller Melancholiker, der vorlebte, wie Skepsis und unermüdliches Weiterschreiben einen Pakt eingehen. Er nahm bei seiner Weltaneignung die Realität beim Wort, dabei entwickelte er ein genaues Gefühl für pragmatische Strenge. Unempfänglich gegenüber jeder Schwarzweiß-Moral, mied er Schlagwort und Attitüde. Das Wort kam bei ihm weder aus einer Grundverzweiflung noch aus versenkter Betrachtung, es hatte einfach etwas gekostet im Leben: „Sterne droben. Und an Jacken genäht. / Die Geschichte ein Mordfall. Lamento der Täter. / Die Armbanduhr zeigt: Ein Jahrtausend vergeht. / Und Söhne werden wie ihre Väter. /... / Die Schrift an der Wand, das Gedicht verrät, / die Zukunft wird keinen verschonen.“

Sarah Kirsch entlastete ihn rechtzeitig vom Ruf eines Fatalisten: „Wenn seine Exkurse und Alexandriner auch so gänzlich hoffnungslos scheinen, führt er ein geselliges Leben und reist...“ Er wusste, es gibt keinen Ausgleich für versäumtes Leben, aber auch nicht für ungeschriebene Bücher: Seine Bibliographie weist mit Künstlerbüchern 160 Titel aus. Bis zuletzt hat Günter Kunert in vollen Zügen geschrieben und gelebt. „Schreiben ist Rettung vorm Tode, solange es anhält“, so das „Selbstporträt im Gegenlicht“. Die Überschüsse sind beträchtlich, das leise Dauergelächter wird bleiben.

Gar nicht alt erschien auch sein Roman „Die zweite Frau“, 1975 entstanden, vor wenigen Monaten erst veröffentlicht. Wie am Sonntag bekannt wurde, ist Günter Kunert jetzt im Alter von 90 Jahren in Kaisborstel gestorben.

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