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Literaturnobelpreisträger Günter Grass, hier 2009 beim Abend „Ein Bürger für Brandt. Der politische Grass“ im Willy-Brandt-Haus, Berlin.

Günter Grass

Dieser Synergieeffekt aus Brillanz und Penetranz

  • vonHarro Zimmermann
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Ein klassisches Buchmessenereignis: Heute erscheint Günter Grass’ Werk in einer neuen Prachtausgabe bei Steidl. Ein Anlass, über die Nachwirkung eins Dichters nachzudenken, den von den einen so verehrten und die anderen dermaßen heruntermachten.

Gut gemacht, Steidl! Ohne Zweifel hätte der Dichter seinem Verleger dieses Lob ins Stammbuch geschrieben, wäre ihm die neue Werkedition noch vor Augen gekommen. Vierundzwanzig sorgsam produzierte und frischduftende Leinenbände in Knallrot, edelstes Druckpapier und augenschmeichelnder Satzspiegel im Prachtformat, alle Text-Werkgenres des Autor-Künstlers und Intellektuellen erstmals umfassend, ja vollständig in Einzelbänden vereint, und die ganze Letternpracht im handwerklichen Holzschuber dargeboten – das Kronjuwel einer verlegerisch-schriftstellerischen Konjuration wider den digitalen Zeichenverschleiß und eine Huldigung an die haptische Bücherlust der Gutenberg-Galaxis.

Könnte diese neue Werkedition nun einen Anerkennungswandel vom Störenfried Grass zum „Nationaldichter“ ermöglichen? Manches spricht dafür. Wenn bei seinem Tod im April 2015 in zahllosen Nachrufen von einem „Renaissance-Menschen“ und einem „Gesamtkunstwerk“ die Rede war, vom „Idealbild des Bürgers“, vom „Nationalpoeten“ und vor aller Welt „gekrönten Dichterfürsten“, von dem „Mann, der Deutschland verkörperte“, dann wurde offenkundig mehr heraufbeschworen als ein Strauß geläufiger Huldigungsfloskeln. Die Kritik schien sich am Ende dieses großen Dichterlebens der beharrlich sympathisierenden Grund-stimmung im deutschen, ja weltweiten Grass-Lesepublikum anzunähern.

Jahrzehntelang wurde der Blechtrommler immer wieder hochgelobt oder verdammt und heruntergemacht, oft zu verschiedensten Anlässen von denselben Meinungsmatadoren, eine Mittellage der Rezeption gab es zumeist nur in der global interagierenden Literaturwissenschaft. Was die weltweite Grass-Forschung an Einsichten in die philosophische, ästhetische und motivische Werktektonik, in die Weite und Vielfalt ihrer historischen und politischen Verwurzelungen und Weltbezüge, ja in die Brillanz der imaginativen und stilblühenden Erzählkraft des Autors erbracht hat, ist nur in verschwindend geringem Umfang bei seinen feuilletonistischen Wegbegleitern angekommen, zumal bei seinen Verächtern. Von so etwas wie einer kritisch-toleranten Dichterverehrung, von der reflektierten, wenn auch streitbaren Akzeptanz eines Nationalautors war der Hauptstrom der Grass-Debatten über lange Zeit weit entfernt. Diese Scharmützel nahmen oft Züge eines hysterischen deutschen Identitätsdiskurses, oder des banalen Intellektuellen-Bashings an.

Beim Göttinger Literaturherbst, 17. Oktober bis 1. November, der bisher noch ein gemischtes Live- und „On Air“-Programm plant, gibt es mehrere Veranstaltungen zur neuen Ausgabe, www.literaturherbst.com

Günter Grass: Werke. Neue Göttinger Ausgabe. 24 Bände, 10952 Seiten. Hg. von Dieter Stolz und Werner Frizen. Göttingen 2020. Der Subskriptionspreis von 380 Euro gilt noch am heutigen Freitag, ab 17. Oktober, 480 Euro.

Doch eines hat sich bislang immer wieder herausgestellt – einen „Widersprechkünstler“ vom Schlage Günter Grass’ konnte man nicht zum Schweigen bringen. Selbst wenn ihm öffentlich Fehler, Schwächen und Maßlosigkeiten nachgewiesen oder wenn dem „Erzrepräsentanten der deutschen Schulderinnerung“ (Karl Heinz Bohrer) etwa aus Anlass seines Israel-Gedichts ein pathetisches Sprechen ohne Scham vorgeworfen wurde, sein alter, tief im Gemütshaushalt vieler Zeitgenossen sitzender Nimbus verjüngte sich Mal um Mal. Neben Abneigung und Überdruss rief er einzigartige Sympathiewellen hervor.

Auf der einen Seite ist Grass zu seinen Geburtstagen oder für bestimmte Bücher, etwa für das „Treffen in Telgte“, „Im Krebsgang“, „Grimms Wörter“, für seine Stasi-Akte, oder für sein letz-tes Buch „Vonne Endlichkait“, nahezu einhellig gelobt worden. Seine großen zeitdeutenden Romane wie die „Blechtrommel“, „Hundejahre“, „Die Rättin“, „Der Butt“, oder „Ein weites Feld“, dagegen zog man in heillose Meinungshoheitskämpfe. Heute ist absehbar, dass der jahrzehntelange publizistische Erfolg des Günter Grass insbesondere von jenem Synergieeffekt herrührte, den er mit so brillierender Sprachmacht wie penetranter Chuzpe in Szene gesetzt hat – der Verklammerung von ästhetischer Imagination und zeitkritisch-politischer Parteinahme, und das jeweils vor einem massenhaften Lesepublikum und in den Druckkesseln des medialen Geschmacksurteilsbetriebs.

Bei Grass ging es stets nicht nur um den Dualismus von Artistentum und Bürgerverantwortung, sondern um eine Kunstidee, die ohne Verquickung mit einem zeitsensiblen, allemal pädagogisch temperierten Dreinreden nicht denkbar gewesen wäre. Schon die „Danziger Trilogie“ wurde zum literarischen Ausdruck und Ferment der deutschen Vergangenheitsbewältigung, in den „Plebejern“ zeichnete sich die debakulöse Ost-West-Spaltung des Landes ab. „Örtlich betäubt“, „Davor“ und „Ausgefragt“ reflektierten die Revolutionsattitüden der 68er, das „Tagebuch einer Schnecke“ sinnierte über Parteipolitik und intellektuelles Engagement, der „Butt“ bot ein Historiogramm der links-ökologischen Zurüstung des Zeitgeistes. In den „Kopfgeburten“, in der „Rättin“ und in „Zunge zeigen“ spürte man die Eruptionen von Nato-Nachrüstung, Umweltzerstörung und Dritte-Welt-Verantwortung. Die Novelle „Im Krebsgang“ reflektierte die Frage der deutschen Kriegsopfer und des nachwirkenden Rechtsradikalismus, und schließlich breitete der Roman „Ein weites Feld“ ein ironisches Geschichtspanoptikum des nationalen Einheitsdilemmas von 1990 aus.

Immer war die Grass’sche Literatur in (zeit-)historischen Spannungen verortet und wollte auf sie zurückwirken. Politischer Positionskampf und literarische Imagination verwiesen – bei allen Unterschieden in der Darstellungsform – aufeinander und verstärkten sich wechselseitig. Eines vermochte Grass allemal – den erregbaren Zeitnerv zu treffen. Es gibt kaum ein anderes künstlerisches und literarisches Lebenswerk, das die konfliktreiche Kultur-, Mentalitäts- und Politikgeschichte der Bundesrepublik nach 1945 in ähnlicher Intensität abgebildet und beeinflusst hätte.

Werden die Herausgeber Dieter Stolz und Werner Frizen es schaffen, die angekündigten zwölf Kommentarbände nächstes Jahr vorzulegen? Doch warum eigentlich die strikte Trennung von Textedition und Kommentierung? Wer wird sich, außer den einschlägigen Archiven und Bibliotheken, außer Forschern und Grassfreaks, diese komplexen Expertisen in Buchgestalt anschaffen? Hätte man nicht dem Beispiel der Hamburger Siegfried-Lenz-Edition folgen sollen, die jedem Textband einen klug bemessenen, nutzerfreundlichen Kommentar anfügt? So wäre gleichsam an Ort und Stelle der professionelle Einblick in die üppig blühenden Denkwelten dieses „Nationalautors“ in spe möglich, der ein aufgeklärter Spätromantiker, ein Avantgardist und Republikaner war und aus so immens reichen humanistischen Quellen zu schöpfen gelernt hat.

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