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Literarische Weltbühne 2001: Nobelpreisträger Kenzaburo Oe, Derek Walcott, Nadine Gordimer, Günter Grass, Seamus Heaney (l.n.r.).
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Literarische Weltbühne 2001: Nobelpreisträger Kenzaburo Oe, Derek Walcott, Nadine Gordimer, Günter Grass, Seamus Heaney (l.n.r.).

Dichter und Citoyen

Günter Grass, der Anstrengende

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Der Journalist und Publizist Harro Zimmermann erzählt die lange Geschichte von Günter Grass und den Deutschen.

Was Günter Grass, bundesdeutsches ,Wappentier‘ und schmauchender Grimmbart, als selbstverständliche Dualität von freiem Schriftsteller-Künstler und verantwortlichem Staatsbürger praktizierte, war seit den frühen sechziger Jahren für viele Kritiker ein Anlass zur Irritation, ein Ärgernis.“ Mit diesem Vorausblick beginnt Harro Zimmermann, Rundfunkjournalist, Publizist und Literaturwissenschaftler, seinen großen Essay über den Schriftsteller Günter Grass, der unter die Deutschen fiel und wie kaum ein anderer Künstler die Gemüter seiner Landsleute mit fast jeder politischen Äußerung, mit fast jedem neuen literarischen Werk in Wallungen versetzte.

Was immer an großen Entscheidungen in der Bonner und dann in der Berliner Republik anstand, der Mann aus Danzig, der Nobelpreisträger und Bestsellerautor, der Intellektuelle und Wahlkämpfer für die Es-Pe-De, der sensible Beobachter seiner Zeit und ihrer Menschen, der streitbare Künstler mischte immer mit. Zimmermann zitiert das Credo dieses so bewunderten und gehassten, mit Preisen und Häme überschütteten Dichters und Citoyens: „Eine Demokratie ohne ständiges anarchistisches Dagegen wäre wie eine Suppe ohne Salz und Pfeffer.“

Günter Grass und Heinrich Böll waren die beiden deutschsprachigen Schriftsteller, die in den Nachkriegsjahrzehnten zu Weltautoren heranwuchsen. Ihre Werke fanden in zahllosen Übersetzungen ein auf allen Kontinenten widerhallendes Echo. Beide waren überaus selbstbewusste Kinder der europäischen Aufklärung, beide wurden tief geprägt vom Erlebnis des Krieges, vom Holocaust. Beide litten unter den politischen Zuständen in ihrem Land, in dem die Demokratie immer wieder zur Herrschaft der wenigen zu verkommen drohte, der Kapitalismus über die soziale Marktwirtschaft obsiegte, über lange Nachkriegsjahre hinweg Vollstrecker des Nazi-Regimes in Amt und Würden geblieben waren, Auschwitz und deutsche Kriegsverbrechen lediglich als Randnotiz zur Kenntnis genommen wurden. Der Kant-Schüler Grass wusste, „dass nicht das Schicksal uns schlägt, dass uns nichts in den Orkus hinabzieht, sondern dass wir an der selbstverschuldeten – Unmündigkeit leiden“.

Grass und Böll litten aber nicht nur an der politischen Wirklichkeit, sondern auch an den bis in die persönliche Verfolgung reichenden Diffamierungen des unbelehrbaren und konservativen Deutschland. Sie nahmen die Verfassung ernst und forderten ihre Mitspracherechte als Bürger ein, und sie zahlten für ihren Ruhm und ihre politische Einmischung einen hohen Preis. Beide entflohen den Anwürfen, die sie in ihrem Heimatland als „Gutmenschen“ oder „Moralisten“ erfuhren, immer wieder in die Einsamkeit des irischen Westens (Böll) oder in den Norden Deutschlands und Europas oder gar in die Brennpunkte der Armut, nach Indien (Grass).

Als 1986 – wenige Wochen vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl – der Roman „Die Rättin“ erscheint, weiß Zimmermann zu berichten, „setzt er einen negativen Meilenstein in der bundesdeutschen Geschichte der Grass-Rezeption“. Die Unfähigkeit oder die Weigerung vieler Grass-Rezensenten, eine Trennungslinie zwischen dem literarischen Werk und dem politischen Engagement des Autors zu ziehen, trifft den Schriftsteller tief. „Es wird der Autor gemeint, es wird meine, wenn man so will, altmodische Haltung des Aufklärers lächerlich gemacht, weggewischt. ... Was dort geschrieben steht, ist als Verletzung gemeint und trifft auch.“ Es wird sich in den nächsten Jahrzehnten im Verhältnis zwischen Kritiker und Autor wenig ändern. Als der große Roman „Ein weites Feld“ erscheint, ist sich Deutschlands Großkritiker nicht zu schade, auf dem Titelbild des Magazins „Der Spiegel“ das Buch buchstäblich in der Luft zu zerreißen.

Zimmermanns den Spuren der deutschen Reflektionen auf diesen außergewöhnlichen Schriftsteller und Demokraten akribisch folgender Essay zeigt den Verfasser ein weiteres Mal als großen Kenner des Grass’schen Werkes und der bundesdeutschen Kulturgeschichte. Er verhehlt nicht, dass Grass auch ein anstrengender Einmischer gewesen ist, ihm Rechthaberei und Irrtum keineswegs fremd waren.

Anders als Böll blieb Grass über Jahrzehnte hinweg ein bekennender (und kritischer) Anhänger der Sozialdemokratie und Wahlkämpfer für die Partei, auch als der von ihm verehrte Willy Brandt als Kanzler resigniert hatte. Schon 1965 dichtete er: „Glaubt dem Kalender, im September / beginnt der Herbst, das / Stimmenzählen; / ich rat Euch, Es-Pe-De zu wählen!“ Die Restaurations-Tendenzen der Adenauerjahre, die Aufrüstung, die Notstandsgesetzgebung und das einstige NSDAP-Mitglied Kiesinger im Kanzleramt, die Studentenrevolte und die blutige Spur, die die RAF-Attentäter hinterließen – Grass schwieg nicht, bezog Stellung, empörte das konservative Deutschland und geriet nicht selten zwischen alle Stühle. Er konnte sich täuschen, ein Opportunist war dieser wortgewaltige Streiter nicht. Die von Helmut Kohl und seinen östlichen Helfershelfern im Schnellverfahren und mit Siegermentalität durchgezogene Wiedervereinigung nannte Grass eine „brutal vollzogene Staatsaktion, Pfusch, Einheit auf Pump“, eine „menschenverachtende Gewalttätigkeit“. An Egon Bahr schrieb er 1989: „Was da ab 3. Oktober Deutschland heißen soll, ist nicht mehr mein Staat.“

Dann die Empörung über die von der SPD mitgetragene Asylpolitik oder sein Erschrecken, als die Öffentlichkeit nach seinem Bekenntnis, als 19-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein („Die Häutung der Zwiebel“) über ihn herfiel, als habe er in der Nazi-Zeit ein Erschießungskommando angeführt. Seine etwas verlegene, aber selbstkritische und kluge Antwort wollten die Kritiker nicht hören: „Die Erinnerung liebt das Versteckspiel der Kinder. Sie verkriecht sich. Zum Schönreden neigt sie und schmückt gerne, oft ohne Not. Sie widerspricht dem Gedächtnis, das sich pedantisch gibt und zänkisch rechthaben will.“

Zimmermanns Essay – „eine Entwirrung“ – ist ein fesselnder Bericht über deutsche Zustände. Bestechend die gelassene Sympathie, mit der er den Kampf des Schriftstellers Günter Grass gegen die Gleichgültigkeit und Unmoral einer sich im Nebel der Anti-Aufklärung verlierenden Gesellschaft erzählt.

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