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Christoph Ransmayr: „Unter einem Zuckerhimmel“ - Glück ist das Wort

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Von: Marlies Müller

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„Ein Sprachspiel und nichts anderes“ – aus den Blättern zu „Cinggis Qaan“.
„Ein Sprachspiel und nichts anderes“ – aus den Blättern zu „Cinggis Qaan“. © Anselm Kiefer

Gedichte von Christoph Ransmayr mit Bildern von Anselm Kiefer.

Wie es zu einem Reisenden passt, einem horizontal und vertikal Reisenden, geht es in diesen faszinierenden Gedichten um Bewegungen. Bewegungen der Körper, der Blicke. Einer steigt in den „Nachrichten aus der Höhe“ weiter und weiter, bis es nicht mehr geht, „endlich“, und „jeder Weg in den Abgrund, / zurück zu den Menschen“ führt. Einer stellt sich „Am Rand“ vor, wie es wäre, in die Tiefe zu springen, „um dann aber nicht zu fliegen, / sondern zu fallen, / zu trudeln, zu stürzen, / in diese Tiefe hinab / und irgendwann / ein ganzes Wolkengebirge / zu durchschlagen.“ Aber es ist – Gott sei Dank – bloß eine Pfütze, in die er schaut.

Lyrik ist für den in der Tat vielgereisten österreichischen Romancier und Sprachalchemisten Christoph Ransmayr eine der „Spielformen des Erzählens“ – so hießt eine schmucke Buchreihe, die er seit Jahren parallel zu seinen anderen Projekten vorantreibt. „Unter einem Zuckerhimmel“ enthält 13 „Balladen und Gedichte“, locker in der Form, aber doch mit starkem Zug und Sog dahinter. Auch dieser weiße Band ist illustriert, diesmal besonders spektakulär mit Blättern von Anselm Kiefer, dynamisch und funkelnd wie die Texte. Ob der Künstler ähnliche Assoziationen hatte wie man selbst, kann jeder selbst überprüfen. Dass auch Kiefer Schwierigkeiten hat, Ransmayrs Nachnamen richtig zu schreiben, dass es ihm vielleicht egal war oder dass es ihm sogar darum zu tun gewesen sein könnte, Fehler einzubauen, ist ein reizvolles Detail. Auch als Ransmeyer und Ransmayer bleibt Ransmayr Ransmayr.

Das Buch

Christoph Ransmayr: Unter einem Zuckerhimmel. Balladen und Gedichte. Ill. Anselm Kiefer. S. Fischer. 208 S., 58 Euro.

Immer in Bewegung also, vorerst: In der „Ballade vom wehrhaften Experten“ sagt ein „Experte für Fluchtwege“ selbstgewiss, wo es lang geht, einer, der alles im Griff hat und weiß, dass das keine Frage von Glück („Blödes Gerede“), sondern der richtigen Bewegung im richtigen Moment ist. Aber am Ende steht er da, der Experte, und was ist denn das für ein Punkt, der sich auf ihn zubewegt? Es sind „seine lachenden Liebsten / und Allerliebsten“. Es gibt nichts zu fliehen und nichts zu verfolgen, da steht er nun und breitet sogar die Arme aus im Wissen, „dass das nächstbeste Wort für alles, was ihm / in den folgenden Herzschlägen bevorstand, / Glück war, / genau, so hieß das Wort.“ Groß ist die Welt, und sie birgt euphorische Momente an unerwarteten Stellen, für die Ransmayr ein gutes Sensorium hat. Überwältigend ist die (mordlustige) Freiheit Dschingis Khans, hier: Cinggis Qaans, der – anders als die Gottesfürchtigen – im Himmel nichts sieht als das endlose Blau, „die betörende Leere über den Weiten“, und hier unten gibt es genug für ihn.

Eine Klammer für die Texte ist Odysseus, der Trojazerstörer, dessen Schläue die andere Seite seiner Klugheit ist und der sich im ersten Gedicht aus dem Krankenhaus entlassen lässt. Den Arzt hat er offenbar zuvor mürbe geredet, das kann er, Odysseus. „Also gut, kehren Sie heim“, sagt der Arzt erschöpft, und man begreift, dass ein Krankenhaus keine unpassende Zwischenstation für den Herumirrenden ist, der ja nichts mehr will als: heimzukehren. Aber erst noch ein Bluttest und der Papierkram. Ein subtiler Witz liegt auch über „Odysseus“, obwohl es hier wie fast immer um alles oder nichts geht.

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