feu_hoelderlin_280920
+
Hölderlin-Denkmal im Kurpark von Bad Homburg.

Hölderlin

Grünbein & Hölderlin: Eigentlich ist es deutsch

  • vonStefan Michalzik
    schließen

Zum Abschluss der Frankfurter Hölderlin-Festwoche: Durs Grünbein über seine Beziehung zu dem Dichter.

Eine „taktische Hölderlin-Vermeidung“ brauche es zuweilen, bekundet Durs Grünbein, dann aber begegne er dem Werk des Klassikers „mit einem brennenden Interesse“ wieder. Ein Sinn für die Antike und für das Erhabene – das verbinde Grünbein und Hölderlin, vermerkte der Literaturkritiker Gregor Dotzauer vom Berliner „Tagesspiegel“, der unter dem Signum „Sprünge. Hölderlin im Werk von Durs Grünbein“ den in Berlin und Rom lebenden Dichter zum Abschluss der Hölderlin-Festwoche des Freien Deutschen Hochstifts und des Frankfurter Kulturamts in der Evangelischen Stadtakademie bewandert befragte.

Was Grünbein schon früh an Friedrich Hölderlin fasziniert hat, seien die Anleihen bei der Metrik der Griechen gewesen, die Anknüpfung an „diese eigenartige Sprache und Satzbildung“. „Eigentlich ist es deutsch, aber es ist leicht versetzt“, so Grünbein.

Echos von allen Seiten

Zudem habe Hölderlin die Welt der Götter in der Antike wieder evozieren wollen und außerdem die Vergangenheit in die Zukunft projiziert. Gerade im Spätwerk biete sich der Eindruck, er gehe zwischen den Trümmern des Forum Romanum spazieren, und von allen Seiten kommen Echos herein. Das Fragmentarische der Moderne habe er bereits vorweggenommen.

Heidegger auf der rechten, Benjamin auf der linken Seite – Hölderlin sei vereinnahmbar wie kein anderer deutscher Klassiker. Namentlich von den Nazis, die den Frontkämpfern im Zweiten Weltkrieg eine „Feldausgabe“ mitgegeben hatten, ist er missbraucht worden. Die Schilderung von Schönheiten der „deutschen Gaue“ habe sich zu einer solchen chauvinistischen Inanspruchnahme angeboten. Doch auch wenn er patriotische Hymnen geschrieben habe: Ein aggressiver Patriotismus, so Grünbein, sei bei Hölderlin nicht nachzuweisen.

Auch von linker Seite sei er missbraucht worden, etwa seitens Johannes R. Bechers, der die „Ode an die Parzen“ umgedichtet hat. Hölderlin habe eine Affinität zur Französischen Revolution gehabt, „da finden Sie tausend Spuren im Werk“. Allein schon ob seiner als unglückselig empfundenen Rolle im Brotberuf als Hofmeister, also Hauslehrer, habe Hölderlin sich auf der Seite des vierten Standes verortet.

Er persönlich, so der Schriftsteller Durs Grünbein, bleibe immer wieder an den Elegien hängen: Der Wanderer, das sei ein Leitthema, „dieses Grundgefühl einer Poesie, die die ganze Erde umspannt“. Grünbein schreibt Hölderlin ein ,,Verwirrungspotenzial“ zu. Zwar könne man sich in Handbüchern alles erklären lassen, doch hinsichtlich der Lektüre des Briefromans „Hyperion“ bekundete Grünbein in Frankfurt: „Ich lese in diese Briefe rein und weiß nicht, wo oben und unten ist“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare