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Grün leuchtende Kaninchen

Da kann man nur noch betroffen zustimmen: Margaret Atwoods Roman "Oryx und Crake" verschlingt die genetische Utopie humoristisch

Von Christiane Zschirnt

Kann man noch Utopien erzählen? Oder sind wir längst in der Zukunft angekommen, die jeden Moment immer schon stattfindet und überall unterschiedlich aussieht? Margaret Atwood, Kanadas berühmteste Autorin, hat noch einmal eine Utopie geschrieben. Nach ihrem großen Erfolg mit Der Report der Magd (1985), der orwellschen Vision eines totalitären, misogynen Staates, steht Oryx und Crake in der Tradition von Aldous Huxleys Schöne Neue Welt und erzählt von der Zukunft der Spezies Mensch. Oryx und Crake sind die Namen eines Paares im Roman und zugleich die von zwei ausgestorbenen Tierarten. Man ahnt, dass der Menschheit nichts Gutes bevorsteht.

In einer absehbaren Zeit, so Atwoods Vision von der Zukunft, werden sich die Gewitterwolken, die wir heute - mal mehr, mal weniger besorgt - zur Kenntnis nehmen, über unserer Zivilisation entladen haben und die Welt in einen Sumpf verwandeln, in dem Kinderprostitution, eine pervertierte Unterhaltungsindustrie (Online-Hinrichtungen!), eine zerstörte Umwelt, ein globaler Kaffeekrieg, eine brutale, zweigeteilte Gesellschaft sowie Bioterrorismus prächtig gedeihen können. Ganz zu schweigen von der Königsdisziplin der Zukunft, der Gentechnologie, der unsere Enkel dann nicht nur huhnartige Fleischgewächse, transgene Schweine und grün leuchtende Kaninchen zu verdanken haben werden, sondern auch eine optimal umweltangepasste Menschen-Spezies, deren Weibchen ihre Paarungsbereitschaft durch blaue Hinterteile signalisieren.

Atwood weiß natürlich, dass die Zukunft so nicht aussehen wird, aber sie weiß auch, dass die Gegenwart unabsehbare Folgen haben kann, und sie warnt davor mit der ihr eigenen Mischung aus moralischem Engagement und rabenschwarzem Humor. Das Problem dabei ist allerdings, dass Atwood, indem sie unsere Gegenwart unisono für moralisch bedenklich erklärt, paradoxerweise eine gegen Kritik immunisierte Position bezieht. Da kann man dann bloß betroffen zustimmen. Glücklicherweise beschreitet Oryx und Crake noch eine zweite, komplexere Ebene. Als Moralistin und Satirikerin weiß Atwood das Erzählen kontinuierlich zu reflektieren. Oryx und Crake ist daher nicht nur eine Zivilisationskritik und eine Satire auf die Gentechnologie, sondern auch eine packende Erzählung über eine Zukunft, in der keine Geschichten mehr erzählt werden.

Im Mittelpunkt steht Jimmy alias "Schneemensch". Zu Beginn des Romans - die Menschheit ist von der Erde verschwunden - lebt er auf einem Baum an der Meeresküste, offenbar der Letzte seiner Art, den übelriechenden Körper in ein Leintuch gehüllt, hungrig, von Insekten zerstochen, nur umgeben von einer Gruppe schöner, allerdings erschreckend unartikulierter Menschenwesen. Doch weil all diese Plagen nur halb so unerträglich sind, wie der komplette Verlust von Zeit, der Schneemensch gerade einmal in die Lage versetzt, die primitive Unterscheidung zwischen Tag und Nacht zu treffen, kehrt er in die Vergangenheit zurück, und beginnt, sich zu erinnern. Auf der Suche nach Nahrungsmitteln begibt er sich auf den Weg zurück in eines der zerstörten Areale, die in der Vergangenheit "Komplexe" hießen und in denen die naturwissenschaftlich begabte Elite lebte, wie im künstlichen Paradies. Die Wanderung führt durch das ehemals gefährliche "Plebsland" und, in Gedanken, zurück in die abendländische Kultur. Sie führt auch zurück zu Schneemenschs Lebensgeschichte, die natürlich eine Liebesgeschichte ist.

Wie Robinson Crusoe, jener glückselige Überlebende der Ausweglosigkeit, der immer wieder zum Wrack seines Schiffes zurückkehrt, um sich dort mit dem zu versorgen, was er zum Überleben braucht, kehrt Schneemensch, "selbst eine Art Schiffbrüchiger", in Gedanken zum Wrack der Zivilisation zurück: ",Homer', sagt Schneemensch, während er sich durch die triefend nasse Vegetation kämpft. ,Die Göttliche Komödie. Die griechische Skulptur. Aquädukte. Das verlorene Paradies. Mozart. Shakespeare'". Er glaubt, eine weibliche Stimme zu hören, die an Schattenseiten gemahnt: "Die Zerstörung Karthagos. Die Wickinger. Die Kreuzzüge. Dschingis Khan". Die fremde Stimme in seinem Kopf gehört Oryx, Schneemenschs großer Liebe seit Kindertagen. Seit ihn, im Alter von zwölf Jahren, ihr rätselhafter Blick von einer asiatischen Internet-Pornoseite traf, war er von Oryx beseelt. Schneemensch markiert damit das Ende einer langen Tradition, in der enigmatische Frauengestalten zu großer Kunst inspirierten - zumindest, wenn ihre Verehrer Dante und Petrarca hießen.

Viele Jahre, nachdem Schneemensch Oryx zum ersten Mal gesehen hatte, war sie leibhaftig aufgetaucht, unglücklicherweise als Geliebte von Schneemenschs Jugendfreund Crake. Crake, ein hochintelligenter, moralisch und emotional unterentwickelter Sonderling, hatte im Unterschied zu Schneemensch eine glanzvolle Karriere in einem der "Komplexe" gemacht. Er hatte sich der Unsterblichkeit der Menschheit verschrieben und zu diesem Zweck nicht nur eine schöne, einfältige Menschenspezies geschaffen - jene Wesen, die sich inzwischen als unfähig erweisen, Schneemensch Gesellschaft zu leisten - sondern auch eine Unsterblichkeitspille in Umlauf gebracht, deren fatale Folgen am Ende der Weltbevölkerung das Leben gekostet haben.

Wie Oryx und Crake ist auch "Schneemensch" der Name einer ausgestorbenen Spezies - allerdings bezeichnet er nicht eine biologische Art, sondern ein Wesen aus dem Reich der Fantasie; er entstammt einer alten Legende, die niemand je wieder erzählen wird. Die Dichotomie von Naturwissenschaft / Biologie / Körper und Kultur / Kunst / Geist organisiert den Roman: Immer ist es Jimmy, der Schneemensch, der sich, etwas halbherzig, philosophischen Fragen öffnet, während Crake die Probleme der Menschheit mit Hilfe technologischer Errungenschaften lösen will.

Erfolglos sind sie beide, ihre Rettungsfantasien münden in Paradoxien: Crake überlebt seine Unsterblichkeitspille nicht, und für Schneemensch, den tapferen Fackelträger von Kunst und Kultur, gibt es die Zivilisation nicht mehr, in die er zurückkehren könnte. Anders als bei Robinson Crusoe, laufen seine geistigen Ertüchtigungsübungen ins Leere: Schneemensch bleibt ein absurder Auserwählter mit der angegriffenen Würde einer beckettschen Figur. Zurück von seiner Wanderung durch die zerstörte Zivilisation, blickt Schneemensch nicht mehr zurück, sondern in die Zukunft - und sieht dort nichts. "Zeit zu gehen" kommentiert er seinen orientierungslosen Aufbruch in einer Situation, die keine Zukunft vorsieht.

Vielleicht überzeugt Margaret Atwoods Vision von der Zukunft, ihr ganzes Bündel moderner Ängste, von globalem Kaffeekrieg bis zur galoppierenden Epidemie, so wenig, weil wir uns längst an die Zukunft gewöhnt haben, die jeden Moment beständig in die Gegenwart hereinbricht. Doch am Ende gewinnt Atwood trotzdem - nicht mit "Organschweinen", "ChickieNobs" und dem Internetspiel "Extinctathon", sondern mit ihrer leidenschaftlichen, humanen und originellen Begründung der Notwendigkeit des Erzählens und der Einsicht, dass in der Literatur Dinge gesagt werden können, die sich anders nicht sagen lassen, weil sie im Reich der Fiktionen und der literarischen Utopien keiner Begründung und keiner Argumente bedürfen.

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