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Hilde Domin (1909-2006) auf einem Foto von 1998.

Hilde Domin / Nelly Sachs

Wie ein großes Missverständnis

Jetzt als vorbildliche Edition zu haben: Die Briefe der so verbundenen und doch so verschiedenen Lyrikerinnen Hilde Domin und Nelly Sachs.

Von Martin Oehlen

Die Zuneigung könnte kaum überschwänglicher formuliert werden: Mit „Liebe, liebe Schwester“ eröffnet die Lyrikerin Hilde Domin im Januar 1960 einen Briefwechsel mit ihrer Kollegin Nelly Sachs. Im nächsten, äußerst langen Schreiben richtet sie sich an die „Liebe, so sehr liebe Nelly Sachs“, belässt es dann im folgenden Schreiben schon beim Vornamen Nelly und lernt schnell, dass die Adressatin Li genannt werden möchte: „Li, Sie liebe“. Aber auch Nelly Sachs spart nicht mit Zeugnissen der Sympathie: „Liebes Herz, Hilde“ oder auch „Hilde liebe liebe“ beginnt sie ihre Briefe.

Gleich denkt man, dass sich hier zwei Frauen gefunden haben, die eine Freundschaft ohnegleichen erleben – die Berlinerin Nelly Sachs, die in Stockholm lebte, und Hilde Domin, die in Köln geboren wurde und in Heidelberg zu Hause ist.

Tatsächlich gibt es einiges, was für eine innige Verbindung spricht. Beide Frauen flohen vor der nationalsozialistischen Judenverfolgung ins Exil: Nelly Sachs konnte 1940 praktisch in letzter Minute ein Flugzeug nach Schweden besteigen, Hilde Domin war über Italien und England schließlich ebenfalls im Jahre 1940 in die Dominikanische Republik gelangt (woraus die geborene Löwenstein und verheiratete Palm den Künstlernamen Domin ableitete). Und beide Frauen, eine jede von zarter Gestalt, gelangten mit ihrer Lyrik zu großen literarischen Erfolgen.

Dennoch wirkt diese Brieffreundschaft, die nun in einem schmalen Band des Deutschen Literaturarchivs Marbach sorgfältig und vollständig dokumentiert ist, wie ein großes und bizarres Missverständnis. Zehn Jahre lang währte der schriftliche Kontakt mit den vielen Beteuerungen der Freundschaft und der Seelenverwandtschaft – doch persönlich begegnen sich die beiden „Schwestern“ nie. Im letzten Brief, den Hilde Domin an Nelly Sachs abschickt, heißt es am 22. April 1970 geradezu hellsichtig: „Es sieht ja fast aus, als würde dies Leben hingehen, für uns beide, ohne dass wir uns je sehen.“ Nelly Sachs antwortet vier Tage später knapp und ohne Komma: „Stehe vor einer neuen Operation kann nicht antworten.“ Drei Wochen darauf stirbt sie.

Die Herausgeber Nikola Herweg und Christoph Willmitzer weisen im Nachwort darauf hin, dass Sachs und Domin trotz aller Nähe nur ein geringes Verständnis dafür aufbrachten, worum es der jeweils „anderen Schwester“ in Werk und Leben tatsächlich ging. Dass Nelly Sachs – beispielsweise – keinesfalls danach trachtete, ihre eigenen Gedichte zu interpretieren, hatte Domin wohl nicht erkannt. Auch fand Domin den Weg zurück ins Land der Täter und siedelte sich mit ihrem Mann in Heidelberg an. Diese Heimkehr empfahl sie auch der Brieffreundin, wie es im Nachwort heißt, und sie habe sich bei diesem Projekt geradezu „übergriffig“ verhalten. Gleichwohl vergebens. Sachs kehrte nach dem Kriege nur für zwei Stippvisiten zurück nach Deutschland: 1960 nahm sie in Meersburg den Droste-Preis und 1965 in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen.

Den Erfolg des „Feuilletonliebling“ Sachs, dessen Gedichte oft verrätselt wirken, nahm „Publikumsliebling“ Domin, die durchaus verstanden werden wollte und entsprechend zugängliche Verse schrieb, selbstverständlich wahr. Als Sachs im Jahre 1966 dann noch der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wird, weist Domin darauf hin, dass sie selbst bislang „nicht den kleinsten Preis“ bekommen habe. Sie ersucht die Kollegin unverblümt um Fürsprache: „Jetzt, wo Du gesund bist und hoch geehrt, bitte ich Dich, handle schwesterlich an mir.“

Die Herausgeber stellen dazu fest: „Dass die sich immer wieder in psychiatrischer Behandlung befindliche Sachs diese schwesterliche Hilfe nicht leistet beziehungsweise nicht leisten kann, vermag Domin nicht zu akzeptieren. Immer wieder hält sie der Briefpartnerin das Ausbleiben der erbetenen beziehungsweise regelrecht eingeforderten Hilfestellung vor.“

Immerhin bekommt Hilde Domin, die 2006 in Heidelberg gestorben ist, dann doch noch zahlreiche Auszeichnungen. So auch den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund im Jahre 1983.

Hilde Domin / Nelly Sachs: Briefwechsel. Hrsg. von Nikola Herweg und Christoph Willmitzer. Band 9 der Reihe „Aus dem Archiv“, Deutsches Literaturarchiv Marbach 2016. 128 Seiten, 14 Euro.

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