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Großes Buch im Kleinen - Katerina Poladjans „Zukunftsmusik“

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Autorin Katerina Poladjan
Katerina Poladjan hat ein russisches Sittengemälde entworfen. © Carsten Koall/dpa

Vier weibliche Mitglieder einer Familie, eine Kommunalka und viel Witz - daraus entwirft Katerina Poladjan ein Sittengemälde der späten Sowjetunion. Viele Worte verschwenden muss sie dafür nicht.

Leipzig - Die Magie eines Buches entfaltet sich oft schon im ersten Satz. Er kann die Leserin bannen, er kann sie amüsieren, er kann den ganzen Witz eines Werkes aufblitzen lassen.

Katerina Poladjan beginnt ihre „Zukunftsmusik“ mit den Worten: „Tausende Werst oder Meilen oder Kilometer östlich von Moskau ragte das Skelett einer Radarstation in den Nachthimmel, schwach beleuchtet von den Lampen einer Glühbirnenfabrik, die immer brannten.“

Wer denkt da nicht im ersten Moment an Pferdeschlitten, die russische Adelige im 19. Jahrhundert durch schneebedeckte Weiten gleiten lassen wie bei Lew Tolstoi? Und wer stutzt nicht, weil rostige Radarstationen und Glühbirnenfabriken nichts sind, was Tolstoi, Dostojewski oder Gogol schon beschrieben haben? Gleich mit ihrem ersten Satz irritiert Poladjan auf höchst angenehme Art. Klar ist: Es geht um Russland, sicher auch um Geschichte, aber mindestens um die des 20. Jahrhunderts.

Was geschah am 11. März 1985?

Genaugenommen spielt „Zukunftsmusik“, das für den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, nur an einem einzigen Tag - dem 11. März 1985. Der greise Sowjetherrscher Konstantin Tschernenko ist gerade gestorben. Der Zerfall ist fast schon mit den Händen zu greifen. Eine Zeitenwende steht an - von der die vier weiblichen Mitglieder einer Familie, um die das Buch kreist, noch nichts ahnen.

Janka, Maria Nikolajewna und Warwara Michailowna - Tochter, Mutter und Großmutter - sind mit dem tristen Alltag beschäftigt. Sie wohnen zusammen in einem einzigen Zimmer einer Kommunalka, einer Gemeinschaftswohnung. Poladjan schreibt: „Sechs Mietparteien lebten unter dem bröckelnden Stuck der Gründerzeit...“ Zu allem Überfluss hat Janka von einem unbekannten Vater auch noch eine kleine Tochter, Kroschka, die irgendwer aus dem Kindergarten abholen muss.

Poladjan schildert nur wenige Stunden im Leben der Frauen - und schafft es doch, die ebenso traurige wie absurde Realität der späten Sowjetunion aufzufächern. Die Kommunalka ist ein Abbild des Riesenreiches, mit einem Schaffner-Ehepaar, das meist in Zügen aneinander vorbeifährt, einem spröden Ingenieur, der als Apparatschik schwere Schuld auf sich lädt, und einem stillen Professor, der durch die Decke davon fliegt.

Die Autorin wurde 1971 in Moskau geboren und kam als Kind nach Deutschland. Für ihre Arbeit erhielt sie schon etliche Auszeichnungen und Stipendien. Unter anderem stand der Vorgänger von „Zukunftsmusik“, der Roman „Hier sind Löwen“, 2019 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

192 Seiten, die es in sich haben

Der Verlag S.Fischer hat „Zukunftsmusik“ als Roman eingestuft. Tatsächlich hat das Buch nur 192 Seiten - aber die haben es in sich. Poladjan spielt mit den Traditionen der russischen Literatur und ist doch ganz anders. Wo die großen Russen wahre Wälzer schrieben, um ein Sittengemälde ihrer Zeit zu entwerfen, braucht Poladjan nur wenige, aber umso wirkungsvollere Worte. „Zukunftsmusik“ ist ein großes Buch im Kleinen.

- Katerina Poladjan: „Zukunftsmusik“, Verlag S.Fischer, 192 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-10-397102-6. dpa

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