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Masha Gessen, ausgezeichnet bei den National Book Awards.

Literatur

Der große vaterländische Backlash

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"Die Zukunft ist Geschichte": Masha Gessens individuelle Chronik des postsowjetischen Russlands.

Er ist nicht totzukriegen, der „Homo sovieticus“. Wenn es etwas wie eine Quintessenz in Masha Gessens Chronik der postsowjetischen Jahre gibt, dann vielleicht diese bittere Erkenntnis.

Ihr Buch „Die Zukunft ist Geschichte“, für das Gessen im März den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten wird, ist als Lektüre ebenso faszinierend wie deprimierend. Faszinierend eingängig, weil Gessen sich darin zum einen um eine private Perspektive bemüht und die Zeitläufte aus dem individuellen Blickwinkel von mehreren Menschen schildert, die, in der Sowjetunion geboren, in postsowjetischer Zeit aufwuchsen und je auf eigene Weise an den sich wieder verhärtenden politischen Verhältnissen verzweifeln. Deprimierend – aber zugleich erhellend –, weil sie parallel immer wieder auf die Arbeit von Soziologen und Psychologen Bezug nimmt, die zu Sowjetzeiten unter Schwierigkeiten ihre Fachgebiete aufbauten, nach dem Zerfall des Imperiums hoffnungsvoll ein neues Menschenbild in Entwicklung begriffen sahen und nun, ein Vierteljahrhundert später, feststellen müssen, dass der autoritäre Charakter des Homo sovieticus nicht nur nicht ausgestorben ist, sondern enorm gestärkt aus den politischen Ereignissen der letzten Jahrzehnte hervorgeht.

Gessen, 1967 in Moskau geboren, mit ihrer Familie 1981 in die USA gegangen, ist Journalistin, nicht Historikerin. Sie enthält sich weitgehend geschichtsbezogener Erklärungsversuche; ihre Bezugnahme auf soziologische und psychoanalytische Arbeiten hat eher referierenden als interpretierenden Charakter. Einen Diskurs, der um die Begriffe des Totalitarismus und Autoritarismus kreist, entwirft sie ebenfalls, stellt Definitionen vor, lässt aber die Folgerung – ob es sich beim heutigen Russland nur um eine „autoritäre“ oder gar um eine „totalitäre“ Staatsform handele – offen. Gessen sieht sich als Berichterstatterin.

Als solche hat sie über Jahre hinweg lange Gespräche und Korrespondenzen mit Zeitzeugen geführt. Bezeichnenderweise ist kein einziger Homo sovieticus (den der 2006 verstorbene Soziologe Jurij Lewada als „fügsamen, ausführenden, mitmachenden“ Menschentyp beschrieben hat) unter ihnen – denn auch der rechtsextreme Ideologe Alexander Dugin, der die letzten Sowjetjahre zurückgezogen mit klandestiner Heidegger-Lektüre verbracht hatte, fällt weit vom Bild des autoritätshörigen Untertanen ab.

Dugin spielt eine wichtige Nebenrolle in diesem Buch – zum einen, weil seine völkisch-esoterische Argumentation in Russland mit den Jahren immer wichtiger und medienwirksamer geworden ist; zum anderen aber auch als Antipode zu Gessens eigentlichen Hauptfiguren.

Die vier jungen Erwachsenen, deren Lebensweg die Autorin nachzeichnet, haben mit Dugin immerhin gemeinsam, dass sie sämtlich der gebildeten Schicht angehören – zu Sowjetzeiten hätte man Intelligenzia gesagt. Einer von ihnen, Serjosha, entstammt als Enkel eines Gorbatschow-nahen Reformpolitikers sogar der alten Nomenklatura. Mit Shanna Nemzowa, Tochter des 2015 ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow, ist stellvertretend ein Politsymbol der postsowjetischen Zeit vertreten. Mascha, Tochter einer zur Geschäftsfrau gewandelten Naturwissenschaftlerin, wird zunächst als Finanzanalystin wohlhabend, dann nach den Jahren der Krise zur Politaktivistin. Und Ljoscha, der als Teenager sein schwules Coming-out in einer Stadt am Ural durchleben muss, wird zum Leiter des ersten russischen Instituts für Gender Studies, bis er angesichts der neuen homophoben Gesetzgebung und der damit einhergehenden Pogromstimmung auswandert.

Auch Shanna Nemzowa emigriert nach der Ermordung ihres Vaters. Serjosha erkrankt an Depressionen, und Mascha wird bei einer Demonstration verhaftet, ein langer Prozess steht ihr bevor.

Die russische Geschichte der letzten Jahrzehnte aus dem Blickwinkel einiger weniger Menschen zu beschreiben, bringt das Geschehen einerseits nah heran, bedeutet aber auch eine radikale Beschränkung. Gessen zeichnet nicht das ganze Bild. Viele der großen, erschütternden Ereignisse, die durch die westlichen Medien gingen, finden nur in Seitenbemerkungen statt: der Krieg in Tschetschenien, Sprengstoffanschläge auf russische Mietshäuser, die Geiselnahmen in Moskau und Beslan, der Politkowskaja-Mord. Sie sind nur dann für das Buch von Relevanz, wenn sie Leben und Denken seiner Hauptpersonen berühren und beeinflussen.

Diese persönliche, verengte Sicht auf die Geschehnisse hat nichts mit politischer Analyse zu tun, sie ist ein Kunstgriff, der eine bestimmte Einsicht ermöglicht: nachzuvollziehen, wie es sich für vernunftbegabte, selbstdenkende Menschen anfühlen muss, wenn das eigene Land sich rapide rückwärts entwickelt. In den Meinungsumfragen, die Gessen referiert, verschiebt sich die Gunst der Befragten im Laufe der Jahrzehnte auf bezeichnende Weise: Als „größte Persönlichkeit aller Völker und Zeiten“ nimmt Stalin im Jahr 2017 zum wiederholten Mal den Spitzenplatz in der Gunst der Russen ein, nun erstmals auf Platz 2 gefolgt von Wladimir Putin. – Ein gewisser Trost liegt vielleicht darin, dass genau hier, in Gessens Buch und in seinen Protagonisten, ganz offensichtlich auch noch ein anderes, weltoffenes Russland lebt. Auch wenn sich ein großer Teil davon gerade im Exil befindet.

Masha Gessen: Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor. Aus dem Engl. von Anselm Bühling. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 639 Seiten, 26 Euro. 

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