Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Erneut wird uns vor Augen geführt, wie gut wir seine Musik kennen und wie schlecht ihn selbst: Händel.
+
Erneut wird uns vor Augen geführt, wie gut wir seine Musik kennen und wie schlecht ihn selbst: Händel.

Händel-Jubiläum

Der große Unbekannte

  • VonHans-Jürgen Linke
    schließen

Ein Jubiläumsjahr steht vor der Tür: Georg Friedrich Händel in zwei neuen Büchern.

Kein dezimaler Geburtstag ist es, der uns diesmal ein Händel-Jahr beschert, sondern ein Todestag: Am 14. April 1759 starb Georg Friedrich Händel, neun Jahre nach Johann Sebastian Bach, mit dem er Geburtsjahr, Herkunftsregion und Todesursache teilte, sonst aber wenig.

Todesursache? Das war der Okulist John Taylor, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Europa als reisende Kapazität auf dem Gebiet der Augenoperation galt, was auch damit zusammenzuhängen scheint, dass Nachrichten noch eine viel langsamere und leichter manipulierbare Angelegenheit waren. Taylor hatte 1750 Bach am Grauen Star operiert, und Bach starb offenbar an den Folgen der daraus entstehenden Infektion. Taylor konnte gleichwohl in den Berliner Nachrichten eine Meldung lancieren, derzufolge er den "Capellmeister Bach" erfolgreich "operiret" habe.

Auch Händel litt unter dem Verlust seines Augenlichts und konsultierte Taylor. Am 24. August 1759 stand im London Chronicle die Nachricht von der Wiedergewinnung des Augenlichts des berühmten "Mr. Handel" mit Taylors Hilfe. Doch auch Händel überlebte die Operation nur um wenige Monate.

Franzpeter Messmers Händel-Biografie ist wahrlich nicht die erste und auch bestimmt nicht die letzte, die uns vor Augen führen will, wie wenig wir über Händel wissen, auch wenn wir mit seiner Musik gut bekannt sind. Gleichwohl hat sich das Wissen im Laufe der biografischen Forschungen kluger Historiker und Musikhistoriker angereichert. Für ein zurück projiziertes Psychogramm reicht es zwar immer noch nicht, dafür ist das einschlägige Material zu geringfügig; aber für eine lückenhafte, gleichwohl lebendige Skizze der Lebenswege reicht es doch.

Das Bild, das Messmer von Händel zeichnet, ist das eines entwurzelten, daher ungemein beweglichen und polyglotten Menschen, dessen Persönlichkeitsprofil weniger das eines genialen Komponisten ist als vielmehr das einer frühmodernen Unternehmerpersönlichkeit mit geradezu unfassbarer kompositorischer Begabung, die er aber eher als sein Handwerk denn als hehre Kunst verstand. Das öffentliche Bild und das Selbstbild des Künstlers kamen in diesen vorbürgerlichen Zeiten noch ganz ohne Feierlichkeit und Mystifikation aus, wie sie ein halbes Jahrhundert nach Händels Tod üblich wurden. Die Stars im Musikbetrieb der Epoche waren eher die Sänger, und unter denen vornehmlich die Kastraten.

Messmer geht bedächtig und umsichtig vor, streut immer wieder methodologische Reflexionen zwischen seine erzählende Rekonstruktion der Historie, unterhält mit erhellenden Exkursen; mit einem hermeneutisch geschärften Blick auf die Verhältnisse beherrscht er sein Material souverän. Erörterungen über Aufführungspraxis, freies Unternehmertum im Kulturbetrieb, barocke Weltläufigkeit sowie kluge, kulturgeschichtlich reflektierende Bemerkungen etwa auch über Händels Homosexualität machen das Buch zu einem sehr runden, zugänglichen Werk, in dem man über einen Mann viel erfährt, den kennen zu lernen man gleichwohl keine Chance hat.

Karl-Heinz Ott dagegen sucht Händel und seine Musik eher im Essay als in den Fakten auf. Der Titel "Tumult und Grazie" spielt möglicherweise ein wenig an auf Wolfgang Schlüters bemerkenswerten Roman "Anmut und Gnade", benennt aber auch präzise die beiden Pole, zwischen denen sich das Leben eines Opernunternehmers im europäischen 18. Jahrhundert abspielte. Otts Buch ist weniger informativ als reflektierend, es arbeitet nicht an einem Erzählstrang, sondern diskontinuierlich, versorgt mit Hintergrund- und Umgebungsinformationen und mit verbindenden Gedanken, indem es zwischen musikhistorischer und kulturgeschichtlicher Reflexion anregende Verbindungen herstellt.

Die Faktenlage wird dabei weitgehend als bekannt vorausgesetzt, so dass die Kombination aus Messmers und Otts Händel-Büchern als geradezu ideal angesehen werden muss. Mehr als in diesen beiden ist im gut informierenden und gedanklich angereicherten Überblick nicht zu haben; wer mehr über diesen Komponisten und seine Zeit wissen wollte, müsste schon ins Detail gehen.

Franzpeter Messmer: Georg Friedrich Händel. Biographie. Verlag Artemis und Winkler, Düsseldorf 2008, 286 Seiten, 19,90 Euro.

Karl-Heinz Ott: Tumult und Grazie. Über Georg Friedrich Händel. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, 318 Seiten, 22 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare