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Das große Tanzhallen-Unglück

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Von: Sylvia Staude

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Von Armut, Verfall  und einem fürchterlichen Brand erzählt Daniel Woodrells neuer Roman.
Von Armut, Verfall und einem fürchterlichen Brand erzählt Daniel Woodrells neuer Roman. © REUTERS

Daniel Woodrells sprachmächtiger Roman „In Almas Augen“.

Es ist das Jahr 1928, die Große Depression hat die Vereinigten Staaten von Amerika im Würgegriff, Menschen hungern, Häuser verfallen. Den Menschen in West Plains, Missouri, geht es – wie denen anderswo natürlich auch – fürchterlich schlecht, trotzdem wollen sie tanzen, wenigstens eine ausgelassene Nacht lang. Dann aber legt (vielleicht) jemand Feuer ans Holz der Dance Hall, versucht (vielleicht) jemand, sich das Leben zu nehmen, ist (sicher) ein Laster mit Dynamit zu nah, zerreißt jedenfalls eine Explosion die West Plains Dance Hall. 37 Festbesucher sterben in den Flammen, viele andere leben verstümmelt und verbrannt weiter.

„Wie bei jeder Katastrophe widersprachen sich auch hier die Augenzeugenberichte fast augenblicklich, manche wollten Menschen gesehen haben, die neunzig Meter hoch in Richtung der Sterne geschleudert wurden“, so erzählt es Daniel Woodrell in seinem jüngsten Roman „In Almas Augen“, dessen furchtbarer Kern das Unglück von 1928 ist – um ein Weniges abgewandelt. Im Buch (dort heißt der Ort West Table) wie in der Realität wird die Polizei den Fall nie aufklären. Im Buch entsteht in den 80er Jahren plötzlich das Gerücht, dass der drei Meter hohe Steinengel über den Gräbern (auch in Wirklichkeit gibt es ein Denkmal) sich in manchen Nächten millimeterweise, ruckelnd bewegt, weil die Toten aus der Tanzhalle nicht zur Ruhe kommen. Reporter und Spiritisten reisen an.

Aus dem Hinterland

Daniel Woodrells Romane aus dem bettelarmen Hinterland des US-amerikanischen Südens sind schmal, dafür wortmächtig („Winters Knochen“, „Der Tod von Sweet Mister“). Die englischsprachige Kritik hat mittlerweile die hübsche Schublade „southern noir“ für sie gefunden. Diesmal also hat er die Schicksale seiner (fiktiven) Figuren rund um das große Tanzhallen-Unglück gesponnen. Ausgehend von Almas Enkel Alek – er erzählt im Rückblick – verzweigt der Autor sein Personal, fächert es auf in alle Gesellschaftsschichten.

Eine der Feuertoten ist Ruby, die gerade noch so lebenspralle, hauptberufliche Geliebte im Ort. Viele verheiratete Männer macht sie glücklich, bis sie ihrer überdrüssig ist. Dann legt sie sie ab wie Strümpfe mit Laufmaschen. Ihre Schwester Alma (die dem Roman den Titel Gebende, Aleks Großmutter) schuftet indessen als Dienstmädchen. Der Mann säuft, die Kinder müssen ernährt werden, was soll man da machen?

So schmeißt Alma den Haushalt bei Mrs. Glencross, der reichen, zarten, kränkelnden, deren Verstand „merkwürdig trällernd“ ist (was für eine wunderbare Formulierung) und die die Tage damit verbringt, stoisch auf den nächsten Arzttermin zu warten. Spät im Leben und unerwartet entdeckt Mrs. Glencross’ Gatte mit Ruby die sexuellen Freuden, sie bringt seinen „ganzen Körper zum Summen“. Man ahnt, dass das nicht gut enden wird, wenn Ruby erst einmal genug hat von Mr. Glencross’ „kostbaren“ (aus seiner Sicht) Spalten und Falten.

„In Almas Augen“ ist weniger ein Krimi als ein Kabinett kurioser, aber auch zutiefst menschlicher Figuren. Da ist der Ex-Gauner, der einfach seine Ruhe haben will. Der Prediger, der das Unglück als Gottesurteil betrachtet und irgendwann erschlagen wird. Und vor allem die tüchtige, resolute Alma, die weiß, wer die Halle angezündet hat (aber sie ist ja nur das Dienstmädchen!), die der Schmerz und das Nicht-Gehörtwerden bis ins Irrenhaus bringen. Alek erinnert sich an sie als stolze, stille Alte, mit der er als Kind so gern spazieren ging durch das West Table des Jahres 1965, in dem noch nichts vergessen war.

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