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Abrechnung in Form eines Chores

Das große Resümee

Rafael Chirbes' Roman "Krematorium" fährt einen Chor der Desillusionierten auf. Von Christoph Schröder

Von CHRISTOPH SCHRÖDER

Matías Bertomeu ist tot. Seine Leiche liegt im Krematorium und wartet auf die Einäscherung, während die Hinterbliebenen Matías umkreisen - mit ihren Gedanken, in langen inneren Monologen, in denen sie sich in ein Verhältnis setzen. Zu dem Verstorbenen im Speziellen. Und zur Welt im Großen und Ganzen, wie sie sich aktuell darstellt. "Krematorium" ist der Abschluss einer Romantrilogie, in der Rafael Chirbes ein komplexes Panorama Spaniens seit 1940 entworfen hat. Mit dem aktuellen Roman ist der 59-jährige Autor in der Gegenwart angekommen; seine Figuren unternehmen eine Bestandsaufnahme, deren Ergebnis niederschmetternd ist. Jedes der Kapitel dieses sicher nicht leicht, aber - sobald man den Rhythmus gefunden hat - mit ungeheurem Gewinn zu lesenden Romans ist aus einer anderen Perspektive erzählt. Aus dem Zusammenschluss sämtlicher Blickwinkel lässt sich ein Prozess persönlicher und gesellschaftlicher Desillusionierung ablesen: "Krematorium" - eine Abrechnung in Form eines Chores.

Das erste und das letzte Kapitel gehören der Stimme von Matías' Bruder. Rubén Bertomeu, 73 Jahre alt, Architekt, Sozialist und einer jener Bauunternehmer, die für die so willkürliche wie verantwortungslose Betonierung der spanischen Küste verantwortlich zeichnen. Wie sein Bruder ist Rubén ein Angehöriger der linksintellektuellen Schicht, die mit hochfliegenden Idealen im Spanien nach Francos Tod, nach 1975, angetreten sind, um ein neues Land zu gestalten. Und zynischerweise könnte man anmerken, dass eben dies Rubén in größerem Maße gelungen ist als Matías, der bis zu seinem Ende ein Dasein als Ökobauer und hoffnungsloser Alkoholiker gefristet hat.

Einen nach dem anderen lässt Chirbes aufmarschieren; kaleidoskopartig setzt sich so ein Bild aus Abneigungen, Gier, Machtstreben, intellektuellem Hochmut und Phantasterei zusammen. Keinen lässt er ungeschoren davonkommen, das ist das Bestechende an "Krematorium" - die allzu simple These vom rasenden Kapitalismus, der die paradiesischen Küsten in ein Betongewitter verwandelt hat, wird durch die Selbstgerechtigkeit relativiert, in der sich auch die vermeintlich Guten gefallen. So gerät der Roman nicht zu einem Schwarzweißbild, sondern zu einem einheitlichen Grau.

Da ist beispielsweise Silvia, Rubéns Tochter, eine Kunsthistorikerin, die dem Vater seine schmutzigen Geschäfte, die Korruption, die mafiösen Methoden, deren er sich bedienen musste, um das zu werden, was er ist, pausenlos vorhält, ohne zu bemerken, dass sie ohne die Vorzüge, die der Reichtum des Vaters mit sich bringt, nicht existenzfähig wäre. Da ist Federico Brouard, ein Freund Matías' aus Kindheitstagen; Alkoholiker auch er und einstmals gefeierter, heute vergessener Schriftsteller, über den Silvias Mann, der Literaturprofessor Juan, eine Biografie schreibt. Da ist Mónica, Rubéns junge Ehefrau, verachtet vom Rest der Familie, nicht eben klug, aber karrierebewusst und clever. Und schließlich Rubén selbst, Liebhaber klassischer Musik, hochintelligent und nicht unsympathischer gezeichnet als alle anderen auch. Sex, Koks, Gewalt, Erpressung, Liebe - all das gibt es in diesem Kosmos, und alles wird irgendwann auf ganz eigene Weise entwertet. Zurück bleiben Trübsinn und seelische oder körperliche Wunden.

Der ideologische Konflikt, der sozusagen im monologischen Fernduell zwischen Rubén und Silvia ausgetragen wird, ist der Motor, der den Roman antreibt. "Silvia ist überzeugt, dass dieser Realismus, der alles plattmacht, in dem alten Elend des Landes seinen Ursprung hat, aus den Resten des nie gänzlich überwundenen Francismus erwächst." Und an anderer Stelle stellt Silvia fest: "Geld ist das, was man machen muss, um es zu bekommen, um zu erreichen, dass es sich schnell vermehrt." In diesem Kreislauf ist Rubén gefangen - und jeder um ihn herum profitiert davon. Für Silvia war Matías der Inbegriff des freien Menschen; für Rubén erlangt man Freiheit "mit einer Arbeit, die einem gefällt und von der man so leben kann". Idealismus prallt auf radikalen Pragmatismus. Konsequent ausgelebt, so Chirbes' ernüchternde Erkenntnis, führt ersterer ins Verderben, letzterer ins Verbrechen.

Doch in erster Linie, das gilt es hervorzuheben, besteht "Krematorium" nicht aus Ideen, sondern aus Sprache, aus einem atemlosen, assoziationsreichen, glänzend geschriebenen (und übersetzten) Bewusstseinsstrom. Dass es in dieser Art von Literatur geradezu zwangsläufig zu der einen oder anderen Wiederholung kommt; dass es manchen Handlungs- oder Motivfaden gibt, der am Ende unverknüpft bleibt, ist geradezu logisch und kaum vorwerfbar. Misent, so heißt Rafael Chirbes' Epizentrum; eine fiktive Stadt an der Costa Blanca, ehemaliges Fischerdorf, in dem nun Wachstum, Handel, Verkehr, Hybris und Ernüchterung kulminieren. Ein sehr gegenwärtiger Ort also. Und ein Ort der großen Literatur noch dazu, deren Ohrenzeugen wir werden.

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