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Große Mutter, armes Tier

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Von: Sylvia Staude

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Gern treibt der Mensch seinen Scherz mit Kühen - indem er sie allzu menschlich macht.
Gern treibt der Mensch seinen Scherz mit Kühen - indem er sie allzu menschlich macht. © dpa

Sie brauchen so viel zu fressen, dass fast ein Viertel der gesamten Festlandsmasse ihrer Versorgung mit Gras und Getreide dient: Kühe. Ihnen hat Florian Werner ein ganzes Buch gewidmet. Von Sylvia Staude

Nach Lektüre von "Die Kuh - Leben, Werk und Wirkung" wundert sich die Leserin, dass Florian Werner offenbar der Erste war, der dieses Thema - zu Recht - eines ganzen Buches für wert befand. Denn mit keinem anderen Tier haben wir unser Schicksal so eng verbunden: Knapp 1,3 Milliarden Rinder gibt es derzeit auf der Erde, sie sind "die zahlenmäßig stärkste Großsäugerart der gesamten Erdgeschichte", so Werner. Sie brauchen so viel zu fressen, dass fast ein Viertel der gesamten Festlandsmasse ihrer Versorgung mit Gras und Futtergetreide dient. Und wenn sie gefressen haben, schädigen sie die Umwelt zusätzlich, indem sie den Erderwärmer Methan von sich geben. Der US-Ökonom Jeremy Rifkin nannte das Rind "Heuschrecke mit Hufen".

Aber wir haben diese Tiere schließlich erst dazu gemacht, indem wir sie in so unglaublichen Mengen zogen. So handelt Florian Werners Buch nicht wenig auch von uns, von unseren Vorlieben, Prägungen, Werturteilen, unserem Wunschdenken. Werner beschreibt die Anziehungskraft, die die Kuh - der Stier ist wieder eine andere Geschichte - schon immer auf den Menschen hatte: Sie weiß nicht um ihre Stärke, sie lässt sich zähmen, sie ist ein Milch-, Fleisch- und Leder-Lieferant, den man fast immer zur Hand haben kann. Einigen Schöpfungsmythen zufolge entstand die Welt dank einer Urkuh und ihrer nährenden, wärmenden Muttermilch.

Schöne Frauen hatten Kuhaugen

Schon vor Jahrtausenden haben wir uns ein Bild von der Kuh gemacht. Hera, Gattin des Zeus, konnte sich noch geschmeichelt fühlen durch den Beinamen "boopis", die Kuhäugige. Heute wäre jede Frau empört: Kühe gelten als nicht gerade clever, ihre Dummheit, meint man, ist an ihren mattdunklen, gewölbten Augen ablesbar. Ihr Wiederkäuen im Liegen aber berührt uns immer noch als Sinnbild für Frieden und fast meditative Ruhe. Werner zitiert eine Kuh-Stelle aus Robert Musils Erzählung "Grigia": "Man durchschritt ihren Kreis wie den einer dämmrigen erhabenen Existenz."

Florian Werners Kuh-Buch ist eine kluge, knappe Kulturgeschichte. Für alle Wandlungen der Kuh-Deutung, für die Wertschätzung oder Verachtung des Tieres, sogar seine Dämonisierung, hat er literarische und andere Belege gefunden, Gedichte, Filme, Gemälde, Werbeplakate, Karikaturen. Und die Bibel. Er denkt nach über das Goldene Kalb: Je mehr Rinder, desto mehr Reichtum, also betete man den Kuh-Nachwuchs an. Über die "Große Mutterkuh" McDonald's. Über die Kuh als - ganz offensichtlich! - weibliches Wesen. Und über die Verlockungen einer prallen Kuhmagd, nicht nur für manchen Schriftsteller oder Maler.

Als der Rinderwahnsinn entdeckt war, als 2001 in Großbritannien die Maul- und Klauenseuche tobte und Fleischberge brannten, nahmen das viele Kommentatoren als böses Zeichen: Wenn es mit der Kuh bergab geht, wird der Mensch folgen. Schuld daran wird freilich nicht das Tier sein.

Florian Werner: Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung. Nagel & Kimche 2009, 236 Seiten, 19,90 Euro.

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