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Wehe dem, der von Vladimir Nabokov verachtet wurde.

König Nabokov

Die große Kraft der kleinen Bosheit

Michael Maar entschlüsselt König Nabokov.

Von xxawi

Wer glaubt lesen zu können, der lese dieses Buch Michael Maars über Vladimir Nabokov. Er wird zuerst erschrocken, dann begeistert merken, wie weit er davon entfernt ist, schon ein Leser zu sein. Michael Maar ist uneitel genug, das lesen zu können, was auf dem Papier steht. Er überfällt das Buch nicht mit dem, was er im Kopf hat, sondern er ist frei genug, erst einmal den Text und nichts als ihn zu sehen. Maar schafft Platz. Nicht für übersinnliche Eingebungen, sondern für die Konzentration auf das Buch. Er weiß, dass keine Erkenntnis möglich ist, solange man sich nicht freigemacht hat von all dem, das man schon erkannt hat. Leer muss man sein, um sehen zu können.

Das ist freilich nur der erste Schritt des Lesers. Dann, da er überrascht wurde, Neues entdeckt hat, muss er alles das, das er beiseite schob, wieder heranholen, muss es konfrontieren mit dem Neuen. Jetzt ist sein Gedächtnis gefragt. Ihm muss einfallen, wo er das Wort, die Wendung, das Motiv, das Argument schon einmal gesehen hat. Er muss noch einen Schritt weitergehen: Er muss merken, wo es nicht auftauchte, wo es doch eigentlich hätte auftauchen müssen. Beim ersten Schritt versuchte der Leser jedes Eigengeräusch zu dämpfen, um den Text hören zu können. Beim zweiten Schritt versucht der Leser, was er dem Text abgelauscht hat, zu verstehen.

Noch immer bewegen wir uns im Text. Erst jetzt können wir versuchen, von ihm auf den Autor und die Welt, in der er lebt, zu schließen. Es gibt eine Tradition in der Literaturkritik, die dem Leser den Weg aus dem Text verbieten möchte. Nicht erst der Leser, der das versuche, überschreite seine Kompetenz, sondern schon der Text, der sich nicht damit begnüge, nur Text zu sein, überhebe sich. Er werde rhetorisch, kitschig, schlecht also.

Michael Maars "Solus Rex" ist keine Streitschrift gegen die Idee einer Literatur ohne Literaten, einer Literatur, die nichts kennt als Literatur. Michael Maar führt im Gegenteil vor, wie Literatur und Leben einander fordern.

Er versteht, was Vladimir Nabokov zum Kunstcharakter seiner Lolita und ihres Verführers Humbert schreibt. Aber gerade darum glaubt er ihm nicht. Man kann die künstlerische Kraft Nabokovs nicht klarer beschreiben, als Maar es tut, aber man kann auch nicht klarer machen, dass diese Kunst nicht nur die Frucht einer großen Begabung und das Ergebnis harter Arbeit war, sondern wesentliche Impulse einer Obsession und den Versuchen, sie gleichzeitig zu offenbaren und zu verbergen, verdankte. Wie oft ist über das Thema Nabokov und seine Nymphchen geschrieben worden! Niemals geschah es so genau, so begierig danach, "wie es eigentlich gewesen", so unbarmherzig also und doch gleichzeitig so weise und voller Mitgefühl wie auf den zwanzig Seiten des letzten Kapitels dieses Buches. Zunächst eine sehr kursorische, aber überzeugende Jungfernfahrt durchs ?uvre, an deren Ende steht, dass "Lolita" nicht nur in fast jedem Buch Vorläuferinnen hatte, sondern dass ihr auch Nachfolgerinnen folgten. Maar bringt das nicht als einen den Trieb des Lesers erstickenden Katalog. Sondern er spielt ihm wie auf einem Klavier die Motive vor. Er singt sie ihm ein. So dass er Maar glaubt, wenn er sagt, Nabokov habe das Manuskript von "Lolita" - entgegen seinen ersten Absichten - nicht verbrannt, weil er fürchtete, das Gespenst der Nymphe würde ihn, wenn er es aus dem Buch treibe, im Leben verfolgen.

Aber der Leser möge jetzt nicht mit dem letzten Kapitel beginnen. Er fange vorne an. Er wird sehen, mit wie viel Entschlossenheit und mit wie viel Vorsicht Maar Nabokov die Maske des kühlen Beobachters abnimmt, wie er den Narziss kenntlich macht, den, der sich ebenso sehr davor fürchtet, sich aufzulösen im Ganzen, wie er sich danach sehnt. Und dann lese er im Kapitel "Zauberer und Zwerg", wie vertrackt das Verhältnis Nabokovs zu Thomas Mann war, wie sehr die zur Schau gestellte Verachtung für den Deutschen durchtränkt war von der Lust, es ihm nachzutun. Nabokovs Erzählung "Der Kartoffelelf" ist, das zeigt Maar, genaue Umschrift, ja eine Transposition des "Kleinen Herrn Friedemann" von Thomas Mann.

Maar macht deutlich, wie wichtig für den Künstler Nabokov die "Stichelei" war. Er zeigt die kleine Bosheit als große schöpferische Kraft.

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