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Bahnhof Keleti, Budapest, vom Zug aus betrachtet.

Jaroslav Rudis

Die große, kleine, meine, seine Geschichte

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Eine Schienen-Novel: Jaroslav Rudis erzählt in „Winterbergs letzte Reise“ von zwei Verlorenen auf einer sehr langen Bahnfahrt durch Mitteleuropa – und imitiert womöglich etwas zu geschickt den Takt eines altmodisch ratternden Zuges.

Mit dem Zug kommt man zwar, wie das Wort schon sagt, zügig voran, zugleich bleibt im Zug selbst alles fast ewig gleich. Man hat unheimlich viel Zeit, kann sich unterhalten und langweilen. Man kann über das Leben nachdenken, in dem es gleichfalls permanent vorangeht, ohne dass man es wirklich begreift und mitbekommt. Man kann über den Tod nachdenken, ohnehin immer und hier erst recht, nicht nur, weil es in Friedrich Dürrenmatts „Tunnel“ eine banale, womöglich regionale Bahn ist, die auf ewig tiefer ins schwarze Nichts rast.

Jaroslav Rudis: Winterbergs letzte Reise. Roman. Luchterhand, München 2019. 543 Seiten, 24 Euro

Jan Kraus, der Erzähler im Roman „Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudis, ist als Altenpfleger in Berlin sozusagen auf „Überfahrten“ spezialisiert. Außerdem ist er Tscheche – „als Böhme“, wird ihm erklärt, „ist man nicht lustig, als Böhme ist man melancholisch, als Böhme denkt man oft über den Tod nach.“ Als die Tochter von Wenzel Winterberg, Sudetendeutscher, Jahrgang 1918, bettlägrig, ihn engagiert, scheint alles wie immer zu sein. Jedoch erholt sich Winterberg ad hoc und überredet seinen Pfleger, mit ihm nach Sarajevo zu reisen, mit der Bahn. Viel Redekunst muss er darauf nicht verwenden. Winterberg und Kraus haben beide wenig zu verlieren. „Wir sind beide verrückt ... Das ist doch schön“, sagt Winterberg viele Stationen und Hunderte Seiten später. „Ja“, sagt Kraus. „Und beide verloren ... Das ist auch schön“, sagt Winterberg. „Ja“, sagt Kraus. „Die Verrückten müssen zusammenhalten. Und die Verlorenen auch“, sagt Winterberg.

Die Zugfahrt erweist sich als schwierig. In einer Verbindung aus schlechter (keiner) Vorbereitung und aus Winterberg’schen Planänderungen – lieber erst nach Reichenberg / Liberec, nach Winterberg / Vimperk, nach Peenemünde (na so was) – kommt es zu einem mitteleuropäischen Kreuz und Quer. Es vereinfacht die Route nicht, dass Winterberg auf der ausschließlichen Verwendung eines Baedekers von 1913 besteht. „1913“, erklärt er, „war die Welt noch in Ordnung.“ Kraus’ Einwand, dass ein Jahre später der Erste Weltkrieg begann, beeindruckt ihn nicht. Da die Welt 1913 ja trotzdem noch in Ordnung gewesen sei. Es ist nicht leicht, sich Winterbergs Beharrungsvermögen zu entziehen.

Gleichwohl bleibt offen, ob Winterberg eine faszinierende Figur oder ein fürchterlicher Schwätzer ist. Gerne lässt man – und Jan Kraus auch – sich zunächst auf sein Faible für die Schlacht bei Königgrätz 1866 ein – als Niederlage Österreichs gegen Preußens ein Meilenstein auf dem Weg zu Bismarcks Reichsgründung und zu Habsburgs langsamem Niedergang. „Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, erklärt der ewige Habsburger Winterberg, Kraus spricht bald von seinen „historischen Anfälle“. Dann aber ist Winterberg doch auch nicht bereit (oder in der Lage), über die entsprechenden, längst auswendig gelernten Baedeker-Passagen hinauszugehen. Jan Kraus hält es irgendwann fast nicht mehr aus, und Autor Rudis sichert sich damit dramaturgisch ab: Wer sich langweilt oder in Winterbergs Redefluss zwischen Carl Ritter von Ghega und dem Busserltunnel bei Gumpoldskirchen den Faden verliert, befindet sich dann immerhin noch in der Gesellschaft des Erzählers.

Jan Kraus ist in dieser Schienen-Novel nicht bloß der jüngere Zuhörer. Auch er hat eine Geschichte hinter sich, zu der ein weggedrängter Heimatverlust gehört – er hatte keineswegs vor, ins Land seiner Jugend zurückzukehren –, und eine verlorene Liebe, die er auf der „Überfahrt“ begleitet hat. Jan Kraus hat ein Alkoholproblem und ist suizidgefährdet, und er wird es auch sein, der unterwegs den schwereren Zusammenbruch erleidet. Winterbergs Gesundheit hingegen ist märchenhaft, wobei Rudis es meidet, ins zu Unwahrscheinliche abzugleiten. Das ist schade.

Jan Kraus’ Verlorenheit wirkt vehementer als die plapperige des munteren Herrn Winterberg, der ebenfalls einer großen, in seinem Fall wahrlich alten Liebe hinterhertrauert. Wie Rudis hier eine finstere NS-Vergangenheitsgeschichte andeutet, wirkt merkwürdig künstlich. Möglicherweise geht man ihm (und Winterberg) nicht nur an dieser Stelle auf den Leim. Möglicherweise aber gelingt es Rudis auch nicht, das vertraute, aber erneut verheißungsvoll aufgebaute Szenario einer mitteleuropäischen und durchaus auch sentimentalen Reise à deux ausreichend zu füllen.

„Winterberg letzte Reise“, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, der an diesem Donnerstag vergeben wird, ist das erste Buch, das der 1972 in der Tschechoslowakei geborene Autor Jaroslav Rudis auf Deutsch geschrieben hat. Es bietet Situations- und Dialogkomik, auch witzige historische Analogien, wenn es beim protestantisch-katholischen Ehepaar in der Wallensteinstraße beim Streit „gleich nach dem nächsten böhmischen Fenstersturz aussah“. Es ist poetisch und rhythmisch, wenn der Erzähler immer wieder selbst ins Gleichmaß eines etwas altmodisch vor sich hin ratternden Zuges gerät – „Immer auf der Flucht. Vor der großen Geschichte. Vor der kleinen Geschichte. Vor seiner Geschichte. Vor meiner Geschichte“ – oder Winterberg milde sinnieren lässt: „Und so vergeht die Zeit, es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, ja, ja, wie die Zeit vergeht“. Aber in der Tat dominiert dann eben auch dieses Gleichmaß. So ist das auf einer Zugfahrt, gewiss.

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