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Der große Graben

Josef Braml analysiert die christliche Rechte in den USA zwischen "Bible Belt" und Ostküste

Von ALEXANDER JÜRGS

Seine Feinde, heißt es, soll man kennen. Seine Freunde zu kennen ist häufig noch wichtiger - gerade wenn das Verhältnis zu ihnen in jüngster Zeit feindlicher und frostiger geworden ist. Im Auftrag des Auswärtigen Amtes hat Josef Braml, zuvor Berater am US-Abgeordnetenhaus und heute bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik beschäftigt, eine Studie über die christliche Rechte in den USA vorgelegt, die er jetzt unter dem Titel Amerika, Gott und die Welt leicht überarbeitet vorstellt.

Bramls These ist nicht überraschend, aber klar formuliert: Die christliche Rechte wird in den USA weiter an Einfluss gewinnen, und zwar schneller und nachhaltiger, als wir meisten Europäer uns das wünschen. Die transatlantischen Beziehungen und die Ausrichtung einer deutschen und europäischen Außenpolitik wird dies in der nahen Zukunft elementar beeinflussen. Höchste Zeit also, sich mit dem Wechselspiel zwischen christlicher Rechten und Republikanischer Partei auseinander zu setzen.

Jimmy Carter und die Evangelikalen

Zunächst geht es Braml um das schlichte Sammeln von Fakten. Die Netzwerke und Graswurzel-Organisationen der Christian Right hat er sehr genau unter die Lupe genommen und die Politikfelder, in denen sie besonders engagiert sind (Wertediskussion, Abtreibungsgegnerschaft, Solidarität mit Israel) ausgesprochen klar, und dabei sehr trocken, beschrieben.

Bramls Analyse ist weit differenzierter als die Bilder, die deutsche Medien, vor allem im US-Wahlkampf 2004, von den Evangelikalen gezeichnet haben. So ist etwa die Verbundenheit der christlichen Rechten mit den Republikanern lange nicht so andauernd und fest, wie das häufig behauptet, zumindest suggeriert wird. Noch Ende der siebziger Jahre konnte Jimmy Carter, begünstigt durch die Enttäuschung über das aus christlicher Sicht amoralische Vorgehen Richard Nixons in der Watergate-Affäre, die Stimmen der Evangelikalen für sich sammeln und Präsident werden. Erst mit Ronald Reagan schlug das Pendel wieder in die konservative Richtung.

Auch der im christlichen Lager bislang erfolgreichste Stimmenfänger der Republikaner, George W. Bush ist, anders als die meisten Leitartikler es wahrnehmen wollen, kein ausgesprochener Partei- und Kirchgänger der christlichen Rechten. Seine Israel-Politik etwa, die sich zur "Road Map" bekennt, ist aus Sicht der Hardliner aus dem "Bible Belt" ein unakzeptables Zugeständnis an die Palästinenser. Die christliche Rechte für sich zu gewinnen gelingt dem Taktiker Bush sehr häufig trotz, und nicht wegen seiner Politik. Er hat ein Gespür für die Gefühlswelt und die Symbolik der Christian Right - und gebiert Fürchterlichkeiten wie den "Kreuzzug" gegen die Diktatur des Saddam Husseins.

Gleichzeitig bleiben Josef Bramls Amerika-Bilder an anderen Stellen holzschnittartig. Das mag einer gewünschten Präzision geschuldet sein, ist angesichts der eigentlichen Detailliebe und Schärfe seiner Analysen aber umso ärgerlicher. Auch Braml zeichnet das beliebte Bild des Grabens, der die USA unüberwindbar teilt. Hier der "Bible Belt", dort die linksliberale Ostküste, hier Texas, dort New York. Die Realität kennt meistens ein paar Brüche mehr. Noch vor wenigen Wochen hätte man sie in der Diskussion um die Koma-Patientin Terry Shiavo entdecken können, wo sich bekennende Liberale wie Nat Hentoff oder der Bürgerrechtler Jesse Jackson auf der Seite der Pro-Life-Aktivisten engagierten.

Zu wenig differenziert Braml auch, wenn er die extrem parteiische Israel-Politik der christlichen Rechten zu erklären versucht. Er nennt zwei Gründe: die Vorstellung einer "jüdisch-christlichen Schicksalsgemeinschaft", die sich gegen die Wertewelt des Islam zur Wehr setzt, und eine Reue für antisemitische Tendenzen innerhalb der christlichen Rechten. Diese beiden Punkte widersprechen sich allerdings: Wie soll sich eine Gruppe, die sich (eventuell nur aus taktischen Gründen?) für ihren Antisemitismus schämt und entschuldigt, gleichzeitig über eine gemeinsame Wertetradition mit der jüdischen Religion identifizieren? Bramls Klammer, mit der er die christliche Rechte zu fassen versucht, wirkt bemüht. Aus einer Hand voll differenter Positionen entwirft er eine allzu homogene Gruppe.

Im Vorwort des Bandes verspricht der SPD-Politiker Karsten Voigt, im Außenministerium für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit zuständig, Ideen für eine neue Politik zwischen Europa und den USA. Das Buch löst dieses Versprechen nicht ein. Braml beschreibt und entwirft neue Blickrichtungen, aber keine Handlungsanleitung für die Politik. Das ist sein gutes Recht: Er ist Wissenschaftler, nicht Parlamentarier. Wie nötig die von Voigt geforderte neue Politik aber ist, zeigt, dass auch knapp vier Jahre nach dem 11. September 2001 noch immer keine vernünftige gemeinsame Strategie der transatlantischen Partner gegen islamistische Terrorgruppen zu erkennen ist, ganz zu schweigen von einer Demokratisierung Iraks.

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